Ausgabe 
(7.2.1896) 6
 
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7. Fevr. 1896.

Gedanke» über Wissenschaft und Christenthum

will uns in Nr. 4 der Beilage ein Kritiker desSpec-tators" derAllg. Ztg." bieten. Er bietet aber bloßGedanken über die Objektivität des Erkennens und einigewohlgemeinte Ermahnungen an die Gelehrten. Von einerWiderlegung desSpectators" aber ist keine Rede, undder eigentliche Kern der Sache ist gar nicht erfaßt. Eshandelt sich nicht darum, ob Denken und Sein überein-stimmt, sondern darum, ob etwas Uebernatür-liches, Göttliches, Wunderbares in der Naturund Geschichte objektiv sicher und unanfecht-bar festzustellen sei. Diese Frage wird in derApologetik behandelt, und zwar so weit es sich um dienatürliche Offenbarung Gottes handelt, unter denGottesbeweisen, soweit es sich um die geschichtlicheoder positive Offenbarung Gottes handelt, in den Ca-piteln über die Offenbarung und die Wunder im allge-meinen, sodann über die Offenbarung des alten undneuen Testaments im besondern. Sowohl in der einenals in der andern Hinsicht ist bekannt, daß die Beweisevon Gottes Dasein und Erscheinen in der Natur undGeschichte es zu keiner vollen Stringenz und Evidenzbringen. Wohl spricht das vatikanische Concil von einerErkennbarkeit Gottes, nicht aber von sicherer Beweisbar-keit. Alle Bemühungen der Apologeten, Gottes Offen-barung zu beweisen, haben es nie bis zu einem Er-kenntnißzwang, bis zu einer innern Nöthigung gebracht;die Glaubenswahrheiten wurden nicht als allgemein gültigund nothwendig in dem Sinne erwiesen, wie es philo-sophische und metaphysische Grundbegriffe sein müssen,und es ist allerdings nicht zu verwundern, daß dieexakten und kritischen Wissenschaften, die nur mit sicherBeweisbarem operiren, Thatsachen aus dem Wege gehen,die nach ihrer Ansicht Sachen bloßen Meinens oderGlaubens sind. Man muß ihnen zugeben, daß derGlaube auf dem Gebiet des Erkennens nicht allein aus-zumachen ist, denn der Glaube ist ebensosehr Sache desWillens, oder wie man heute sagt, des Gemüthes,wie des Intellektes, anderseits aber ist jenen Wissen-schaften, der Natur- und Geschichtswissenschaft, nahezu-legen, daß ihre vorgebliche Exaktheit und kritische Strin-genz eben doch oft bloß eine vorgebliche und vermeintlicheist. Schon die Naturwissenschaften leben von einer MengeHypothesen (Aether- und Atomtheorie), noch unsichereraber ist die historische Kritik, worüber ein Aufsatz überRanke in den Histor. polit. Blättern ausführlicher handelnwird. Ohne Meinen, Vermuthen, Schließen geht es inder Geschichte nicht ab; schon die Grundlage, das Ver-trauen auf die Quellen, auf die Berichterstatter undZeugen einer historischen Thatsache ist eben ein Glauben,ein Glauben, der zwar nicht ganz gleichartig, aber ähn-lich dem religiösen Glauben, der Hingabe an kirchlicheund geschichtliche Autoritäten ist. Ein subjektiver Faktorbleibt überall, namentlich bei der Geschichte, übrig; wiewäre denn sonst die ganz verschiedenartige, ja entgegen-gesetzte Auffassung geschichtlicher Erscheinungen möglich?Daß auch beim Glauben ein subjektiver Faktor constatirtwerden muß, darf uns daher nicht erschrecken. Diesersubjektive Faktor ist das Gefühl für das Unend-liche, Ewige, das Streben nach dem höchstenbleibenden Gute, nach der Vollkommenheitund Seligkeit, das sich in der Idee GotteS ausspricht. Ohne diese Idee ist kein Gottesbeweis möglich,

unrichtig ist es nur, diese Idee als angeboren zu betrachten,wie der Ontologismus, oder als bloß ererbt oder über-liefert, wie der Traditionalismus, oder von einer un-mittelbaren Offenbarung Gottes im Gemüthe zu sprechen,wie der pantheistische Ontologismus. Man kann einganz guter Katholik sein der Verfasser könnte sehrhochgestellte kirchliche Personen nennen und doch Kants Kritik der Gottes beweise mit Kühn in soweit gelten lassen,als sie das unmittelbare Gottesbewußtsein nicht anfechten.Der Verfasser selbst geht zwar noch weiter und glaubt,der Kausalitätsbeweis sei sicher genug, um eine w-it«gehende objective Beweisbarkeit Gottes zu ermöglichen,aber vollendet kann dieser Beweis nur vermittelst derursprünglichen Gottesidee werden.

Noch wichtiger sind indessen die Beweise für dieOffenbarung im Allgemeinen und im Besonderen. Sieund nicht so fast die Gottesbeweise hat der Spectatorim Auge, wenn er davon spricht, daß alles zuletzt aufinnere Erlebnisse, Erfahrungen und Thatsachen des Ge-müthes hinauskommt. In der That, wer in sich undseinem Schicksale kein Wunder erlebt hat,wird schwerlich an Wunder glauben. SolcheWunder zu erleben und zu erfahren, ist aber nicht soschwer, als es bei einem Blick in die weite Welt denAnschein hat, das ist jedem möglich, der läutern Sinnes,empfänglich für höhere Anregung und dankbar für dieVorsehung ist. Das ist zuletzt eine moralische Frage,mag man sagen was man will; denn sonst wäre es un-wahr, daß Gott jedem seine hinreichende Gnade schickt.In diesem Punkte steckt auch die eigentliche Unentschieden-heit und Zweideutigkeit des Spectators, die sein Kritikerwohl fühlte, aber nicht herausfand. Nach ihm könnte esscheinen, als sei es bloßer Zufall, ein unverdientes Ge-schenk, daß Gott seine Gnade einem erzeige; Gott aberoffenbart sich jedem und gibt jedem die Möglichkeit, ge-recht zu sein, der bereit ist, mitzuwirken: das ist eineLehre, die nicht blos dem Molinismus, sondern über-haupt der katholischen Kirche eigen ist. Es kommt zuletztauf den Willen oder darauf hinaus, daß einer seineSeele und sein Herz für die höhere Welt offen hält, daßeiner, eingedenk seiner Schwäche und Endlichkeit, seinerBeschränktheit und Hilflosigkeit, seine Hand und sein Augezu den höheren Machten emporhebt, die sein Schicksalgestalten. Man muß ebenso dankbar für erwieseneGnaden, als für die geschichtliche Offenbarung, wie ehr-furchtsvoll für die christlichen Vorbilder und christlichenAutoritäten sein. Nun hat aber gerade der Zeitgeist dieentgegengesetzten Tugenden gezeitigt, die Undankbarkeit,Ehrfurchtlosigkeit und Rücksichtslosigkeit, und daher ist dergroße Abfall vom Christenthum leicht zu erklären. SeinenGipfelpunkt fand der Zeitgeist in Nietzsche, der die Rück-sichtslosigkeit, die Gefühllosigkeit, den Egoismus und dieBosheit verherrlicht und als Grundlage der Moral hin-stellt, und er hat sich selbst mit Recht Antichrist genannt.Ich habe in den Histor. polit. Blättern (116. Band)ausführlich über Nietzsche berichtet und verweise hierauf.

Es ist also, ich wiederhole, eine moralische Frage,auf die es im Streit zwischen Glauben und Unglaubenankommt. Das wußte man freilich schon lange, und manhat von gläubiger Seite nicht unterlassen, bei den Heroendes Unglaubens nach allerlei moralischen Flecken und Ge-brechen zu spüren, man hat sich dabei aber oft lächerlichund kleinlich gemacht, und die Gegner hatten leichtes