Ausgabe 
(3.4.1896) 14
 
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einige Domherren aus dem Kapitel verstoßen, mehrerenPfarrern daS Pfrünl einkommen gesperrt, eine strengeUntersuchung gegen seine Geistlichkeit verhängt, armeMönche und Nonnen in ihren friedlichen Klöstern be-unruhiget. Alles das wirkte auf seine durch frühereharte Prüfungen bereits erschütterte Gesundheit nachtheiligein. Im Juni des Jahres 1821 wurde er zur Zeitseines Aufenthaltes in Paris von einer Krankheit be-fallen, deren tödtlichen Charakter er alsbald fühlte. Am25. genannten Monats ließ er sich vom Pfarrer vonSt. Sulpice die hl. Sterbsakramente reichen. Von da absprach er nur mehr von göttlichen Dingen. Für einenjeden, der ihn auf seinem Schmerzenslager besuchte, warer ein Gegenstand der Erbauung. Freitag den 20. Juli1 Uhr morgens hauchte er in einem Alter von 54 Jahren10 Monaten seine edle Seele aus. Mit ihm war einKirchenfürst aus diesem Leben geschieden, auf den vollund ganz das Wort des königlichen Sängers anwendbarist:Tolus äoruus tuae comsäit, ine" (der Eifer fürdein Haus hat mich verzehrt). Außer seiner unerschütter-lichen Anhänglichkeit an die Kirche, seinem standhaftenEintreten für ihre Rechte und seinem ausdauerndenMuthe in allen über ihn hereinstürmenden Widerwärtig-keiten wurden ihm von seinen Zeitgenossen insbesondereGeradheit des Charakters und kindliche Frömmigkeit nach-gerühmt. Bei den treuen Katholiken der Diözese Gent ,ja ganz Belgiens , steht heutigen Tages noch sein Nameim gesegnetsten Andenken.

k. Wilhelm Kreisen.

Literarhistorische Studie von Ad. Jos. Kiel.

(Fortsetzung.)

k. Kreiten's Aufsätze bildeten nicht bloß werthvolleBeiträge zur Literaturgeschichte, sondern, was ungleichmehr Bedeutung hat, sie erweckten in den weitesten ka-tholischen Kreisen wieder mehr und mehr das richtigeInteresse für Literatur und Poesie. War so ?. Kreitenbestrebt, der antichristlichen Kritik eine christliche gegen-überzusitzen, so that er andererseits zugleich durch seineArbeiten dar, wie eine reine, edle Dichtkunst ein mächt-iges Mittel ist, um das Gemüth und durch dieses dasganze geistige Wesen des Menschen zu läutern, zu weckenund zu veredeln. Und so kann man in der Thatk. Kreiten mit vollem Rechte einen Mitbegrün-der unserer heutigen katholischen Poesie undLiteratur nennen.

Nun ist aber k. Kreiten nicht bloß Kritiker undHistoriker, er ist auch selbst ein großes, gottbegnadeteslyrisches Talent. Er beschenkte uns mit einem wunder-vollen Strauße von Blüthen, die erden Weg ent-lang" gepflückt.*)

DieWidmung" dazu schrieb er an einem Aller-seelen-Abend, und in seiner tiefmelancholischen Art fühltsich da der leidende Dichter selber naheder stillenFriedensstadt der grünen Hügel".

Wegmüd' und wund zuckt oft der Fuß.

Gott Dank! schon winkt mit trautem GrußDie stille FriedenSstadt der grünen Hügel.

Am Thore seh' ich den Richter steh'»,

Der Rechnung heischt von meinem Geb'n,

Seit kühn ich fortgestürmt mit verhängtem Zügel,Voll Hoffnung, einst im Jugenddrang,

ViS stiller ward des Mannes Gang,_Den Weg entlang.

*) Wilhelm Kreiten 8. Den Weg entlang. Gedichte.Drifte vermeh rte Auflage derHeimathweise» aus der Fremde".

Von diesem Gedanken des einstigen und vielleichtschon nahen Tages der Rechenschaft beseelt, lenkt derDichterrückwärts seiner Seele Schritte". Der Kind-heit sinnend Spiel, der Jugend unverstandenes Hoffen,das zieht wie trauter Abendglockenklang durch seineSeele wieder. Doch dann, wie schreckt ihn auf dergrauseHammerschlag, der ihm die Mutter sargte".Durch Schmerz gereift hört er des Heilands »Vom,sscfuörs ws!" (komm', folge mir nach!) und freudigfolgt er seinem Bannerdurch Nacht und Fährniß trotzTodesdroh'n und Lockgesang".

So naht dem Ziele sich die Bahn;

Längst Viele, Viele mir voranHeimgingen, die mir treue Weggeiellen.

Sie winken mir: nur Muth, nur Muth!

Der Herr ist gutem Willen gut,

Ihm sollst anheim du all dein Fürchten stellen,

Zn ihm trieb doch dein tiefster Drang,

Wie oft auch Schwäche dich bezwäng

Den Weg entlang.

So will ich geh'n und ihm vertrau'»

Den dunklen Schritt durch Todesgrau'n,

Das er für mich am Kreuze wollt' besiegen . . .

Ihr Freunde, die des Wegs noch geht,

Nehmt, daß ihr meiner im GebetFromm denket, werd' ich selbst im Grabe liegen.

Die Lieder, oft voll trübem Klang,

Voll hcit'rcm oft, wie ich sie sang

Den Weg entlang.

Dertrübe" ernste Klang herrscht vor in seinenschönen Liedern, k. Kreiten ist eben eine sinnende,nach dem einzigen wahren Gute sich sehnende Natur, diesich immer bewußt bleibt, wie sie hier auf Erden nurden Weg entlang" zum ewigen Ziele schreitet. Heitereund in leichtem Spiele dahinhüpfende Melodiken klangenkaum von seiner Harfe. Deren Melodieen glichen viel-mehr dem ernsten, tiefen, mahnenden Geläute der Ossannavom Münsterthurme.

k. Kreiten theilte seine Gedichtsammlung in fünfBücher. Den Anfang bildet daS umfangreichste der-selben,das Buch der Andacht".

Hat sich im fünften Buche, demBuche der Sprüche",Dichter und Kritiker in glücklichster Weise verbunden, undkommt im dritten, demBuche des Menschenlebens", invollem Maße das durchgebildete und formgewandtelyrische Talent des Dichters zur Geltnng, so offenbartsich hier im ersten Buche das ganze schöne, nur nachdem Himmel sich sehnende Herz I>. Kreitens. Dieinnigsten, weihevollsten Gefühle und Gedanken weiß erin schlichtester Weise, aber gerade deßhalb so ergreifendund erhebend wiederzugeben. Man könnte es ein Trost-büchlein im Leiden nennen. Geduld in Leiden undSchmerz, eine allein an Gott sich anklammernde Liebeund ein heißes Verlangen nach dem, der allein desHerzens Sehnsucht zu stillen vermag, das sind die Grund-saiten des kindlich frommen Gemüthes unseres Dichters.Eine Probe aus all' dem Schönen mag genügen, diesesUrtheil zu erhärten. Es ist das Fragen einer gott -geliebten Seele:

Einmal, einmal nur umfangen.

Herz an Herz, o könnt' ich Dich,

Aller Himmel Glnthverlangen:

Jesus Heiland, liebst Du mich?

Einmal, einmal möcht' ich schauenIn die GottcSaugcu, DirAlle tiefste Furcht vertrauen,

Die nicht lassen will von mir.

Mit einem Titclbilde von Ed. v. Steinle. Paderbörn. Ferd.Schöningh. Preis acbd. 6 M. 560 S. 1891.