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so stark entwickelt, daß die Russen schon die völlige Ger-ruanisirung des Südens befürchteten und darum auchbereits zv. russifiziren begannen. Und hier in Deutsch-land hat man nur spärliche Kunde von jenen Lands-lenten an den fernen Gestaden des Pontus, die immernoch mit Achtung und Liebe auf ihr ehemaliges Vater-land blicken. Es ist darum nur ein Akt landsmiinnischerPietät, wenn ich darangehe, etwas Weniges über jenesKlein-Deutschland und die bestehenden Verhältnisse zuerzählen und so das öffentliche Interesse wieder einiger-maßen auf sie hinzulenken.
Die ersten Einwanderungen der Deutschen datirenschon aus dem Jahre 1763. Czar Peter der Große hatte, um auch im Süden das Meer zu gewinnen, fastbeständigen Krieg gegen die dort ansässigen Türken undTataren unterhalten, und es war ihm auch wirklich ge-lungen, das ganze südliche Steppengebiet am SchwarzenMeere zu erobern. Diese weiten, aber öden Lündereienwollte nun seine Nachfolgerin, die Kaiserin Katharina II. ,bevölkern und fruchtbar machen. In eigenen Manifestenlud sie zur Kolonisirung ein und versprach besonders denDeutschen große Privilegien und Vorrechte für den Falldauernder Niederlassung.
Noch im Jahre 1763 folgten Tausende von Deutschendem Rufe der Kaiserin, und Negensburg wurde der Sammel-punkt für alle Auswanderer aus Bayern, Sachsen, Würt-temberg, Baden, Hessen, Elsaß, Tirol und der Schweiz .Die große Reise ging nun über Preußen nach Nordruß-land, von wo sie erst im nächsten Jahre nach dem Südenweiter befördert wurden, entweder in die Wolgadistrikte— jetziges samarischeS Gouvernement — oder an dieUfer des Schwarzen und Asowschen Meeres, wo sie in demsogenannten Neu-Nußland jetzt drei Gouvernements ein-nehmen: Cherson, Taurien und Jekaterinoslaw.
Später wurde die Zahl der deutschen Ansiedlerdurch neue Zuzüge noch bedeutend vermehrt, da infolgeder herrschenden religiösen Wirren manche in Deutschland zur Auswanderung sich veranlaßt sahen, so daß jetzt diedeutschen Kolonien eine bunte Musterkarte von Volks-siammen und Konfessionen auszuweisen haben.
Die Bedingungen, unter welchen die Deutschen inRußland sich ansiedelten, waren, wenigstens von Seiteder Regierung, sehr gute. Jeder der Kolonisten bekam60 Deßjatin (L 3 Tagwerk) Boden zum Eigenthum,sowie den für den Anfang nöthigen Bedarf an Vieh undFahrniß, und außerdem waren sie 10 Jahre lang vonjeder Steuer frei. Die Privilegien aber, die ihnen ur-sprünglich verliehen worden waren, wurden leider nochwährend der Negierungszeit der Kaiserin Katharina wegender Eifersucht der Russen zum großen Theile auf-gehoben, so daß jetzt nicht mehr allzu viele davon inGeltung sind.
Die Gegend, welche den Kolonisten zur neuenHeimath werden sollte, war freilich nichts weniger alseinladend. Man stelle sich eine unendlich weite, wald-nnd wasserlose, etwas wellenförmige Ebene vor, welchemancherorts von eigenthümlichen Erdriffen, von den An-siedlern „Ritsch" oder „Balken" genannt, durchzogenwird, und man wird ein ziemlich richtiges Bild jenersüdrnssischen Steppen gewonnen haben. Höchstens könnteman noch die eigenthümlichen, etwa einen Schuh hohenund 4—5 Schuh im Durchmesser haltenden, kreisrundenHügelchen erwähnen, die man ziemlich zahlreich in dernoch ursprünglichen Steppe findet, und für deren Vor-handensein die verschiedensten Vermuthungen bestehen.
Gerade mit Hinweis auf diese sonderbaren Hügelchenfragte mich ein kleines Kolonistenmädchen, — eine sehrbezeichnende Illustration für die Einförmigkeit der Ebene— „ob es in Deutschland auch so hohe Bergs gebe".
Im Frühjahr tritt regelmäßig die Regenzeit ein,und zwar mit einer Heftigkeit, die nur den Tropen-gegenden nachsteht, indem es 4—5 Wochen nach einanderfast täglich regnet. Die Wege, denen jede Steinunter-lage oder Beschotterung vollständig fehlt, bilden währenddieser Zeit nur eine schwarze, schlammige Masse, die denVerkehr fast zur Unmöglichkeit macht. Der Pflanzen-wuchs der Steppe wird aber durch den Regen außer-ordentlich gefördert, und im Anfange des Sommers istdas Gras so hoch und so üppig, daß stellenweise sogarein Reiter darin völlig verschwinden kann.
Das Klima kann man im allgemeinen nicht andersals extrem nennen. Der Hochsommer ist gewöhnlich voll-ständig regcnlos und bringt eine solche Hitze, daß alleVegetation auf der Steppe nach und nach völlig ver-dorrt, was den Reiz der Gegend wahrhaft nicht erhöht.Im Winter fegen eisige Schncestürme über die kahlenFlächen dahin, so daß 2- und 3fache Pelze vor Kälteoft kaum zu schützen vermögen. Und wehe dann demFuhrmann, der bei solchem Unwetter die Wege nichtgenan kennt! Er kann Tage lang herumirren müssen,und auch Beispiele mit noch traurigerem Allsgange sindnicht selten.
Trotz der nicht besonders günstigen örtlichen undklimatischen Verhältnisse und trotz der Schwierigkeiten undEntbehrungen, die man im Anfange so reichlich durch-zukosten hatte, haben die Deutschen sich mit der Zeiteinzurichten verstanden.
Als ich auf meiner Reise durch verschiedene Russen-dörfer kam und hier sah, wie die armen Leute in kleinen,elenden Lehmhütten wohnen, die, fast regellos auf dieglühende Steppe hingestellt, auch nicht eine Spur vonBequemlichkeit ausweisen, da fürchtete ich bereits, esmöchte dieser Typus auch für die deutschen Dörfer maß-gebend sein. Doch wie war ich angenehm enttäuscht, alsich die erste deutsche Niederlassung zu sehen bekam! Einkleiner Wald tauchte vor meinen Blicken auf, und nebendem Wald ein Dorf, genau so lang wie der Wald selbst,so behaglich und so einladend, so nett und so reinlich,daß ich mir unwillkürlich sagen mußte: Mit solchenDörfern braucht sich Deutschland nicht zu schämen.
Man denke sich eine circa 33 rn breite und etwa1600—1800 ra lange, schnurgerade Dorsstraße, rechtsund links von Bäumen begrenzt, hinter welchen inmittenwohlgcpflegter Blumcngärtchen die Wohnhäuser sichtbarwerden. Jeder Hof hat einen eigenen Eingang von derStraße her; das Hans ist auf 2 oder 3 Seiten vonObst- und anderen Bäumen dicht umgeben, die besondersgegen die Straße hin das Haus fast völlig verdecken.Dieses selbst ist aus Ziegelsteinen sehr massiv und zweck-mäßig aufgeführt und besteht regelmäßig nur aus einemErdgeschoß; „denn warum", so wurde mir auf meinediesbezügliche Frage geantwortet, „warum sollen wir indie Höhe bauen, wenn uns auf dem Boden Platz genugznr Verfügung steht". Und bei der hier gewöhnlich herr-schenden großen Sommerhitze hat diese Banart auch ihreunleugbaren Vorzüge. In Bezug auf Eiutheilung derRäumlichkeiten ist fast ein Hans gebaut wie das andere,und der Salon, der nirgends fehlt, bildet gleichsam denMittelpunkt des Ganzen.
Einen sehr netten Anblick gewährt es, daß an fast