Ausgabe 
(10.3.1896) 11
 
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schriftliche» Tendenz der Verunglimpfung des Heiligenwerden als Kunstwerke anerkannt. Ein Kritiker, dereine Ausnahme bildet, sagte in Westermann's Monats-heften:die Mehrzahl der protestantischen Bearbeiter derNeformationszeit halte zu sehr an den einseitig über-kommenen Ueberlieferungen fest und gebe mehr schatten-hafte Gebilde statt wirklichen Lebens; die katholischenRomanschriftsteller mochten diesen Trugbildern ihre Auf-fassung dichterisch entgegenstellen." Dieser Rathschlag er-innert uns daran, daß das GeschichtSwerk Janssen'Seine fürchterliche Fluth von Schmähungen und sogen.Widerlegungen entfesselt, aber doch einen bedeutendenEindruck auf das Gedanken- und Empfindungsleben derGegner gemacht hat. Wodurch wurde dieser Erfolgherbeigeführt? Gerade durch diejenige Eigenschaft derJanssen'schen Geschichtschreibung, welche die Vertreterdermodernen" Manier der Geschichtschreibung ihmzum schweren Mangel anrechnen wollten. Janssen hättenach diesen Ausführungen raisonniren, Philosophiren undüberhaupt das Material in seinem Geiste verarbeiten undein künstlerisches Gesammtbild der Zeitschaffen" sollen.Statt des Oelgemäldes ausfreier Hand" lieferte Janssenein Mosaikbild, aus lauter echten Steinchen zusammen-gefügt, eine einwandfreie Zusammenstellung von Zeug-nissen unter möglichster Vermeidung aller subjektiven Zu-thaten. Das frappirte. Hätte aber Janssen mit dervereinigten Phantasie und Denkkraft sämmtlicher Berliner Geschichtsbaumeister ein wahres Meisterwerk der historifch-polttisch-poetischen Darstellungsknnst geschaffen, so würdeman das Buch als Ausgeburt eines fanatischen Gehirnseinfach zu den Acten geschrieben haben. Wenn wir diekatholische Weltauffassung dichterisch darstellen, so ist daSein Vortheil für unsere Gesinnungsgenossen; aber eineWirkung auf die Gegner darf man sich nur von packen-den Thatsachen und durchschlagenden Gründen ver-sprechen. Nur mit solchen wuchtigen und scharfen Waffenkann man in dem Wall der Vorurtheile eine Breschelegen. Wenn dieser Wall erst gebrochen ist, können auchdie Musen des erobernden Kreuzes vorwärts.

Wie der dicke Wall der Vorurtheile und der Ab-neigung entstehen mußte, zeigt uns die reichhaltige Samm-lung von Schmutzproben, die Herr Keiter aus 300 Werkenantikatholischer Schriftsteller veranstaltet hat. Er gibteine systematische Zusammenstellung gemäß den Rubriken:1) Wesen und Geschichte der Kirche, 2) Papst und Bischöfe,3) Jesuiten , 4) andere Mönche und Nonnen, 5) Seel-sorggeistlichkeit so daß man in jedem Kapitel all' dastheils lächerliche, theils entsetzliche Zeug, was die Herrenund Damen über den betreffenden Punkt znsammen-gedichtet haben, übersichtlich vereinigt findet. Es ist ge-radezu unglaublich, was dieberühmtesten Schriftsteller"sich da zu leisten erlauben. Wir können hier nur aufein paarKleinigkeiten" kurz hinweisen. Hans Hopfen ,der Vielgepriesene, läßt einenbildungsfeindlichen" TirolerPfarrer mittels einer Morphiumspritze von einem schwerleidenden Kranken ein Testament erpressen, das zum Baueines Hochaltars dient. Derselbe Hopfen läßt in einemandern Kunstwerk einen Benediktiner auf Masken-bälle gehen. Felix Dahn läßt in seinem RomanJulian" den Papst Liberius sagen, die Vernunft seieine Buhle des Satans, was Luther bekanntlich wirk-lich gesagt hat. Karl Frenzel verkündet durch einenHelden, der ihm als Sprachrohr dient, daß noch jederPapst das Geschöpf einer Frau gewesen sei, wenn auchnicht immer in bösem Sinne. M. G. Conrad, einer

vom jüngsten Deutschland , läßt die katholischen Geistlicheninsonderheit bei feierlichen Cultushandlungen die Gläub-igen mit balletmäßigen Evolutionen regaliren". PaulHeyse , der große Heyse, schreibt inUeber Land undMeer", dieLangeweile" sei eines der geheimen Kunst-mittel Wagners, wodurch das Schmachten nach sinnlicherBeglückung gesteigert werde; etwas Aehnliches habe mannur in dem dumpfen Hinbrüten während der katholischenMesse.Diese mystische Langeweile ist ein unentbehrlichesIngrediens der höchsten Kunst- und Neligionsübung."Ein Roman der Gräfin Luckner durste der Erbprinzesfivzu Schaumburg-Lippe gewidmet werden; darin wird einErbfräulein narkottsirt, in ein Jesuitenkloster gebracht,dann als geisteskrank in einem Nonnenkloster eingesperrt;um die Entführung zu verschleiern, beerdigen die Jesuiten einen leeren Sarg. In derDeutschen Revue" vonFriedrich Fleischer, die wissenschaftliche Größen zu Mit-arbeitern hat, erschien ein geradezu toller Roman miteinem jesuitischen Erbschleicher, der Hypnotismus und Ge-burtshilfe betreibt, um Kinder zu vertauschen, damit eineMajoratsherrschaft bei der katholischen Linie bleibt.

Schämen sich denn die Leute gar nicht mehr übersolche hirnverbrannte Dinge? Revoltiren die Nachbarnund die Leser dieserDichter " nicht? Nein; sie sind andie Ausfülle gegen Kirche und Geistlichkeit offenbar so sehrgewöhnt, daß sie es als den ordnungsmäßigen Beruf derPäpste, Cardinäle, Bischöfe, Jesuiten , Tiroler Pfarrer rcbetrachten, sich von tollen Dichtern begeifern zu lassenDie Politiker derselben Sorte sind bekanntlich der Meinungdaß es der Beruf der Jesuiten und ihrer Verwandten ist,ausgewiesen zu werden, und der übrigen Mönche undNonnen, unter Polizeiaufsicht zu stehen. Die Einenfragen nicht mehr nach der Wahrheit, die Andern nichtnach der Gerechtigkeit. Es muß so sein!

^ Aus der systematischen Zusammenstellung Keitersersieht man so recht, wie sich durch das Hand in Hand-Arbeiten der culturkämpferischenDichter " feste Typenfür die einzelnen Klassen der Welt- und Ordensgeist-lichkeit vom Papste bis zum Nönnlein heraus-gebildet haben. Der Jesuit z. B. ist mager, fein, in-trigant; der andere Mönch ist fett, plump, gewaltthätig.Durch die fortgesetzte Lektüre derartiger gleichgestimmterSchriften und durch den Anblick von Schauspielen oderBildwerken derselben Tendenz setzt sich dieser erdichteteTypus in der Vorstellung der Leser so fest, daß sie ihnohne allen Zweifel für wirklich halten. Eine auf-fallende Erscheinung ist, daß die weiblichen Feder-helden zu den rücksichtslosesten (nicht selten auch zu denschamlosesten) der konfessionellen Hetzdichter gehören. Zuihrer Entschuldigung kann man vielleicht annehmen, daßdiese weiblichen Schmntzschreiber weniger erfinden, alsnachempfinden, d. h. durch die Lectüre der vorherge-gangenen Gift-Romane selber durch und durch vergiftetworden sind.

Leider ist ja das weibliche Gemüth, wenn es desSchutzes der religiösen Ueberzeugung und Uebung ver-lustig geworden, noch wenigerseuchenfest" als daSmännliche. Was soll aus dem Denken und Empfindender Mädchen und Frauen werden, die Tag für Tag dieGeschichten von blutigen Päpsten und Cardinälen,schleichenden Jesuiten , liederlichen Mönchen und Nonnen:c.'lesen? Und diese Weiblichkeit lehrt die nächste Generation!!In der That, Herr Keiter hat eine Schmach und^eine Gefahr des Jahrhunderts gekennzeichnet, die auchvon den positiven Evangelischen beachtet werden