Ausgabe 
(6.3.1896) 10
 
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Anklage ist Bestrafung ohne vorhergehende Untersuchung,vielleicht sogar Verbannung nach Sibirien . Doch mußman den katholischen Geistlichen das Zeugniß ausstellen,daß sie im allgemeinen trotz all dieser so ungünstigenVerhältnisse mit Klugheit und Eifer ihre seelsorglichenPflichten erfüllen.

Die katholische Bevölkerung selbst ist sehr religiösgesinnt und besucht ziemlich fleißig den sonntäglichenGottesdienst, der nach lateinischem Ritus abgehalten wird.Gepredigt wird in den deutschen Kirchen nur in deutscherSprache, und auch die Kirchenlieder sind deutsch . DerUnterhalt des Pfarrers ruht vollständig auf den Schulternseiner Pfarrkinder. Nur in den älteren Pfarreien besitztder Pfarrer noch Regierungsland; das ist aber auch dasEinzige, was der Staat in dieser Beziehung leistet, oderbesser, geleistet hat.

Die Lebensweise der deutschen Ansiedler kann imallgemeinen nichts weniger als dürftig genannt werden.Ja ich muß gestehen, daß ich während meines dortigenAufenthaltes eine Küche kennen gelernt habe, welche sichstolz mit unsern besten messen kann. Gewöhnliche Bauernsind hier oftmals ein Frühstück gewohnt, wie man es beiuns nur in bestsituirten Kreisen findet: Thee oder Kaffee,Schinken, Butter, Honig, Eier, Käse und vielleicht auchnoch Kaviar! Daß die russische Theemaschine, der be-rühmte Samowar, in jedem deutschen Hause zu demunentbehrlichsten Hausrathe gehört, brauche ich bloß an-zudeuten. Der Thee muß ja fast die Getränke ersetzen;denn in dieser Beziehung sieht es im allgemeinen nichtgut aus: Schnaps (l), einheimischer Wem, der sich aller-dings ganz gut trinken läßt, und dann noch ein Getränk,zu dessen Bezeichnung man leider das ehrliche deutsche Wort Bier mißbraucht; denn meistentheilS sind die dort-igen russischen Biere unter aller Kritik.

Das Wirthshausleben, wie es bei uns in Deutsch-land sich findet, fehlt in den Kolonieen vollständig; eSgibt nur eine Schnapsschcnke, und wer dorthin geht, giltschon als etwas anrüchig. Das gesellschaftliche Lebenwird aber in der Weise gepflegt, daß man sich gegen-seitig Besuche macht und beim dampfenden Samowar mitSpiel oder Musik sich gemüthlich unterhält.

Es hat früher allerdings Zeiten gegeben, wo dieSitten der Kolonisten nicht die besten waren, wo überTrunksucht u. s. w. sehr geklagt wurde. Einen großenTheil der Schuld daran trugen leider die schlechten pol-nischen Geistlichen, die in der ersten Zeit die Seelsorge inden deutschen Kolonieen ausgeübt, aber nur wenig segens-reich gewirkt haben. Jetzt ist es gottlob unter den Deutschen wieder etwas besser bestellt. Besonders zu rühmen istihre fast patriarchalische Gastfreundschaft wie überhauptihre Freigebigkeit. Auch bethätigen sie einen regen Ge-meingeist und sind im Unglück voll Aufopferung füreinander. Die alte deutsche Gemüthlichkeit, jene herrlicheCharaktereigenschaft, die man eben nur bei Deutschen findet, hat sich hier in seltener Reinheit erhalten.

Bei dem großen Fleiße und der außerordentlichenStrebsamkeit der Kolonisten findet man gar nicht seltenLeute unter ihnen, die über alles Wissenswerthe der Neu-zeit ganz vorzüglich unterrichtet sind, und besonders vonden politischen Vorgängen in Deutschland wissen sie viel,mehr sogar als von den Vorkommnissen in Rußland .Das ist freilich auch leicht erklärlich. Einerseits hältsich ein großer Theil der Kolonisten deutsche Zeitungenund Zeitschriften; besonders häufig traf ich denDeutschenHaMchgtz".Alte und neue Welt" u. s. w. Andrer-

seits aber bringt von allen russischen Vorgängen die in-ländische Presse nur das, was die Regierung zu erlaubenfür gut findet, während die ausländischen Blätter un-barmherzig mißhandelt werden. Es ist eigentlich ur-komisch zu sehen, in welchem Zustande die ausländischenZeitungen dort ankommen, wenn irgend eingefährlicher"Artikel über Rußland oder russische Verhältnisse darin zufinden ist. Von der vorsichtigen russischen Censurbehördewird er ängstlich mit schwarzer Lackfarbe vollständig über-strichen und dann erst dem Abonnenten zugestellt. Sogarrussische Zeitungen werden nachträglich manchmal noch mitsolchenIllustrationen" versehen.

In politischer Beziehung sind die Kolonisten durch-aus loyale Staatsbürger, und es ist ihnen noch nie ein-gefallen, gegen die russische Regierung irgendwie zu in»triguiren. Sie fühlen und betragen sich als russische Unterthanen, alsNußländer",-und sind voll aufrichtigerAnhänglichkeit an das russische Herrscherhaus, wie sie esschon des öftern in ganz außerordentlicher Weise bewiesenhaben. Aber wenn sie sich auch mit StolzNußländer"nennen, alsRussen " wollen sie nicht gelten. Zwarkann man eigentlich nicht recht von einem gespanntenVerhältniß zwischen Deutschen und Russen sprechen, aberdoch betrachtet man im allgemeinen die Russen nicht alsgleichstehend. Eine treffende Illustration dafür ist diefast allgemeine Sitte, die Kinder mit dem Rufe zuschrecken:Der Rufs' kommt".

Daß mehrere Nationalitäten in Rußland beisnmmen-wohnen, finden die Kolonisten übrigens selbstverständlich,ja so selbstverständlich, daß ich oft schon ganz verwundertgefragt wurde:Ja, gibt es denn in Deutschland keineRussen und keine Nussendörfer?"

Es dürfte zum Schlüsse nicht überflüssig sein, nachden Ursachen zu forschen, welche das deutsche Wesen inSüdrußland fortdauernd so lebendig erhalten haben.Einen Grund fand ich in dem Verhalten der Russen,die nur mit Neid auf die ihnen überlegenen Deutschen blicken und ihnen dieses Gefühl manchmal auch ziemlichdeutlich merken lassen. Das wirkt nun hinwiederum aufdie Deutschen und veranlaßt sie dazu, sich enger aneinander zu schließen, was das deutsche Bewußtsein selbst-verständlich noch mehr stärkt. Der weitaus wichtigsteGrund aber ist darin zu suchen, daß die russische Re-gierung eine Mischehe nur unter der Bedingung derschismatischen Kindererziehung gestattet. Dadurch werdendie Deutschen , Katholiken wie Protestanten, gezwungen,immer wieder nur Deutsche zu heirathen, und das isterfahrungsgemäß das beste Mittel, um deutsches Wesenund deutsche Sitte unversehrt zu bewahren. Ich selbsthabe die Erfahrung gemacht, daß da, wo einmal russ-isches Blut in die Familien gedrungen ist das Deutsch-thum in einem gewaltigen Rückgang sich befindet; ichhabe da einen ganz bestimmten Fall im Auge, wo dasEinheirathen von Russinnen den Späheraugen der Re-gierung allerdings entgangen ist, und darum auch nichtrussische Kindererziehung besteht; aber die deutsche Spracheist doch fast völlig verschwunden: man spricht russisch,man lebt und trägt sich russisch. Was also die in-tolerante Staatsiegierung angeordnet hat als Nusfifi-cirungsmittel, das dient nun gerade im Gegentheil dazu,die fremdländischen Unterthanen in heimathlich-nationalerGesinnung zu erhalten.

Damit glaube ich nun eine ziemlich vollständigeSchilderung von dem Leben und Treiben unserer fernenStammesbruder an den Ufern des koutus Luxiuus ge-