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vruß. Denn Christenthum und Religion selbst werdendamit untergraben.
Vor mir liegt ein Bündchen Gedichte, die nicht aus derFeder eines schwärmenden, jugendtrunkenen Gemüthes geflossen,die nicht die empfindsam-melancholischen Saiten eines weiblichenHerzens verrathen, die nicht aus der Brust eines liederreichenBarden gedrungen, die aber einen Vorzug haben, um derent-willen sie viele andere weit überragen: die Lieder des pro-testantischen Pfarrers von Niedercggenen zeigen von einem tief-gläubigen, kindlich frommen Gemüthe, wie uns selten ein solchesauf protestantischer Seite in neuerer Zeit begegnet. Unbedenk-lich könnte man solche Poesie als eines Überzeugungstreuenkatholischen Herzens durchaus würdig hinnehmen; und diesesLob sprechen wir hier um so lieber und rückhaltSloser aus, dawir an warm empfundenen, glaubenSvollen Dichtungen wahrlichkeine Ueberproduction haben.
Gehen wir nun ein wenig die Gedichte von Max Crone durch nach der Einthcilung, die vom Verfasser selbst getroffen.
An erster Stelle stehen die durchaus religiösen Gedichte mitder Aufschrift „Gott und Welt". Dem „Glauben" gehört seinerstes Lied, zum Zeichen, wie tief der Verfasser von der Ueber-zeugung durchdrungen, daß ohne Glauben einfach jedes über-natürliche Leben undenkbar ist:
„Glaube!" heißt des Herrn Gebot,
Kommst nicht d'ran vorbei,
Und es macht von Sund' und TodGlaube nur Dich frei.
„Verstand und Glaube" nennt der Verfasser ein anderesSonett, durch welches er der rationalistischen Lebensauffassungdurchaus das Wort entzieht. Ergreifend sind die Lieder, diedie Mahnung an ein unbedingtes Gottvertrauen enthalten, denndaraus allein, aus der vertrauenden und gläubigen Hingabe anGott und seine Gnade erwächst der schönste Friede. Hiernennen wir besonders „Gottvertrauen", „Ermunterung",„Souncublick", „Der feste Punkt" nnd andere. Tief rührendie Gedichte vom „Leben und Sterben" und „Glück"; in letzteremzeigt der Verfasser dem nach Glück ringenden Menschenherzendas einzige Ziel, das befriedigt und wahres Glück bringt: das»Luranm ooräa« ist's, wonach die Menschen streben sollen.Auswärts die Herzen! Aufwärts zu Gott ! Hinauf, hinauf!Die Klimax von Strophe zu Strophe ist hier meisterhaft durch-geführt und gelungen. Eine scharfe Mahnung vor Religions-spöttcrei und atheistischem Protzenthum läßt der Dichter an denLeser ergehen in „Hüte Dich!" In drei resp. vier schönen Ge-sängen läßt er die drei Hauptfeste des christlichen Kirchenjahres,„Weihnacht" („Neujahr"), „Ostern ", „Pfingsten" vor dem Augedes Lesers vorüberzieben, in welchen Gedichten die wunderbareHarmonie zwischen Natur- und Fcstcharaktcr besonders trefflichgeschildert wird. So zeigt unö der Verfasser in seinem erstenLicdercyclus die Quintessenz seines ganzen inneren, religiösenLebens und begeistert den Leser zu gleicher Glaubenswärme undreligiöser Ueberzeugung. Unwillkürlich wird man da an zweiandere frommgläubigc, protestantische Dichter erinnert: anEmanucl Gcibcl und Julius Sturm . Die innigen Lieder vonSturm „Nimm Christum in Dein Lebenssckiff", „Es ist fürDich noch eine Ruh' vorbanden", oder von Geibel „Gebet" und,fO Du, vor dem die Stürme schweigen", athmen sie nicht diegleiche, von wahrem Glauben getragene Herzensfreudigkeit undruhige Ueberzeugung?
Diesen religiösen Liedern läßt der Verfasser die Naturliederfolgen, von denen einige ganz anerkcnneuswerth sind, z. B. „ImMärz", „Herbstblumen", „Sichere Hoffnung". Die Parallelezwischen Natur- und Menschenleben ist oft gut angebracht.
Ein anderer Cyclus folgt: die Balladen. Und in derThat, auch hier kann man dem Verfasser ein besonderes Ge-schick und Talent nicht absprechen, wenn man auch bei einigenfast unwillkürlich an bekannte Stoffe erinnert wird; hierher ge-hörten vor allen „Das silberne Kegelspiel", obwohl die Ideegut durchgeführt; ferner „Der Liebenbach". Die gelungenstevon allen dürste wohl „Der wilde Junker von Vollmarstein"sein, die ergreifendste „Der Todten Warnruf". Eine Hungers-noth bringt Elend und Unzufriedenheit in's Land. EinigenMalcontenten in der Stadt gelingt es, die Menge aufzureizen
und anzutreiben, sich an die Schätze des Bischofs zu machen,dieselben zu rauben und so ihrer Noth abzuhelfen. Die Volks-menge ist erregt und durch kein warnendes Wort zurückzuhalten.Ungehemmt geht ihr Zug zum Dom, wo eben der Bischof seinenFunctionen obliegt. Die tolle Menge ist unbändig und läßtsich weder durch die Heiligkeit des Ortes, noch auch durch diemilden Worte des Bischofs hemmen. Nicht einmal der heiligeLeib des Heilandes, von den Händen des Bischofs gehalten,vermag die Wuth der Tempelschänder zu wandeln. Da wirstsich der Bischof auf die Stufen des Altares hin und schreitlaut um Erbarmen für die Rasenden. Die Todten sollen auSihren Grüften erstehen und denselben entgegentreten. Aus allenTodtengrüften kommt's hervor; Schaudern erfaßt die Menge.Vergessen ist Zorn. Haß und Greuel. Der Friede kehrt wieder,die barmherzige Milde der Reichen bringt Ruhe und Versöhnungin die Herzen der Elenden und Armen. Dies der kurze Inhaltdieser herrlichen Ballade. Noch zwei andere verdienen unbedingthervorgehoben zu werden, „Die drei Kreuze" mit dem erschüttern-den Inhalte: Mord zeugt wieder Mord, der Fluch der bösenThat, die fortzeugend stets BöseS muß gebären. Endlich nocheine der schönsten Balladen, „Die Macht deS Glaubens", dieden Volkston ziemlich trifft, wenn sie auch inhaltlich zu denbekannteren Stoffen gerechnet werden muß; werden wir dennnicht unwillkürlich an den „Mönch von Hcistcrbach" erinnert?
Dann läßt der Verfasser einige Gedichte vorüberziehenmit der Aufschrist „Anekdotenhaft". Und in der That, der Ver-fasser zeigt, daß er auch zu humorvollen Gedichten nicht wenigGeschick hat. Besonders erwähnt zu werden verdienen die vonköstlichem Humor getragenen Gedichte „Die Regentage", „Einguter Handel", „Eine, die sich durchbeißt". Der den Kinderneigenthümliche naiv-ergötzende GcsprächSton wird am bestenangeschlagen in „Kinder-Logik" und „WaS hülfe es demMenschen?"
Nun zu einem anderen größeren Liederkranz „Sie undich", enthaltend eine stattliche Anzahl von Minncliedern, die,weit entfernt von stürmischer Jugendleidcnschaft, in ruhigem,oft sogar getragenem Tone die tief empfundenen Gcfüble einesliebenden Mcnschenherzens in sanfter Harmonie ausgingen lassen.Freilich zieht sich hie und da ein Ton der Wehmuth durch dieLieder, der aber, weil eben wahr empfunden, nur um so tieferden Leser ergreift und ihn die Wahrheit fühlen läßt, daß dieirdische Liebe als reizendste Blume, die der Herr in unser Dasei»gesetzt, eben auch die schärfsten Dornen hat, die ein menschlichesHerz treffen können. Der Schmerz der Trennung, die Sehn-sucht nach dem fernen Lieb beim Abcnddämmcrfchein, die Machtder Liebe, der reiche Trost, den wahre Liebe zu spenden weiß,mit einem Worte die verschiedensten Hcrzeusempfinduugen schildertder Dichter in warmer, klarer, oft ergreifender, oft kunstvollerWeise und Gestaltung.
(Schluß folgt.)
Recensionen und Notizen.
I. Wenzel, Wilhelm Emanuel Frhr. von Ketteler.Nr. 95/96 und Nr. 190 der „Katholischen Flug-schriften zur Wehr und Lehr." Verlag der Ger-mania 1895.
Herr von Eynern, der unermüdliche Culturkämpfer, batjüngst in einer Neichstagörcde. allerdings sehr gegen seine In-tention, eifrig Propaganda für die Germania-Broschüren ge-macht. Wir wünschten sehr, daß der Titel, welchen er ihnengegeben, „die grünen Hefte", beibehalten werde; er stellt siedamit neben die „gelben Hefte", die Historisch-Politischen Blätter;und wir geben ihm recht; sie sind in der periodischen Literaturebenfalls eine Art von Großmacht geworden, geeignet, Vor-urtheile gegen die katholische Kirche zu zerstreuen und Geschichts-lügcu zurückzuweisen. Im 7. Jahrgang bis zur Nr. 103 ge-diehen, haben sie alle ein aktuelles Interesse. Die oben ge-nannten sind veranlaßt durch das kecke Wort, welches Liebknechteinst dem Reichstag zurief, daß vor dem Auftreten der social-demokratischen Bewegung Niemand die sociale Frage studirt,sich Niemand um die Arbeiter gekümmert habe. Dem entgegenweist Wenzel nach, wie ein einzelner Mann, W. E. Freiherrvon Ketteler, für die Lösung der socialen Frage thätig war,längst bevor dieselbe theoretisch und kritisch besprochen wurde.Er zeigt, wie Ketteler als Kaplan und als Laudpfarrcr i»seinem eng bcgränzteu Wirkungskreise, als Propst bei St.Hedwig und später als Bischof von Mainz in weitestem Kren-Anstalten inö Leben rief, welche socialen Bedürfnissen in wirk-samster Weise entsprachen, und, was den im behäbigsten Wobl»