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Die deutschen Kolonien in Südrrchllmd.
Von I. E. Biller.
(Fortsetzung.)
Wenn man nach den Ursachen sich erkundigt, welchedie Musterhafte Ordnung in den deutschen Dörfern ge-schaffen haben, so wird man fast regelmäßig auf früheredeutsche,.. Verwaltung hingewiesen. Für alle deutschenKolonisten in ganz Rußland war nämlich anfangs eineeigene Verwaltung aufgestellt worden, in welcher die so-genannten Inspektoren vielleicht den wichtigsten Theil zubesorgen hatten, nämlich die Visitation der Dörfer u. a.Die Kolonisten wurden von ihnen, wie ich hörte undauch aus den alten Verordnungen ersehen konnte, fastwie Leibeigene behandelt, aber nur zu deren eigenemWähle. Und es war auch eine eiserne Strenge noth-wendig, um eine Gleichheitlichkeit zu erzielen in diesenNiederlassungen, deren Bewohner aus den verschiedenstenGauen Deutschlands sich zusammengefunden und welchedie verschiedensten Sitten, Lcbensgewohnhciten und Ve-wirthschaftungsweisen mitgebracht hatten.
Von der deutschen Verwaltung war die Anpflanzungvon Wäldern befohlen und deren Instandhaltung über-wacht; sie sah auch darauf, daß die Gärten gut gepflegtwürden, daß überall Ordnung und Reinlichkeit herrsche,und ließ es sich auf alle mögliche Weise angelegen sein,den Gemeinstnn zu nähren und zu heben, kurz die Ko-lonisten wurden beständig überwacht und zur Arbeit an-gehalten. Der Paragraph 314 der alten Kolonialordnunglautete sogar: „Sobald die vorschriftsmäßige Zeit zumAckerbau eintritt, haben die Schulzen bekannt zu machen,daß alle Einwohner früh morgens auf das Feld sich be-geben und mit gehörigem Fleiß an die Arbeit gehen;die Aufsicht darüber führen die Zehntmänner." EinzelneBauern, welche die Ackerbestellung nachlässig vornahmen,wurden eingesperrt und deren Felder auf ihre Kostenvon andern bestellt.
Doch die weise Strenge der Verwaltung brachteüberraschende Erfolge. Die deutschen Kolonien galtenbald als Muster von Schönheit und Ordnung, ja vonden Russen wurden sie geradezu als landwirthschaftlicheMusterschulen betrachtet. Und als man später daranging, Judendörfer zu bilden und deren Bewohner zumAckerbau anzuhalten, wurde sogar angeordnet, daß injedem Judendorfe 4—6 deutsche Musterwirthe sich nieder-lassen sollten, damit die Juden die Bewirthschaftnngs-wcise bei ihnen erlernen könnten. Und wirklich findetman auch jetzt noch in jedem Judendorfe die vorge-schriebene Zahl Deutscher, deren Höfe sich durch reichereBaumanlagen, durch größere Ordnung und Wohlhaben-heit in erfreulicher Weise von den übrigen Häusernunterscheiden.
Seit etwa 20 Jahren ist die eigene deutsche Ver-waltung aufgehoben und dafür überall die russische ein-geführt. Es bedeutete das freilich einen Schaden für dieEntwicklung der deutschen Kolonien, aber trotzdem wäreeL ungerecht, das System der jetzigen Dorf- und Wolost-verwaltung ein schlechtes nennen zu wollen. Ich bin imGegentheil zur Ueberzeugung gekommen, daß die groß-artige Selbständigkeit, welche den Bauern in der Ver-waltung eingeräumt ist, unserer oft nur allzu bureau-kratischen Verwaltung vorzuziehen sei; Mißbräuche sindfreilich nicht ausgeschlossen. Aber wo in der Welt gibtes etwas, das nicht mißbraucht werden könnte?
Der Vorstand jeder Dorfgemeinde heißt Schulzeoder Starost, und es steht ihm eine große Machtbesugniß
zur Seite. So hat er beispielsweise das Recht, ohnevorherigen Nichterspruch jemanden bis zu 24 Stundeneinsperren zu lassen. Ein ganz außerordentliches undsehr wcrthvolles Recht besitzt ferner die Gemeinde darin,daß sie unverbesserliche Subjekte aus der Dorfgcmeinschaftausschließen und durch Vermittlung des Gouverneurs nachSibirien verbannen kann, eine Befugniß, von der auchzur rechten Zeit Gebrauch gemacht wird. Neben derErledigung der gewöhnlichen Gemeindeangclegenheiten hatdie Verwaltung auch den treffenden Steuersatz nach Maß-gabe des überwiesenen Steuerquantnms für die einzelnenGemeindemitglieder festzustellen, für die Eintreibung zusorgen, ferner Schule und Lehrer zu unterhalten u. s. w.Eine sehr lobenswerthe Institution fand ich auch noch inder Einrichtung der Getreidespeicher; jeder Bauer ist ver-pflichtet, alle 2—3 Jahre das für seine ganze Bewirth-schaftung nöthige Samengetreide in den Dorfspeicher zuschaffen, um im Falle einer Mißernte wenigstens denvorräthigcn Samen zu besitzen.
In den Händen der Gemeindeverwaltung ruht auchdie niedere Polizeigcwalt. Von je 10 Bauern wirdeiner als Zehntmann (Dessatski) und von je 100 einerals Hundertmann (Ssotski) zum Polizeidienst ausgewählt.Von der Regierung werden nur die höheren Polizei-organe bestellt. Ucbrigens wird diese Dorf-Polizeigewaltim allgemeinen sehr „human" ausgeübt. So z. B. istauch in Rußland die Erlaubniß zur Jagd von der Lösungeiner Jagdkarte abhängig gemacht; mit einer solchen aus-gerüstet, rann man jagen, wo und wann man will, undwer keine besitzt, kann gleichfalls pürschen, wo und wan»er will!
Mehrere Gemeinden zusammen bilden eine soge-nannte Wolost, die am besten mit unsern alten Land-richtereibezirken verglichen werden kann. Ein russischerAdeliger hat darüber in der Regel als Landvogt(Natschalik) die oberste Aussicht, die jedoch faktisch ohnegrößere praktische Bedeutung ist. Das eigentliche Ober-haupt der Wolostverwaltung ist der Oberschnlze oderStarfchina; Mitglieder sind alle Schulzen und die Ab-geordneten von je 10 Bauernfamilieu. Die Wolost hatvon den Dorfgemeinden die Steuern einzufordern undan den Staat abzuliefern, sie unterhält ferner ein eigenesWolostgericht, dessen bäuerliche Richter bis zu 14 TagenHaft und bis zu 40 Knutenhieben „verordnen" können;sie richtet auch gemeinschaftliche Schulen ein und ver-waltet dieselben u. s. w., kurz, die Wolost ist nicht bloßdie oberste autonome Landgemeine, sie ist auch die fasteinzige Vermittlerin zwischen der Regierung und denBauern. Auch viele sociale Einrichtungen haben in der-selben ihren Sitz und ihre Verwaltung, so z. B. bestehteine Viehversicherung, eine Brandvcrsicherung (natürlichauf Gegenseitigkeit gegründet), eine Centralschule, derenZöglings sich zu Schullehrern ausbilden können, eineHandwerkerschule, eine Baumschule rc. rc., lauter Dinge,die vielleicht mancher in Rußland nicht gesucht hätte.
Den Hauptcrwerbszweig in jenen Niederlassungenbildet selbstverständlich der Getreidebau, wozu sich auchder schwarze, fruchtbare Boden außerordentlich gut eignet,indem er eine fast unerschöpfliche Keimkraft in sichbirgt und vielleicht noch lange Jahre einer Düng-ung nicht bedürftig sein wird. Man versichertemir, daß unter den jetzigen Verhältnissen eine Düng-ung für die Frucht sogar schädlich wäre, weil inheißen Sommern durch die dadurch bewirkte größere Er-hitzung das keimende Getreide verbrennen, bet etwas