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stand, wenn nicht sogar in üppigem Reichthum lebenden Führerndes Socialismus nicht scharf genug ins Gesicht gesagt werdenkann, wie der Kaplan, der Pfarrer und der Bischof sein Ver-mögen und sein regelmäßiges Einkommen bis zur Erschöpfungseiner Kasse seinen Anstalten opferte. — Die zweite Broschürezeigt in 14 Abtheilungen, wie Ketteler die wissenschaftliche Seiteder socialen Frage beherrschte, welche Mittel er empfahl, um zusicheren praktischen Resultaten zu gelangen. Die gcsammte inter-nationale Socialdemokratie hat mit all ihren Rodomontadennoch nicht den zehnten Theil an klaren Principien, festen Ziel-punkten und zweckmäßigen Mitteln aufgestellt, wie der eineBischof Ketteler. Eine größere Anerkennung kann ihm nichtzu Theil werden, als wie Leo XIII. , der sociale Papst, sie aus-gesprochen, da er über Ketteler äußerte: „DaS war meingroßer Vorgänger". Wir können diese, wie alle übrigenGermania -Broschüren für Vereine, als Leitfaden zu Vortrügenund dcrgl. nicht dringend genug empfehlen. Die einzelne Bro-schüre kostet nur 10 Pf.
Poestion I. C., Die Kunst, die schwedische Sprache durchSelbstunterricht zu erlernen. 8°, VIII -j-183 SS. 2 M.geb. Wien-Leipzig , A. Hartleben. 1894.
X Die stattliche Reihe von Grammatiken in Hartlebcns„Kunst der Polyglotte" umfaßt Bündchen von sehr verschiedenemWerthe: ganz unbrauchbare und fehlervolle (z. B. Hebräisch),annehmbar gute, und (trotz des begrenzten Raumes) auch ganzvorzügliche. Vorliegende Bearbeitung des „Schwedischen " istnicht nur der beste Bestandtheil der Sammlung, sondern einesder besten schwedischen Lehrbücher überhaupt; ja es reicht weitüber die Elemente hinaus und verdient sogar den Namen„wissenschaftlich", so eingehend ist namentlich Aussprache undLautlehre behandelt. Volles Lob müssen wir der streng syste-matischen und erschöpfenden Anordnung der Formenlehre spen-den, ein Vorzug, den die sogen, „praktischen" Grammatiken soselten ausweisen, entweder, um vor den Denkfaulen den Ver-dacht der Pedanterie zu vermeiden oder — was wahrscheinlicher— weil die Verfasser zu unbeholfen sind, um sich logisch-gram-matisch ausdrücken zu können. Übersetzungsübungen enthältdas Büchlein nicht, sie sind auch entbehrlich; man kann dafürnützlicher irgend eine Zeitung in die Hand nehmen; dagegen istdem theoretischen Theile eine Blumenlese von Texten nebstWörterbuch angefügt. Es ist merkwürdig, daß bei uns inDeutschland , wo'so viel fremde Sprachen betrieben werden undder neugierige Einfall oft auf die entlegensten Sprachgebiete ab-zielt, doch dem Schwedischen so wenig Beachtung geschenkt wird;und ist doch diese kraftvolle Sprache nach Longfellow »t>1rswusiean ok tüs soanälnavian lanKuaAss-, für uns Deutsche aber mehr als das, nämlich der älteste lebende Repräsentantder germanischen Sprachfamilie überhaupt, ein Vorzug, der demsprachwissenschaftlich Gebildeten vor allem hoch stehen muß. ZuS. VI ist nachzutragen, daß die beiden besten Wörterbücher vonHoppe (Deutsch -schwedisch 1886, Schwedisch-deutsch 1893, Stock-holm) und Schultheß (Lvensü - kräusle und Ikrausle- sveusle,Stockholm , M. 18) nunmehr vollständig vorliegen. Das Buchkönnte allen Grammatikschrcibern ein heilsames Vorbild klarergrammatischer Darstellung sein und zeigt, wie man auch aufengem Raum den Gegenstand, sofern man ihn nur selbst be-herrscht, übersichtlich, richtig und genügend behandeln kann;aber freilich unserm unvernünftigen „Publikum " werden diewortreichen, zerfahrenen und doch so mangelhaften Eintrickterungs-niethoden mit ihren lächerlichen Regeln und sinnlosen UcbnngS-sätzen und der jedem Finden des Suchenden spottenden Un-ordnung immer lieber sein! Dies kleine und doch so reich-haltige Lehrbuch können wir allen Freunden der schwedischenSprache angelegentlich empfehlen. Wären ihm nur die anderenTheile der «Kunst der Polyglotte" gleich eder wenigstensähnlich!
Der Rattenfänger von Hameln . Ein Beitrag zurSagenkunde. Nebst Mittheilungen über einen gefälschtenRattenfänger-Roman von Pros. Dr. Franz I oft es.Bonn , Haustein. 1698. 6°. 52 S. Mk. 1.—.
— 2 . Die bekannte Sage hat nach dem Ergebniß vorl.Untersuchung ihren Keim in der bildlichen Darstellung derSchlacht bei Scdemünde (1259). Dieses Bild in einem Fensterder Marktkirche stellte den Anführer der gegen den Bischofvon Minden ausziehenden Kriegerschaar in sehr satten, buntenFarben dar, so daß er den späteren Geschlechtern als Pfeiferund ihm gegenüber die jugendliche Kriegerschaar als Kinder-
schaar vorkam. Die historische Erinnerung verdunkelte sich,die Sage spann darüber ihr Gewebe, drang nach auswärts,verschmolz daselbst mit einer Thier-Malediktionsgcschichte undTänzersage, ward dann im XVI. Jahrhundert von dem be-kannten Gegner der Hexcnprozesse, Dr. Joh. Weicr, in seinemWerke „vo prasstiZiis äaemonum" schriftlich fixirt, und dieseDarstellung trug zuletzt in Hameln selbst über die einheimischeAuffassung den Sieg davon. — Veranlaßt zu der scharfsinnigenUntersuchung wurde der Verfasser, Universitätsprofessor in Frei-burg i. d. Sckw., durch eine pikante Entdeckung. Der Frei-burger Universitätsbibliothek ist im Jahre 1891 eine Hand-schrift von einem ungenannten Absender als Geschenk zugeschicktworden, welche eine Geschichte obiger Sage enthält und sichins Jahr 1640 zurückvalirt. Jostcs weist nun mit be-lustigender Evidenz nach, daß diese Handschrift eine von einemGelehrten unserer Tage mit großem Fleiß undWissen verfertigte — Fälschung ist! Und zwar fälltihre Entstehung in die Zeit zwischen 1888 und 1890. Imletzteren Jahre wurve sie sogar gedruckt, aber nicht ausgegeben.In demselben Jahre spielte auch der bekannte Lutherbuchprozeßin Münster !!
Das Märzheft „Alte und Neue Welt", das soeben er-schienen ist, bringt neue interessante Erzählungen und Aufsätze.Der Roman „Die Tochter des Intendanten" gelangt zum be-friedigenden Abschluß und ein neuer kriminalistischer Roman„Das japanische Schränkchen" von M. Carruthersbeginnt. Seitdem es dem bedeutendsten russischen Romanschriftsteller, Fedor Dostojewskh gelungenist, auch diese Art des Romans in den Bereichkünstlerischer Gestaltung zu erbeben, hat sich derWerth der Kriminalerzählung in der öffentlichenSchätzung bedeutend gehoben. Die vorliegende istbei aller Klarheit der Anlage spannend, was manvon den meisten derartigen Romanen nickt sagenkann. Die fesselnd geschriebenen und prächtig illnstrirtenReiseerlebnisse „Selbanver durch Armenien" von I)r. PaulMüller-Simonis schließen in diesem Hefte ab und bringen amEnde das Bildniß des Autors. Der Aufsatz „Die Behandlungder Geistesgestörten im Laufe der Zeiten" von Leop. M. El.Stoff ist nicht minder zeitgemäß als der erstere. Wie anderswird man auch in diesem Punkte die Gegenwart beurtheilen,wenn man die Vergangenheit kennt. „Aus dem Leben einesMärtyrers der Commune" von Amara George-Kaufmann gibtuns anläßlich der 25. Wicderkebr des Todestages des Erz-bischofs von Paris nach zeitgenössischen Aufzeichnungen eine er-greifende Episode aus dem Leben Msgr. Darboys, die man mitgrößter Befriedigung liest. Den neuen Cardinälen von Salz-burg und Lembcrg, sowie dem jüngst verstorbenen, um die bad-ischen Kirchenverhältnisse hochverdienten bischöflichen BeratherDr, Heinr. MaaS sind kleinere Artikel gewidmet. Der bild-mäßige Heftschmuck ist fein und geschmackvoll, die typograph-ische Ausstattung musterhaft.
Zuverlässiger Führer zur Auswahl cinwands-freier Jugendschriftcn unter besonderer Berück-sichtigung der Knaben- und Mädchenschule Eltern undLehrern gewidmet von C. Ommerborn, Rector inCharlottenburg . 1895. Verlag von Franz Kirchheimin Mainz .
Mit vorliegender Schrift hat der bekannte Autor der ka-tholischen Schul Welt einen wesentlichen Dienst geleistet.Bekanntlich wurde noch auf dem Katholikentage in München der Frage der Jugendlektüre eine besondere Sorgfalt gewidmet.Ommerborn's Führer durch die Hochflutb der Jugcndschristenunterscheidet sich nun vor andern Verzeichnissen vor allem da-durch, daß er zum ersten Male eine strenge Sichtung derKnaben- und Mädchenlcktüre vornimmt, und daß er aus-schließlich solche Bücher empfiehlt, die man mit gutem Gewissender Jugend in die Hand gehen kann. Dem Vcrzcichniß voraus-gehende Winke für Schule und Haus erhöhen den Werthder mühsamen, aber auch dafür um so werthvolleren Arbeit.Die Billigkeit der Schrift, welche in zwei Ausgaben: H.. Aus-gabe für Knaben (Preis 50 Pf.), 8. für Mädchen (Preis 50 Pf.),erschienen ist, ermöglichtes jedem, sich bei Einkäufen vonBüchern mit einem zuverlässigen Rathgeber zu versehen»
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