Ausgabe 
(10.3.1896) 11
 
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13. Mär? 1896.

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Adam Weishanpt.

Von Adam Hirschmann.

An den Gymnasialschulen der Jesuiten herrschte dielobenswerthe Sitte, das Schuljahr mit Aufführung eineslateinischen Theaterstückes feierlich zu schließen?) Dem-gemäß brachte das Gymnasium zu Jngolstadt 1755 einStück zur Darstellung, welches der Professor der RhetorikSeidel aus der Gesellschaft Jesu verfaßt hatte. Esbetitelt sich: La,varia, vstus st novn, und zielte daraufab, Bayern zur Abwehr der eindringenden Freimaurereiaufzufordern. Der Mann der Loge tritt selbst auf.Mit den Worten, die zugleich feine Herkunft verrathen:Votrs trss linmdls ssrvitsnr, L-laäanis! bietet er demjungen Bayern seine Dienste an. Dieses will wissen,was er, der Freimaurer, von Bayern denke? I'rg.uolis-raent, sums tatzon, saus ssraxlirasut erklärt er: Bayern hat viel Aberglauben, wenig Kunst und Wissenschaft.Die Menge Kirchen, voll Gold und Edelsteine, die MengePopen und Oberpfasien, lauter Leute, die der Welt nichtsnützen, das seien genug Beweise des Aberglaubens undseien der Schaden des Aerars. Darum soll das jungeBayern folgende Rathschläge befolgen: Mache die Kirchenzu Fabriken und Ställen, jage die Pfaffen fort, undnimm die nützlichen Leute auf, die ich dir vorstelle. Unddas wären? Zuerst die Glaubensfreiheit. Sie istdie wahre Nationalökonomie. Denn von den verschiedenenSekten wird die eine neue Handwerker, die andere ge-schicktere Künstler bringen, die eine den Handel fördern,die andere den Ackerbau, die dritte die Forste verbessern,die vierte die Viehzucht heben, die fünfte die Bergwerkeausbeuten. Zuletzt bringt der Jude Geld und kauftsich darum das Bürgerrecht. Laß jeden glauben, waser will,

st unies euras, nt babeas civss,

xsr guorum laborsm sis poisns st äivss!

Als zweiten Gehilfen präsentirt der Freimaurer dieDenkfreiheit. Katholische Luft, wie sie jetzt in Bayern wehe, tauge nicht für den Flor der Wissenschaft; im pro-testantischen Norden müsse man sich wahre Wissenschaftund Bildung holen:

ImZstnni Latavorumest patria äoetorum;

LlarburKi, cksnss, l-ixsiasguasrenäao snnt ecisutjus.

Kslwstmlü, ImnüiniTubinZLS, RsroliniKalos aMä Laxonsstbi üant koimnes.

Inbsrtas ssntisnäitex xriwa S8t 8eisnäi.

8i jura. äat Lslig'iocaxtiva Mimt ratio.

Hai vinenlis LomaaisliZatur in8tar eanisnuuguam meutsw sii§it,nunguaw, 86 nil seirs, seit.

Lehden in Holland ist die Vaterstadt der Gelehrten;zu Marburg, Jena, Leipzig muß man sich Wissenschaftholen; in Helmstädt, London, Tübingen, Berlin, zu Halle

') Die Studienordnung der Gesellschaft Jesu v. I. 1599enthält hierüber folgende Vorschrift: Der Gegenstand der Tra-gödien und Komödien, die jedoch nur lateinisch sein und sehrselten ausgeführt werden sollen, sei ein heiliger und frommer;auch dürfen nur lateinische und anständige Zwischenspiele vor-kommen; weibliche Rollen und Trachten sind ganz verboten.Pachtlcr, Ratio etuäiorum II, 273.,

bei den Sachsen werden die Menschen gebildet. DieFreiheit zu denken ist das erste Gesetz des Wissens;herrscht aber die Religion, so seufzt in Knechtschaft dieVernunft; wer wie ein Hund mit Ketten an Rom ge-fesselt ist, erhebt niemals den Geist, wird sich niemalsbewußt, daß er eigentlich nichts weiß!

So deklamirte in Jngolstadt 1755 der Freimaurer ,welcher das junge Bayern zur Säkularisation der Kirchen-und Klostergüter, zur Duldung aller Konfessionen an-spornte.

In Gegenwart des Kurfürsten Maximilian III. (17451777) wurde das Drama Luvaria. vstus sbvova, einige Jahre später in Straubing noch einmalaufgeführt; zum Danke erhielt der Verfasser den ge-messenen Befehl, Bayerns Boden innerhalb drei Tagenzu verlassen. Seidel hatte eben zu getrau nach demLeben gezeichnet. Die Freimaurer am Hofe inMünchen fühlten sich getroffen; zur Strafe mußteder kühne Jesuite über die Grenze ziehen! ?)

Durch die Vermittelung eines eifrigen Schülers desungläubigen Voltaire, des kurmainzischen GroßhosmeistersGraf Stadion , war 1731 Adam Ick statt, welcher inMainz , wo er das Jahr zuvor den Doktorgrad der Rechteerworben hatte, keine öffentlichen Vorlesungen hatte er-öffnen dürfen, mit dem Prädikate eines Hofrathes alsProfessor des jrm xulüisunr iinx., des jus naturas st:Asntüuw und der institutionss irnxsrialss nach Würz-burg berufen worden. Zehn Jahre hatte Jckstatt dieseStelle inne, als er einen Ruf nach München erhielt, umden Kurprinzen Maximilian in das Staats-, Natur- undVölkerrecht einzuführen. Am 1. April 1741 trat derneue Prinzenerzieher sein Amt an. Gab es denn fürdiesen wichtigen Posten keinen einheimischen Gelehrten?Warum wurde dazu ein Ausländers auserlesen? Am20. Januar 1745 starb Karl Albrecht , nachdem er dreiJahre lang die Schattenwürde eines deutschen Kaisersinnegehabt hatte; Jckstatt's Schüler bestieg den ThronBayerns . Am 22. August 1746 ernannte Maximilian III)Joseph seinen ehemaligen Hofmeister zum Direktor derUniversität Jngolstadt , wo er zugleich als Lehrer des

Pastoralbl. des BisthumS Eichstätt 1865 S. 203. ImJahre 1799 gab ein Jlluminat Seidel's Arbeit heraus mitbissigen Bemerkungen gegen die Jesuiten . Neu abgedruckt mitErläuterungen in Fr. v. VeSnard'S Literaturzeitung für die.kathol. Geistlichkeit, Septcinberhest 1832. Als eigene Broschüreerschienen in LandShut bei Jos. Thomann.

b) Adam Jckstatt war am 6. Januar 1702 zu Vockenhausen unweit Königstcin im kurmainzischen Gebiete als Sohn einesGrobschmiedes geboren worden. Da ibm das Gewerbe desVaters nicht zusagte, entwich er nach Mainz und erwarb sichdaselbst durch sein einschmeichelndes Wesen und durch den Durstnach Kenntniß Freunde, die es ihm ermöglichten, das Gym-nasium besuchen zu können. Doch unbekannt aus welchemGrunde verließ der junge Student gar bald Mainz undwanderte nach Paris ; aber anstatt in den Hörsälcn berühmterDenker finden wir den achtzehnjährigen Jckstatt in der Kaserneals gemeinen Soldaten. Indessen vertauschte er baldigst denfranzösischen Waffenrock mit dem kaiserlichen; ob er Frankreich mit einem ordentlichen Abschied verlassen oder ob er descrtirtist, steht nicht fest. 1725 hörte er in Marburg den PhilosophenWolf, promovirtc 1727 zum Magister auf Grund der Disser-tation : kbasnomsu siiiKnIars äs malo pomiksra. sins üoribus rations8 pb^sieas rsvoeatnm Merkwürdige Erscheinungdes blätterlosen Apfelbaumes nach den Gesetzen der Physik ge-prüft. Da Jckstatt als Dozent der Mathematik kein Kolleg zuStande brachte, so hörte er bei Waldschmidt und HombreghVortrage über Rechtswissenschaft. Histor.-polit. Blätter Bd. 70Seite 378.