Ausgabe 
(7.2.1896) 6
 
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Spiel, mit ihren Splitterrichtern fertig zu werden. Dennjene Apologeten glaubten ihr Ziel nicht erreicht zu haben,wenn sie nicht den Vorwarf grober Unsittlichkeit aus ein-zelnen Vorkommnissen Herausgestalten konnten. Oderwenn die Apologeten gar in den Ton von Moralpredigernfielen, so waren die Gegner gleich bereit zu sagen, siewüßten nichts anderes, als die Entscheidung theoretischerFragen einem ins Gewissen zu schieben. Die Gegnerwiesen immer schadenfroh darauf hin, wie ihre Heldenehrliche und brave Menschen waren, wahre Heilige wieSpinoza, edel wie Schleiermacher und Strauß, braveFamilienvater und rastlose Arbeiter wie Renan, daß dieApologeten an Sittlichkeit weit hinter diesen bösen Frei-geistern zurückbleiben. Und in der That kann das wohlder Fall sein, der Apologet kann äußerlich betrachtet inder sittlichen Schätzung der Menschen hinter einem Frei-geist zurückstehen, aber dann ist sicher auch das Bewußt-sein seiner Gebrechlichkeit, Hilflosigkeit und Beschränktheitviel großer, und während der Freigeist sich stolz auf ein-same Höhe stellt und sich in seinem Glänze berauscht,wird jener demüthig sein Haupt neigen und seine Sünd-haftigkeit bekennen. Der Wissensstolz und die Selbst-gefälligkeit ist eine viel größere Sünde als die Schwäche,und der Heiland hat wohl den Sündern, nicht aber denPharisäern verziehen.

Der Spectator hat also unrecht, wenn er das Augevor den erwähnten Thatsachen verschließt er muß esja verschließen, weil er, nun einmal in die Gesellschaftvon Freigeistern gerathen, doch nicht unhöflich sein kann, aber recht hat er, wenn er behauptet, es kommezuletzt auf innere Erfahrungen an. Ob es Wunder gibt,und ob die Bibel Gottes Offenbarung enthält, das kannnur bis zu einem gewissen Grade objectiv ausgemachtwerden. Die Apologetik kann z. B. die Echtheit der hl.Schrift erweisen und einen hohen Grad von Evidenz er-reichen, aber ein subjectiver Factor bleibt besonders beider Frage nach der Glaubwürdigkeit der historischenZeugen. Die zeugenkritische Untersuchung muß bestimmteVoraussetzungen über die einem Zeugen nothwendigegeistige und sittliche Beschaffenheit machen. Es mußfeststehen, daß religiöse Stimmung und Erhebung mitder klaren Erkenntniß subjectiver Thatsachen vereinbarund der Ruhe des Sinnes und Klarheit des Urtheils nichthinderlich sei, daß religiöser Enthusiasmus, religiöse Be-geisterungundErleuchtungnichtnothwendigjeneschwärmerischschwüle Atmosphäre erzeugt, in welcher die concreten Gestaltenund Geschehnisse der Wirklichkeit nebelhaft zerfließen. Vielwichtiger indessen als diese Voraussetzung, welche selbstwieder in allgemeinem Ansichten über Religion und diedurch sie geschaffene normale und abnormale Stimmungwurzelt, ist der historische Nachweis, daß die Zeugen derOffcnbarungsthatsachen sich durch ihren Wandel und ihrWirken als Männer bewähren, denen wir uns geistighingeben, denen wir glauben und vertrauen dürfen.Freilich, was sie sahen und hörten, das waren vorüber-gehende Erscheinungen und flüchtige Worte. Um für alleMenschen eine Geltung zu beanspruchen, scheinen dieseThatsachen und Worte wegen ihrer räumlichen und zeit-lichen Beschränktheit unfähig zu sein. Deßhalb verlangtHartmann von den Offenbarungsthatsachen, daß sie sichjedem Menschengeiste speciell enthüllen. Erst so sollensie sich zum Rang von allgemeingültigen Vernunftswahr-heiten erheben. Indessen erhalten diese Thatsachen undWahrheiten eine gewisse räumliche und zeitliche Allgegen-Wrt und deßhalb Allgemeingültigkeit durch die lebendige.

überall hinbringende Ueberlieferung der Kirche, in welcherein Zeuge an Stelle des andern tritt und deßhalb selbstZeuge wird. Die Kirche, in welcher der gleiche hl. Geistwie vor Jahrhunderten lebt, versetzt uns über die Schrankender Zeit hinüber in die Gegenwart der Ereignisse, welchedie Grundlage des Glaubens sind. Das heute noch rr-fahrbare Wirken der kirchlichen Organe gewährleistet unsdie Wahrheit und den Werth der uns schriftlich bekanntwerdenden Anfänge, die Göttlichkeit ihres Ursprungs undAusgangs. Durch ihre Vermittlung werden wir selbstAugenzeugen der Ereignisse und vermögen wir weiter zuzeugen.

Wenn wir von der Glaubwürdigkeit der biblischenSchriftsteller fest überzeugt sind, werden wir auch ihrenWundererzählungen gerne Gehör schenken, mögen sie nochso sehr unsere Fassungskraft übersteigen. Gerade jegrößer ein Wunder ist, je außerordentlicher, unglaub-hafter und räthselhafter, um so größer ist das Staunenvor der in ihm sich offenbarenden Gottesgewali. Weran einen Gott glaubt, der wird auch Wunder nicht ab-lehnen können, mag ihm auch nie in seinem Leben einwirkliches Wunder, ein Durchbrechen der Naturgesetze,vorgekommen sein. Denn er wird sich sagen, daß seinebeschränkte Erfahrung nicht ausreicht, eine solche Mög-lichkeit zu verneinen. Eine fortgesetzte Reihe von Er-fahrungen gleicher Art gibt allerdings einen Jndnctions-beweis, aber eine Iuduction hat nie den Werth einesSyllogismus. Man hat allerdings aus dem Begriff desNaturgesetzes die Unmöglichkeit eines Wunders deducireuwollen, allein man hat nicht beachtet, daß das Wundergar nicht das Naturgesetz aufheben will. Gott benütztim Wunder die Naturkräfte und -gesetze, um eine höhereoder entgegengesetzte Wirkung hervorzubringen, ähnlichwie der Mensch täglich dem Walten des einen Natur-gesetzes ein anderes entgegensetzt und die Wirkung desWassers z. B. durch Dämme, Schiffe, Feuer aufhebt.Gott kann dies aber viel rascher und stärker ohne vieleVermittlungen thun, das Brod vermehren, ohne zu säenund zu ernten, den menschlichen Körper gegen Feuer undFall stärken, die erloschene Lebenskraft ohne Arzneienwieder erwecken.

Am schnellsten fertig sind jene Gegner der Offen-barung, welche überhaupt die Möglichkeit leugnen, daßGott in anderer als der gewöhnlichen gesetzlichen undnaturgemäßen Weise wirkt. Ein Heraustreten Gottesaus dieser Ordnung und eine Offenbarung an einem be-stimmten Punkte des Raumes und der Zeit sei durchden Begriff eines unendlichen, über Zeit und Raum er-habenen Wesens, welches über jede beschränkte Erscheinunghinausgeht, und durch den Begriff göttlicher Gesetzlichkeitund Gerechtigkeit, welche keine einzelne Person und Zeitbevorzugen könne, ausgeschlossen. In der That vermagkeine irdisch beschränkte Erscheinung Gottes Wesen zumvollen Ausdruck zu bringen, und die geschichtliche Bevor-zugung einzelner Völker und Menschen bietet zumal nachder streng prädestinatianischen Ansicht erhebliche Schwierig-keiten. Allein abgesehen von anderen Gründen würdeman Gefahr laufen, Gottes Freiheit, seine Liebe und seinlebendiges Wirken gegen eine starre Gesetzlichkeit auf-opfern zu müssen, wollte man jede besondere Einwirkungauf die Natur und den Geist des Menschen leugnen.Dadurch würde nicht nur jede religiöse Mannigfaltigkeitund die Individualität des religiösen Lebens zur Un-möglichkeit, sondern man müßte auch die Ueberweltlich-keit, das Fürsichsein und das Eigenleben Gottes leugnen,