Ausgabe 
(10.4.1896) 15
 
Einzelbild herunterladen

t^. 15

10. Aprlk 1896.

Streifzüge durch die social politische Literaturdes Mittclalters bis Thomas von Aquin .

Von Frz. Jos. Strohmeyer, Benefiziat in Oberstdorf .

Bekanntlich gilt es bei den meisten neuen Staatslchrernals unumstößliches Dogma, daß dem Mittelalter einewirklich politische Forschung fehle. Sie sagen, diejenigenSchriftsteller jenes Zeitalters, welche sich mit staats- undsocialphtlosophischen Fragen beschäftigen, begnügen sich mitnur akademischen, durchaus nicht wissenschaftlich selbst-ständigen Erörterungen; die ganze Politik jener Zeit be-stände nur aus Kommentaren und Wiederholungen desAristoteles .

Insoweit diese Behauptung allgemein ist und sichauf alle politischen Schriftsteller und Arbeiten des Mittel-alters bezieht, entspricht sie der Wahrheit nicht, wie einGang durch die socialpolitische Literatur des Mittelaltersbeweist. Die Bücheräs rsZivaiirs xrinoixura" vonThomas von Aquin und ,1)6 nionnrosiia,« von DanteAlighieri , um nur diese Beispiele anzuführen, beweisendas Gegentheil.

Die mittelalterliche Staats- und Gcsellschaftsphilo-fophie baut sich auf einer doppelten Grundlage auf, auf dergriechisch-römischen Anschauung vom Staat,dessen Begriff und Zweck, und auf der Lehre des hl.Augustinus vom Verhältniß des irdischen zum über-irdischen Leben. Indem das Mittelalter die AugustinischeDoktrin bei der Bildung seines Staats- und Gesellschafts-begriffs mitberücksichtigte und dieselbe zur dominirendenGeltung kommen ließ, hat dieser Begriff christliches Ge-präge erhalten.

Diesen Einfluß der Augustinischen Lehre auf diepolitische Denkweise des Mittelalters will dagegen RobertMohl nicht gelten lassen. Er schreibt in einem seinerberühmtesten Werke*):Ganz verkehrt ist es, dieseStaatsphtlosophie anknüpfen zu wollen an die Schriftdes hl. Augustinus äs oivituts Osi, indem dessen Gottes-reich das ewige, das weltliche aber das des Bösen ist, sodaß der spätere theokratische Gedanke des christlichen röm-ischen Reichs eher als ein Gegensatz als eine Folge derLehre des Kirchenvaters erscheint."

Es ist unschwer zu erkennen, wie der berühmteStaatslehrer zu seiner Ansicht kam: er hat eben diesenEinfluß der Augustinischen Lehre auf die mittelalterlichePolitik zu allgemein aufgefaßt. Das Buch äs civitatsOsi betrachtet das Gottesreich als das ewige im Gegen-satz zum Reiche des Bösen, zum weltlichen, ganz airsoluts.Dieselbe Anschauung sucht nun das Mittelalter rslativsin die weltliche Politik hineinzubringen, insofern als diegeistliche Macht des Papstes von der weltlichen desKaisers unterschieden wird, und je nach der entgegen-gesetzten Behauptung entweder die eine oder die anderedie Oberhand beansprucht.

Ohne in Abrede zu stellen, daß die griechisch-römischePhilosophie, namentlich Aristoteles und auch Cicero undSeneca , in der mittelalterlichen Politik eine bedeutendeRolle spielt, dürfen wir auf der andern Seite auch denEinfluß des hl. Augustinus und der hl. Schriften unddes Bosthius nicht verkennen und unterschätzen. Darausaber zu folgern, daß keine Spur von Selbsiständigkeitvorhanden sei, wäre falsch.Den eigentlichen Haupt-

') Robert Mohl , Geschichte und Literatur der Staats-wissenschaften I. Bd. S, 225.

gedanken dieser Zeit, der der griechischen Anschauung ge-radeswegs entgegen war, hat sie sich nicht aus Aristoteles geholt; der war ihr durch die christliche Idee ge-geben und entwickelte sich ganz selb st ständig undim inneren Zusammenhang."")

Ehe wir nun unseren Spaziergang durch die Halleder socialpolitischen Denkmäler des Mittelalters antreten,müssen wir zwei auffallende Thatsachen registriren, näm-lich 1) daß das Mittelalter so arm ist au politischenLiteraturprodukten trotz seiner staunenswerthen Kenntnisseauf fast allen Wissensgebieten, und 2) daß selbst betjenen Philosophen, Theologen und Schriftstellern, diesich noch mit Socialpolitik beschäftigen, die Politik docheine mehr untergeordnete, secundäre Rolle spielt.

Es sind dies Erscheinungen, die auf eine gewisseAbneigung des Mittelalters gegen die Politik schließenlassen, und müssen dieselben um so mehr auffallen, alsdie Erörterungen, welche die Gesellschaft angehen, immerauch die Denker jeder Zeit auf's tiefste beschäftigt haben.Welche Culturperiode weist nicht ihre politischen Denk-mäler auf? Die Arier hatten die Vedischcn Hymnen,die Brahmanische Cultur das Gesetzbuch von Manu, diePerser das Buch Zendavesta von Zoroaster, die Aegypterihr Todtenbuch. Und welcher Hauptphilosoph unter denGriechen hat sich nicht mit Staats-, Social- oder Rechts-philosophie beschäftigt? Es genügt, auf Plato undAristoteles hinzuweisen. Plato versuchte eine ideal-politische, auf die Gerechtigkeit gegründete Verfassung zuentwerfen. Aristoteles hatte mit der Untersuchung von158 demokratischen, oligarchischen, aristokratischen undtyrannischen Verfassungen sich vorbereitet, um seineeigenen politischen Gedanken darzulegen. Leider sinddiese Aristotelischen Untersuchungen bis auf die neuer-dins wieder aufgefundene verloren

gegangen. Die Römer endlich beherrschen noch heutzu-tage die Welt mit ihren mannigfachen Gesetzen und ihrenNechtsanschauungen.

Einer solchen Reichhaltigkeit der socialpolitischenLiteratur in andern Culturperioden gegenüber muß dieArmuth an derselben im Mittelnlter im höchsten Gradeauffallen. Wir haben bis zum 8. Jahrhundert nurfolgende Denkmäler: das Buchäs sivitats Ost" vomhl. Augustinus, welches auf das ganze Mittclalter ein-gewirkt hat, dann die 22Oapita, aänrcmitoria,äustinianuin I." des Agapetus Diaconus, ferner dieOaxita, sxstortaticmuw. I^soiisrn stMuur" deLKaisers Basilius Macedo, dann dielloaär-l«des Theophylactus, endlich die Schriftilpo; -röv eöeovMOV 'RtukEv'/' über die Verwaltung des Kaiserthumsvon Constantinus Porphyrogennetus?)

Die einzigen politischen Denkmäler vom 8. bis gegendas 13. Jahrhundert sind die Kapitularien Karls desGroßen und seiner Nachfolger, die päpstlichen Bullen undKirchenrechtssammlungen, von denen die berühmteste dassogenannte Vsorstmva Oratirmi ist, dessen Vollendung-eine Arbeit von 80 Jahren kostete.

Den Grund dieser seltsamen Erscheinung müssen wir

2 ) Förster,Die Staatslehre des MittclalterS" in derAllgemeinen Monatsschrift für Wissensch. u. Literatur S. 834Jnhrg. 1853.

°) Diese und die nachfolgenden literaturhistorischen Notizensind entnommen dem Buche dcS Johannes Schönüber diepolitische Literatur des Mittelalters" (äs titsratura politie»weitn aevi) 1833.