* Wir haben vorstehenden Artikel vor der Druck-legung dem Verfasser des kritisirten Aufsatzes vorgelegt,welcher uns um Aufnahme des Folgenden ersucht:
Erwiderung.
Von der obigen Antikritik habe ich nur mit großemBedauern Kenntniß genommen. Ich hätte nicht geglaubt,daß meine wohlgemeinten Ausführungen, die nur imInteresse der Wahrheit und wissenschaftlichen Objektivitätgeschrieben worden sind, so vielfachen Mißverständ-nissen begegnen würden. Es mag ja sein, daß ichselbst ein wenig daran schuld bin, da ich die Stringenzder Gottesbeweise mehr einschränkte oder einzuschränkenschien, als es nach der Lage der Dinge und nach meinereigenen Ueberzeugung nöthig ist; denn man ist derWirkung seiner Worte nie sicher. Aber schon der Um-stand, daß meine Bemerkungen in einem tadellos ka-tholischen Blatte standen, hätten zu einer günstigen Deutungführen sollen. Wenn ich Aergerniß gegeben haben sollte,Hut es mir leid; ärgern wollte ich niemand, sondernbielmehr beruhigen und aufklären. Beruhigen über dieLage der Dinge, die nun einmal Gott zugelassen hatund die wir mit Eifern und Schimpfen nicht ändern;aufklären und auf jenen Standpunkt stellen, der unsallein vor Anfechtungen sicher stellt und eine sichereOperationsbasis für den Apologeten bildet. Gerade dasgeringgeschätzte subjective, geistige Gebiet,das man so leicht preisgibt, wollte ich als den sicherstenAusgangspunkt darstellen. Daß meine Absicht gänzlichverkannt wurde, nehme ich mit Beschämung wahr, dennich bin auch hier nicht ohne Mitschuld, da meine Aus-führungen zu knapp und nicht gegen alle Mißdeutungengewahrt worden sind. Ich ergreife die Gelegenheit dieserWiderlegung, um in aller Kürze anzudeuten, wohin meineGedanken zielen.
Im Wesen der Sache bin ich ja mit St. einver-standen, er hätte sich die meisten seiner Einwendungensparen können, wenn er ruhig meinen Satz erwogenhätte, worin es heißt, ich gehe weiter als Kühn undseine Anhänger, ich „halte den Kausalitätsbeweisfür sicher genug, um eine weitgehende ob-jective Beweisbarkeit Gottes zu ermöglichen",nur müsse dieser Beweis vermittelst der unmittelbarenGottesidee vollendet, bzw. ergänzt werden. Dieser Satzhätte sich mit leichter Mühe weiter ausführen lassen,aber ich wollte mich möglichst kurz fassen, um so mehrals ich im nächsten Hefte der Histor.-poltt. Blatter michaus Anlaß einer Recension darüber aussprechcn werde.Warum hat der Antikritiker diesen Satz ganz übersehen?
Wäre St., oder um seinen geschmackvollen Ausdruckzu wiederholten, der 8t.-Correspondent fachlich und ob-jectiv geblieben, dann hätte er mit mir streiten könnenüber den Begriff und den Umfang der Stringenz oderauch darüber, ob den Gottesbewcisen aus der Naturoder aus dem Geiste mehr Tragweite zukomme. St.mußte doch merken, daß ich die Stringenz in dem Sinnverstehe, wie sie mathematischen Lehrsätzen oder wenigstensdurch die Sinne constatirbaren Thatsachen eigen ist, undwenn ich diese Stringenz bei den Glaubenswahrheitennicht sehe, so ist das gewiß kein Verbrechen, daß mansich darüber zu erregen braucht. Mag St. von sich auchsagen, er glaube nicht bloß, sondern er wisse, daß eseinen Gott gibt und daß Christus Gottessohn fei, sosicher, als daß es einen Cäsar gab, mag für ihn Glaubenund Wissen gleich bedeutend sein, so wird man sich dar-
über nur freuen. Aber dann soll er Gott dafür dankenund jene, welche Gottes Dasein als eine Voraussetzungdes Denkens oder als ein Postulat der Vernunft hin-stellen, geschweige die von einer ursprünglichen Gottes-idee reden, nicht mit den Atheisten in einen Topf werfen,da sie doch weiter davon entfernt sind als jene, die immerim Buch der Natur blättern müssen, um sich an Gott zuerinnern. Es gibt allerdings Grade in der Zuversicht-lichkeit und Gewißheit, die einen sind behutsamer undweniger kategorisch, als die andern, aber wenn ich inmeinen Aussagen vorsichtig bin und von hoher Wahr-scheinlichkeit oder von glaubhafter Sicherheitoder gar von innerer Evidenz rede, will ich damitdie Wahrheit nicht leugnen, die ein anderer sicher weißoder zu wissen meint. Herr St. scheint diese Unter-schiede nicht zu kennen, sonst hätte er nicht den Scheinerweckt, als ob ich die gottesleugnerische Wissenschaft inSchutz nehmen wollte. Er erweckt den Schein! ist eigentlichzu milde gesagt, denn er sagt klar und ausdrücklich, icherwecke den Eindruck, als sei es mit der Begründung desGlaubens schlecht bestellt, so daß man ihn mit gutemGrunde als bloße subjective Anschauungen bei Seitesehen könne. Diese Aussage stützt St. auf einen ausdem Zusammenhang gerissenen und nicht einmal objectivrichtig wiedergegebenen Satz, der im folgenden Zusammen-hang theils widerlegt, theils wenigstens stark einge-schränkt wird.
Warum hat St. in diesem Satz wohl das klebrige, nichtaber den entscheidenden Beisatz „nach ihrer Ansicht" unter-strichen und warum fügt er bei „nur sicher Beweisbares" einFragezeichen bei, da ich doch selbst unmittelbar nach jenem Satzdie Exaktheit der positiven und kritischen Wissenschaften an-zweifle und mit einzelnen Beispielen widerlege? Einfach damiter leichten Herzens behaupten kann, in meinem Satze seiWahres und Falsches gemischt. Freilich ist Falsches ge-mischt, aber das ist ganz deutlich als Ansicht der exaktenund kritischen Wissenschaften hingestellt und gibt bloß das wieder,was der Spcktator viel kategorischer erklärt hatte. Man gewinntübcrhanpc den Eindruck, Herr St. habe nur den ansgehobenenSatz richtig gelesen und erwogen, das klebrige aber dnrch-flogcn. Er sah nur noch, daß ich vou einer ursprünglichenGoltesidce spreche, aber meine Erklärung derselben cxistirtnicht sür ihm; auch der gesperrt gedruckte Satz: „wer ... keineWunder erlebt hat rc. 7c." entging ihm nicht, aber ohne aufden nähern und entfernteren Zusammenhang zu achten, deuteter ihn im alleruugünstigsten Sinne und bringt beinahe dasGegentheil heraus von dem, was ich meine. Daß das Schwer-gewicht (flz) meiner Ausführungen den Beweis der übernatür-lichen Offenbarungen betrifft, bemerkte er nicht oder wollte eSnicht bemerke», da er gleich im Eingang nur meine Anfechtungder Gotteöbemejsc unterstreicht und sich dadurch allerdings dieArbeit wesentlich erleichtert. Ich hatte aber schon bei meinenBemerkungen über den GottesbcwciS weniger die Welinrsacheim Auge, welche weniger Schwierigkeit macht und deren Be-sireiinng eine Dummheit ist, als vielmehr den Offenbarnngs-gotr, den lebendigen Gott im Auge. Das habe ich freilich nichthervorgehoben, brauchte eS aber auch nicht, da es sich um dieAusstellungen des SpcktatorS der Allgemeinen Zeitung handelte,der nur nebensächlich an die GottcSbcweise gedacht haben kann.Allem nach hat St. dessen Ausstellungen gar nicht beachtet,sonst könnte er die Absicht meines Aussatzes nicht so gründlichmißverstehen.
Wenn ich die Stringenz der Gottesbeweise bemängelte,so wollte ich damit die Sicherheit des Gottesglaubensnicht antasten, im Gegentheil. Der Gottesglaube istdoch etwas so natürliches, etwas gewissermaßen Ange-borenes, daß derjenige, der dieses Bewußtsein auslöscht,allerdings ein Thor und mehr als ein Thor, ein Dumm-kopf wird. Es kann sich also nur darum handeln, wieman Gott auffaßt und wie und auf welchem Wege maneinen festen Begriff gewinnt, und in dieser Richtung binich allerdings mit den traditionellen Beweisen und Begriffs»