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die stark gerötheten Wangen und die zusammengekniffenenAugenbrauen würden ihn unschön erscheinen lassen, wennnicht das feurige, offene Auge, das reich wallende, ander Stirn ergraute Haar und der noch schwarze, volleBart sein Aeußeres heben würden.
Das Geburtshaus des Künstlers, „beim Nömayeroder Neumayer« (so hieß es noch 1856), heißt jetzt„beim Emmer" und ist nördlich von der Kirche, rechtszurückgelegen, das letzte Bauernhaus vor dem Gasthausedes Dorfes.
Balthasar, so hieß ihn gewöhnlich die Mitwelt/')starb in Dresden den 18. (?) Februar^) 1732 imAlter von 80 Jahren und 6 Monaten und wurde am22. Februar auf dem Friedrichstädter Gottesacker im„Freudhof der Königin"^) begraben, dem Friedhofe, woauch Karl Maria von Weber und Friedrich von Schlegel später zur Ruhe gebettet wurden. Ein Dresdener Ge-legcnheitspoet, Johann Gottlieb Kittel (Mikrander), fertigtebei Permosers Tod folgende als Grabschrift gedachteZeilen:
„Laltbssar liegt allhier, der kluge Bild Arbeiter,
„Der dem Praxiteles und kbiäias nicht wich.
„Sein Nahm ist weit berühmt, drumb brauchet er nichts weiter„AIS diesen Leichenstein zum Dcnckmahl über sich.
„Denn wolle man Ihm gleich ein kostbahr Grabmahl bauen„So reißt es doch die Zeit durch Wind und Wetter ein,
„Ein edles Marmorbild daß seine Hand gehauen,
„Ist von ihm selbsten schon sein bester Grabe Stein."
Die Verse mögen selbst jener anspruchslosen Zeitzu ärmlich erschienen sein, denn auf dem Monumentesteht eine andere Grabschrift, welche lautet:
Herr Laltlrasar Lsrmossr, ist gebohren zu Cammer, inBayern 1650 d. 1 ^ug-usti: gestorben in Drcßde d. 20Febr. 1732
Ruhet hier am Fuß des Creutzes welches er gebildet hat,seines Alters 81 Jahr 7 Mon.
Diesen Meister in Bildhaucnkann nicht jeder sich getrauengleich zu kommen an Ähnlichkeit,an Stellung, Stärke, Feinigkeit.
Er gab alles dock kein Leben,
das nur 607"1' kein Mensch kann geben.
Seine Hand macht theur Marmlstcin,
Wachs. Holt;, Metal u. Helfendem.
Lebt jetzt mit 60VL durch sein Tugenddie er liebte von der Jugend.
Hier wird allzeit leben in Gunstund Hochachtung seine Kunst.
Seinen verstorbenen Vetter zu Danck und Gedachtnüßhat dieses in Nahmen der Frenndschafft geschrieben ist. LI.
Die Buchstaben LI. N. bedeuten Michael Moscr,den Vetter, Schüler und Erben Balthasars. Er wargeboren am 26. September 1698 als Sohn des Meisl-bauern von Selberting, Georg Moser, und seiner Ehe-frau Barbara, geborenen Archer. Balthasar hatte ihnwie an Kindesstatt zu sich genommen, ihm die Bild-hauerei gelehrt und fremde Sprachen lernen lassen. Zumeigentlichen Berufe wählte Moser das Gold- und Silber-schmiedehandwerk, wobei ihm die Kenntnisse und Fertig-keiten, die er bei Permoser im Zeichnen, Modelltren undElfenbeinschnitzen erworben hatte, trefflich zu stattenkamen. Er ging — wahrscheinlich nach dem Tode seinesväterlichen Freundes — nach England und erlangte dort
°') »II 68t plus connu 80N8 son now äs Lateins.- Ilass-äorn, Lelairoisseinsnts bist. 333.
Vergl. die Angabe der Grabschrift! Müller l. o. 15.
°b) Maria Joseph« hatt- ihn für ihre katholische Hofdicner-schaft anlegen lassen.
°') Vergl. Gustav Müller !. o. S. 21, 26, 13.
großen Ruf als einer der besten Gold- und SilberschMkebe,Emailleure und Juwelenfaffer. Auch wurde er Haupt-lehrer an der von James Thornhill errichteten, von dessenSchwiegersohn William Hogarth fortgeführten Maler-akademie. Bei Stiftung der Königlichen Akademie 1768wurde er von König Georg III. zum Mitglied derselbenernannt. 1719 oder 50 stiftete Michael Moser seinemVetter und Lehrer und dessen Base Elisabeth eine Jahr-messe in der Filialkirche zu Kammer und für sich selbsteinen Jahrtag. Ort und Zeit seines Todes sind un-bestimmt: er soll 1773 gestorben sein, wahrscheinlich inLondon .
Ein drittes Glied dieser künstlerisch angelegtenBauernfamilie steht in den Blättern der Kunstgeschichteverzeichnet: die Tochter des Michael Moser, MariaMoser. Sie war eine vorzügliche Blumenmalerin undstand bei Hofe in großer Gunst. Von ihrem Talentezeugt die Thatsache, daß Marie Moser und AngelikaKausfmann die einzigen weiblichen Mitglieder blieben, diein den Listen der Königlichen Akademie in London auf-geführt sind. Marie Moser soll 1789 gestorben sein.
Außer Michael Moser werden noch 5 Schüler Per-mosers genannt: Paul Heermann aus Weikmannsdorfbei Freiberg, Valentin Schwarzenberger aus Leipzig ,Alfanz aus Wien, Paul Egell aus Mannheim und LouisFranaois Roubillac aus Lyon.
Von Paul Heermann weist G. Müller nach, daß erkein Schüler Permosers war.
Die Arbeiten Schwarzenbergers scheinen ganz, dievon Alfanz zum größeren Theil verschollen zu sein.
Paul Egell , geboren 1691, gestorben 10. Januar1752, ließ sich dauernd im Pfalzbayerischen Mannheim nieder und lieferte für Kurfürst Karl Theodor eine An-zahl Statuen in den Garten von Schwetzingen . Einschönes Grabmal von seiner Hand soll in Durlach sein.
Der bedeutendste Schüler Balthasars war L. F.Noubillac, geboren um 1690, gest. 11. Januar 1762in London. 1720 war er nach England gegangen, undhier schuf er eine große Zahl Denkmäler berühmterPersönlichkeiten für englische Kirchen. Seine Werke sindin der ausschweifendsten Manier des von ihm hochver-ehrten Bernini ausgeführt. Westminster Abbey bewahrt7 große Arbeiten seiner Hand, darunter seine letzte: dasBild des Componisten Händel . Eine Statue Händelsfür den Londoner Vergnügungsplatz Vauxhall Gardenwar auch seine erste Arbeit auf englischem Boden ge-wesen und hatte seinen Ruf begründet.
AIs Gehilfe "Permosers ist urkundlich beglaubigtBildhauer Benjamin Thomae von Pesterwitz bei Planen(1682—1751). Auf Bitte und Empfehlung des mitköniglichen Auftrügen überhäuften, alternden Meistersbewilligte König August unterm 21. Juli 1712, daßBenjamin Thomae mit einem festen Gehalt von 200Thaler als Mitarbeiter Permosers in seinen Hofarbeitenbestellt werde.
Die deutschen Kolonien in Sndrnßlnnd.
Von I. E. Biller.
Bis kurze Zeit vor meiner Abreise hatte ich kaumeine Ahnung, daß es im Süden von Rußland deutsche Ansiedlungen gebe, deren Bewohner trotz russischer Unter-thanenschast deutsche Sprache und deutsche Sitte so reinbewahrt haben. Man fühlt sich dort gleichsam in einanderes Land versetzt, das die Heimath nur wenig ver-missen läßt. Ja das Deutschthnm hat sich mit der Zeit