Ausgabe 
(10.4.1896) 15
 
Einzelbild herunterladen

114

vorzüglich in der Völkerwanderung suchen, durchwelche die Frucht der Erforschungen von zahlreichenDenkern viele Jahrhunderte abhanden gekommen, nament-lich fast alles, was die Politik als solche anbelangt, ver-loren gegangen ist. Es bleiben, außer einigen Ueber-reflen der lateinischen Literatur, nur die Erinnerung andie Vergangenheit und in den Werken der apostolischenVater wenige Bruchstücke, in vielfach fehlerhaften Aus-zügen und theils unterschobenen Aufsätzen. Und dannist wohl zu erwägen, daß sich damals weder Philosophennoch Theologen um Socialfragen bekümmert haben, selbstAbülard nicht, von dem man es doch am ehesten hätteerwarten können. Lange Zeit hat man, einer Benedictin-tschen Tradition folgend, geglaubt, es sei auf der be-rühmten HofschuleLastolu kulatinaR eine Professurfür Politik errichtet gewesen, indem einer der dortigenLehrer, Mannon, zur Zeit Ludwigs deS Stammlers(877 879) Plato's Politik und IwZes erläutert habe.Die neuesten historischen Forschungen haben aber ergeben,daß Liese Nachricht unhaltbar ist.

Erst der welthistorische Kampf zwischen dem Papst-thum und dem deutschen Kaiserthum, vom PontifikateGregors VII . (1073) an, gab die natürliche Anregung,nm die Recht h ire beider Mächte, der geistlichen undweltlichen, und den Ursprung der Gewalt überhauptzu erforschen.

(Fortsetzung folgt.)

Johannes Nas ,

Franziskaner und Weihbischof.

Wie rar gerecht der Vorwnrf ist, daß die Lehrerer ivgcuannten Reformatoren zum großen Theile deß-wegen so günstige Aufnahme und so schnelle und weiteVerbreitung gefunden habe, weil es von Seite des Welt-und OrdensOerus aus Mangel an Wissenschaft undEifer an kräftiger Opposition gefehlt habe, zeigt die langeReihe jener Männer, welche, ausgezeichnet durch wissen-schaftliche Bilning und tiefe Frömmigkeit, nach allenKräften dem Vordringen der neuen Lehre einen Dammentgcgenzusetz suchten. Ohne daß in Abrede gestelltwerden soll, baß namentlich in der ersten Zeit mancheüberrascht wurden oder sich anlocken ließen, so zeigt dochdie Geschichte, wie ungerecht ein solcher Vorwurf ist, wenner allgemein gegen den damaligen Klerus oder gegen diereligiösen Orden erhoben wird. Unter denen, welchen dieVertheidigung der katholischen Lehre am Herzen lag unddie für dieselbe mit allem Eifer eintraten, ist nicht dergeringsten einer der Konvertit und spätere Ordensmannund Weihbischof Johannes Nas , von dessen Leben einekurze Schilderung hiemit gegeben werden soll.*)

Johannes Nas war zu Eltmann in Unterfranken geboren am 19. März 1634; sein Großvater gleichenNamens war viele Jahre Aeltester im Rathe der Stadtgewesen. Sein Vater hieß Valentin, die Mutter Magda-lena, geb. Schumann. Der Knabe wurde anfangs mithäuslichen Arbeiten beschäftigt, bis er in seinem zwölftenJahre nach dem nahen Bamberg gebracht wurde, um dasSchneiderhandwerk zu erlernen. Nach beendigter Lehrzeitbegab er sich auf die Wanderschaft und arbeitete inmehreren bayerischen Städten, so in Nürnberg , Negens-

*) Um viele Citationen zu vermeiden, seien die Quellenhier genannt: Schöps, U. Joh. Nasus; die neu herausgegebene6brouwa Urov. 8. Iwoxoläi und Janssen, des. Bd. V u. VI;endlich auch Glaßberger, Otirouioa.

bürg, Augsburg und München . So werthvoll einerseitsdiese Reisen für den jungen Schneidergesellen waren hin-sichtlich seiner gewerblichen Fortbildung, so gefahrvollwurden sie ihm anderseits für seinen Glauben; dennobwohl er von katholischen Eltern stammte und auchselbst im katholischen Glauben erzogen war, wandte ersich auf seiner Wanderschaft der Lehre der lutherischenPrüdikanten zu, und zwar mit einem wahren Feuereifer.Er besuchte ihre Gottesdienste, hörte ihre Predigten undverkehrte viel mit ihnen. Ihre Lehre begeisterte ihn, under bekennt später selbst, daß er mit Lust und Liebe pro-testantische Lieder gesungen, und erinnert sich auch wohl,wie die Lutherischenihre Offenmeß damals auf's schein-barlichst gehalten". Die unausgesetzten Schmähredengegen die katholische Kirche machten auf das Gemüthdes Nas einen überaus tiefen Eindruck, wie aus seinenspäteren Schriften hervorgeht.Zu Nürnberg, Regens-burg und Augsburg habe ich, schrieb er später, dem ver-meinten Wort Gottes hungrig angehangen wie nach-folgends in Luthers Büchern." An manchen Sonntagenhabe er vier ganze Predigten gehört und das LiedErhalt' un§, Herr, bei deinem Wort, und steur' desPapfls und Türken Mord" so stark gesungen als einerim Haufen. Die Schmähungen gegen Papst und Kircheerfüllten ihn schließlich mit solchem Haß, daß er nachseinem eigenen Geständniß ohne weiteres nach Steinens gesucht hätte, wenn ihm nach einer solchen Predigt ein; katholischer Priester oder Bischof begegnet wäre. (Schöpf73.) Die verführerischen Beispiele, die gegen die Kirchegerichteten Bilder und Reden brachten ihn zuletzt so weit,daß er mit wahrer Wollust die rasendsten Schmähschriftenlas und sich nebenbei noch der damals grassierenden Artdes Aberglaubens, nämlich der Sterndeuterei, ergab. Sowar er seinem Glauben ganz entfremdet, ja vollständigabtrünnig geworden und schien für die katholische Kirche für immer verloren.

Da ging 1552 plötzlich eine völlig überraschendeVeränderung in ihm vor. Der Zufall spielte ihm inMünchen das goldene Büchlein von der Nachfolge Christi in die Hände, sein Herz öffnete sich der göttlichen Gnade,er schloß sich wieder der katholischen Kirche an und kehrtesogar der Welt den Rücken, indem er im nämlichenJahre 1552 zu München um Aufnahme in den Franzis-kanerorden nachsuchte, welche ihm auch gewährt wurde.Am 5. August 1553 legte er alsdann nach bestandenemNoviziat die feierlichen Ordeusgelübde ab.

Anfangs übte er im Kloster noch sein Handwerk,indem er in der Schneiderei beschäftigt wurde, worüberseine nachhertgen Gegner, so insbesondere Fischart, Ni-grinus und Osiander , ihre groben Späße nicht sparten,während er dasselbe immer in Ehren hielt, so daß er,zum Wethbischof von Vrixen ernannt, die Scheere in seinbischöfliches Wappen aufnahm. Aber nun erwachte indem jungen Franziskanerlaienbruder ein gewaltigerWissensdrang, er begann auf eigene Faust die lateinischeGrammatik zu erlernen. In stiller Nacht, während allesim Kloster schlief, studirte er bei einer Lampe, die aufeinem der Klostergänge brannte, die Anfangsgründe derlateinischen Sprache. Diese Lampe war vor einemMuttergottesbilde angebracht, und Maria bewies sich ihmals gütige Helferin, wie seine überraschenden Fortschrittenachgehends zeigten. Dieses nämliche Marienbild ist eSauch, welches gegenwärtig in überaus großer Verehrungsteht. Obwohl an sich ganz anspruchslos, wurde es zu-erst der Gegenstand der Verehrung im Kloster, da ja