solcher unter den Augen des Stiftes Diessen wohl inScene gesetzt werden könnend Bemerkenswerth ist esimmerhin, daß die Chronisten von Andechs und Diessen hierüber einhellig berichten, indem sie sich auf ihnen vor-liegende ältere Aufzeichnungen berufen und 1715sowie noch 1776 von „Wunderzeichen und Gutthaten"reden, durch die das Grab des Seligen geleuchtet habe.Auch ist nicht außer Acht zu lassen, daß wohl schon umjene Zeit, da die ebenerwähnte Untersuchungscommissionzu Breitbrunn ihres Amtes waltete, jener berüchtigte,allen derartigen Aeußerungen der Volksandacht feind-selige, einer falschen, rationalistischen Aufklärung huldi-gende Zeitgeist, selbst bis in die geistlichen Kreise hinein,sich zu regen begann, der den Greueln der Säkulari-sation den Weg bereitete.
Schon oben haben wir übrigens die Vermuthungausgesprochen, daß der ursprünglich in Breitbrunn bei-gesetzte Leib deS sei. Luitpold später exhumirt und in dasFamiliengrab nach Diessen übertragen oder auch beieinem feindlichen Einfalle^) zerstört worden sein könne.In der Ueberlieferung der Breitbrunner mag sich dannnoch immer die Erinnerung von seinem Grabe daselbsterhalten haben, mit dessen Verehrung man fortgefahren,auch als sein Leichnam nicht wehr darin war. Immer-hin bleibt es auffallend, daß noch heute die Breitbrunneres sich durchaus nicht nehmen lassen wollen, daß ihrKirchlein einst wirklich den Leib des seligen Luitpold be-sessen habe; aber um die Mitte des vorigen Jahrhunderts,als der Zudrang zum Grabe enorme Dimensionen ange-nommen, hätten zwei Domherren von Augsburg den Leibdes Seligen mit sich nach Augsburg fortgenommen; dort-selbst sei er schön neugefaßt und an eine Kirche^) ge-schenkt worden, in der er sich noch befinde. Alle nach-herigen Bemühungen der Gemeinde, den hl. Leib wiederzurückzuerlangen, seien vergeblich gewesen.
Soviel konnten wir aus den uns zu Gebote stehendenQuellen — vielleicht wäre in der kgl. Staatsbibliothekund den Archiven der Hauptstadt noch mehr zu finden —über den seligen Luitpold und sein Grab eruiren. Wirhoffen, damit einen bescheidenen Beitrag zur „Davariasaneta" geliefert zu haben, der um so eher auch einallgemeineres Interesse beanspruchen dürfte, als unseresWissens S. K. H. unser erhabener Prinzregent diesenSeligen als seinen Namenspatron verehrt.
Die deutschen Kolonien in Siidrußland.
Von I. E. Biller.
(Schluß.)
Bezüglich der Schule steht es in den deutschen Dörfern im allgemeinen gut, wenngleich fast währenddes ganzen Hochsommers der Unterricht eingestellt ist.In der neueren Zeit muß in den Schulen auch Russischgelehrt werden, was früher nicht der Fall war. Undauch jetzt kann man noch manche Leute treffen, die fastkein Wort Russisch verstehen. Die katholischen Lehrerrekrutiren sich zu einem großen Theil aus denjenigenZöglingen des bischöflichen Seminars in Saratow , welchenach Zurücklegung einiger Studienjahre sich nicht für dengeistlichen Stand entscheiden konnten und darum ausdem Seminare wieder anstraten. Ein Geistlicher ver-
°°) Etwa zur Zeit des SckwedeukriegeS; denn 1633 wurdedaselbst vom Feinde auck ein Hof niedergebrannt.
An welche? Dieser ganzen Ueberlieferung lkgt offenbardie Erinnerung an die bereits berichtete Untersuchung der kirch-lichen Commission v. I. 1739 zu Grunde.
sicherte mir, daß dieses sogar ein Glück für die Katho-liken sei, weil sie dadurch entschieden katholische und auchunterrichtete Lehrer bekämen.
Der Religion nach sind von den 945 deutschen Dörfern etwa 263 katholisch, so wenigstens finde ich imneuesten Odessaer Kalender „Hausfreund" angegeben.Die übrigen Dörfer sind weitaus zum größten Theillutherisch; sodann finden sich auch viele Neformirte,Wiedertäufer, Mennoniten u. s. w. Die Katholiken stehenunter der Jurisdiktion des Tiraspoler Diöcesanbischofs,der aber nicht in seiner Titelstadt residiren darf, weil erhier wegen der größeren Nähe und der besseren Ver-kehrsbedingungen zu großen Einfluß auf die Katholikengewinnen könnte, sondern in Saratow an der Wolga ,schon nahe der sibirischen Grenze, seine Wohnung hataufschlagen müssen. Die Zahl der gesammten deutschen Katholiken schätzt man auf ca. 225,000. Die Diöcese,welche zweimal so groß ist wie ganz Deutschland , zähltnur 158 Geistliche.
Bei solchen Umständen ist es leicht erklärlich, daßdie Pastoration theilweise eine ungeheuer schwierige ist.In die etwas entlegeneren Kolonieen kommt vielleichtalle 20 Jahre einmal ein Bischof zur Spendung derheiligen Firmung. Vermehrt werden die Schwierigkeitender Seelsorge noch durch die bereits angedeutete miß-günstige Haltung der russischen Regierung. Zwar werdenhier die Katholiken nicht so schlimm behandelt wie ihreGlaubensbrüder in Polen , einerseits, weil man doch dieden deutschen Ansiedlern ertheilten Privilegien noch etwasrespektiren will, und andrerseits, weil auch jene politischenBeweggründe hier nicht so sehr mitspielen, wie gegenüberden unglücklichen Polen . Aber es steht trotzdem nochtraurig genug aus.
In einem katholischen Dorfe sah ich eine alte,elende Banernhütte, die den dortigen Katholiken alsKirche dienen mußte: keine Sakristei, kein Thurm, keineOrgel, und das Innere bot in seiner grenzenlosen Ar-muth einen wahrhaft beweinenswerthen Anblick. Der Baueiner Kirche war den Katholiken direkt verboten worden;man kam nun um die Erlaubniß ein, wenigstens dieäußerst baufällige Hütte etwas ausbessern zu dürfen,aber auch das wurde strengstens verboten, ja man kündigtesogar die Aufhebung der Pfarrei an; nun letzteres unter-blieb vorläufig, und Dank der „Umsicht" der russischen Polizei konnte man doch im geheimen die größten Schädender „Kirche" wieder ausbessern; doch ist die Pfarreikeinen Tag vor der Aufhebung sicher. Und warum dasalles: weil man es versäumt hatte, dem maßgebendenrussischen Bischof einige Tausend Rubel „zur besserenWürdigung der Sachlage" zu schicken.
Ein weiteres Beispiel russischer Toleranz! InOdessa waren die Katholiken mit dem Bau einer schönenneuen Kirche beschäftigt, deren Thurm nach dem ange-fertigten Plane sogar höher werden sollte, als jener derrussischen Kathedrale war. Und was geschah? Es wurdeden Katholiken rundweg untersagt, den Thurm auszu-bauen. Es darf eben nichts Höheres geben, als dierussische Ssobor I
Die katholischen Geistlichen sind keinen Tag ihrerFreiheit sicher. Es sind schon oft Fälle vorgekommen,daß einer angeklagt wurde, er habe einen Russen Beichtegehört, oder er habe irgend einer katholischen Person,welche russische Kindererziehung versprochen hat, die Ab-solution verweigert, oder er habe gegen den Bau einerrussischen Kirche agitirt u. s. w. Die Folge einer solchen.