Ausgabe 
(3.4.1896) 14
 
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sehr bedeutend und werden immer einen höchst ehren-vollen Platz in der gesummten Produktion dieser Periodeeinnehmen, schon weil sie einen Respekt vor der Natur,ein liebevolles Eingehen auf sie zeigen, die man bei derdamaligen deutschen Historienmalerei schmerzlich genugvermisst, nicht minder, weil sie uns eine Zeit und Ver-hältnisse von der deutschen Seite her kennen lehren, diewir sonst nur durch die Brille der Franzosen betrachtenkönnten, die sie allerdings ausführlich und ruhmrediggenug in ihrem Sinne geschildert."

Adam Weishaupt .

Von Adam Hirsch mann.

(Fortsetzung.)

Umfassendere Ausbreitung und stärkere Mitglieder-zahl gewann der neue Bund der Jlluminaten erst durchdie Verbindung mit der Freimaurerei , welche durch denschon genannten Knigge herbeigeführt wurde. FreiherrAdolf v. Knigge aus Bredenbeck in Hannover (16. Ok-tober 1752 6. Mai 1796) war schon mit 20 Jahren inKassel Freimaurer geworden, und besaß Geist und Talent,aber kein Vermögen. Wie Stark angibt (Triumph derPhilosophie, Landshut 1834 S. 327), hatte er sich inFrankfurt heimlich in die katholische Kirche aufnehmenlassen; als jedoch das Projekt, um dessentwillen er demLutherthume abgeschworen hatte, scheiterte, wandte er der-selben alsbald wieder den Rücken. Nach Kluckhohn warKnigge ein jugendlicher Schwärmer mit einem leichtenAuslug von Schwindel, an Welt- und MenschenkenntnißWeishaupt weit überlegen, an brennendem Ehrgeiz ihmvielleicht gleich, jedenfalls aber offener, weniger ränkevollund liebcnswerther. (Beilage z. Augsb. Allg. Zeitung1874 Nr. 179.)

In den Briefen Weishaupts, welcher 1777 zuMünchen in die Loge der strikten Observanz aufgenom-men worden war (Nachtrag zur Rechtfertigung meinerAbsichten S. 43), wird des hannoveranischen Edelmannesunter dem Ordensnamen Philo zuerst gedacht am 25. Fe-bruar 1780 (Einige Originalschr. S. 353); Philo selbstbemerkt, daß er im Juli 1780 zu Frankfurt a. M. durchden Marquis v. Costanza (mit dem Geheimnamen Dio-medes, ehemaliger Hofkammerrath) für die Schöpfungdes Jngolstädter Professors gewonnen worden sei (Philo'sEndlose Erklärung S. 32 ).^) Dieser selbst schickte imNovember 1780 einen Brief an Knigge, um ihn für seineIdeen zu begeistern. Denn in Folge der herrischen, aberfehlerhaft geschriebenen Briefe der Münchener LogeKarlTheodor vom guten Rath", welcher Professor Bader als

'°) Unterm 16. Febr. 1732 schreibt Weishaupt: Diomedes ist also in Athen (München ). Dieser Mann bat grobe Ver-dienste um den Orden; denn er hat den Philo angeworben undfolglich durch ihn die herrlichen Männer, die unter dessenDirektion stehen. . . . Ich gestehe cS gerne ein, daß im Ordenungleich bessere und gröbere Gelehrte sind als ich: aber das ge-traue ich mir zu behaupten, daß keiner von allen, auch nichteinmal Philo, so sehr die Kunst verstehe, die kleinsten Umständezu nützen, und die Mangel und Gebrechen einer derlei künst-lichen Maschine zu übersehen. Man glaubt daher oft, vielemeiner Einfälle und Forderungen seien Eigensinn und Eigen-dünkel. (Nachtrag v. Originalschr. I, 33.) Das bekanntesteWerk Knigge's ist seine Schrift:Ueber den Unigang mitMenschen" (Hannover 1788), das nach Kurz, Geschichte derdeutschen Literatur, 8. Aufl. III, 710-11, aus tiefer Menschen-kenntniß und tiefer Beobachtung hervorgegangen ist, wie esdenn seinerzeit einGesetzbuch der praktischen Lebensweisheit"genannt wurde. Man würde es jedoch besser als eine An-weisung zur Lebensklugheit bezeichnen können, weil ein festermoralischer Standpunkt vermißt wird.

Meister vom Stuhle vorstand, war Knigge's erste Zu-neigung sehr erkaltet. Das folgende Jahr (1781) kamer selbst nach Bayern und fand in München begeisterteAufnahme. Doch sah er sich in seinen Erwartungen hin-sichtlich des Geheimbundes getäuscht; zwischen ihm undWeishaupt trat gar bald eine eifersüchtige Spannung ein,die in offene Feindschaft überging. Doch hören wirKnigge selbst:

Als Spartakus anfing, mit mir zu correspondiren, damalte er mir den Orden als ein völlig ausgearbeitetes, tiefdurchdachtes, weit ausgebreitetes System ab und ermuntertemich, aller Orten erwachsene, angesehene, schon gebildete, ge-lehrte Männer anzuwerben. Es war natürlich, daß dieseMänner nicht nur geschwinder befördert werden wollten, son-dern daß ich auch die Direktion ohne Nachtheil meiner Gesund-heit und meines Geldbeutels nicht lange allein führen konnte.Die Sache griff so geschwind um sich. daß ich endlich 500 Menschenzu behandeln bekam?°) Um nun Mittclobere ansetzen zu können,bat ich um die nöthigen Instruktionen, mit einem Worte, umhöhere Grade, und nun machte mich Spartakus (Weishaupt )auf einmal zum Areopagiten und entdeckte, daß alle übrigenGrade nicht fertig wären. Dieß schreckte mich nicht ab, nurbat ich dringend darum, eine gewisse Anzahl Grade, die zurDirektion nothwendig wären, auszuarbeiten und versprach unter-dessen alle meine Leute zwei Jahre lang hintanzuhalten. Daraufschrieb er mir: ich solle alles nach Belieben machen, und sovielAreopagiten aufnehmen, als mir beliebte. Ich nahm aber nie-mand zum Areopagiten auf, hielt durch unerhörte Schwänkeund Wendungen die ältesten, klügsten Männer auf, setzte allesins Feuer, untergrub die strikte Observanz, arbeitete mit Hint-ansetzung aller meiner häuslichen und anderer theils wichtigen,theils einträglichen Geschäfte 16 Stunden täglich für den Orden;nahm, um allem in diesen Gegenden so gewöhnlichen Verdachtedes Eigennutzes auszuweichen, von niemand Geld, gab jährlich250 fl. Porto auS, ließ mich zu allem brauchen, schrieb gegenJesuiten und Rosenkreuzer, die mich nie beleidigt haben, michaber jetzt verfolgen, und arbeitete unterdessen die unterenKlassen aus.

Darauf ließ man mich zu Ihnen, meine besten Bruder!(nach München ) reisen?') woselbst ich soviel Freundschaft undGüte genossen habe. Dort nun wurden die Grade bis zumSchottischen Rittergrad festgesetzt. Ich kam zurück und führtedies in meinen Provinzen ein und legte Versammlungen undLogen an. Nun aber wurde die Maschine sür meine Schulternzu schwer. Deßsalls bat ich um Festsetzung höherer Direktions-grade, nemlich a) einen kleinen Priestergrad zur scientifischenDirektion und b) einen kleinen Ncgcntcngrad zur politischen.Alsdann dachte ich, können wir die sogen, größeren Mysteriennoch immer sür uns behalten, uns dahinter verstecken und dasganze Gebäude anderen Händen überliefern. Wir sehen, wiediese das Ding dirigircn, bleiben im Hinterhalt und arbeitennach Muße die höheren Mysterien aus. . . .

Unterdessen fing Spartakus an in mich zu dringen, ich sollnach Edessa (Frankfurt ) eine rechte Force vom Orden legen.Ich stellte ihm vor, daß daselbst die Leute zu wenig Bedürfnißhätten, zu faul, zu wobllüstig, zu reich, zu republikanisch wären;aber da half nichts. Er erinnerte mich so oft, daß ich endlichalles versuchte. Ich fing nach der Reihe mit 1012 Leutenan, deren keiner ganz eingeschlagen ist, und da nun diese Leuteunter 500 treuen Untergebenen nicht eingeschlagen waren, undviel andere kleine zufällige Umstände machten dann, daß eranfing, mich für einen höchst übereilten mittelmäßigen Menschenzu halten. Er correspondirte hinter meinem Nucken mit meinenUntergebenen.^) Ich habe Briefe von ihm gelesen, darin» er

2") Weishaupt bemerkt hiegegen:Philo sagt freilich, daßer mir 500 Menschen geliefert: aber 1) sind es nicht so viele.2) sind seine Provinzen in einer Verwirrung, daß ich mir nichtzu helfen weiß. Nachdem er sich mit allen Leuten abgeworfen,sein Kredit und Vertrauen verloren, so soll ich nun wieder sodie Sache in Gang bringen. Philo ist gut zum Anwerben;aber hat die Geduld nicht, um Leute zu erhalten, prüft sie nichtgenau: daher muß ich von all den Leuten wohl die Hälftelaufen lassen. . . Beinahe überall sieht es aus, wie in Edessa(Frankfurt ), wo selbst nach Philo's Anordnung 4 einzige sichgerettet haben, worunter doch die meisten von Philo engagirtworden." (Nachtrag v. Originalschr. I, 69.)

2') Nachtrag v. Originalschr. I, 147.

Denselben Vorwurs erhob Weishaupt:Philo habe ich