Literarhistorische Studie von Ad. Jos. Kiel.
(Schluß.)
Wie wiederholt angedeutet, enthält das dritte Büch-lein: „Buch des Menschenlebens", das Beste ausdes Dichters Mappe. Den Anfang bildet in finnigerWeise das nicht nur gut erfundene, sondern auch muster-giltig durchgeführte Gedicht „Das Glück". Es schildertin packender, dramatischer Weise das Jagen und Haschenund Drangen der Menschen nach „Glück". Doch wiebald zerfließen in Nichts die Phantome, denen sienachgeeilt:
Und weiter und weiter und nie zurück,
Das war wobt Gluth und Leben,
Das war wohl Wechsel — doch ach, das Glück,
Das Glück wollt' sich nicht geben!
Nur oft zur Nacht
Zieht mich mit Macht
Die Blume blau in's ferne Land —
Bis ich erwacht
Mit Thränen schau'» daß ich verbannt!
Glauben und Kinderunschuld warfen sie über Bord,and erst wenn sie den Abgrund vor sich gähnen sehen,»ann seufzen sie auf:
Wie find' ich den Weg, der rückwärts lenktBoin falschen Glücke zum Friesen?
Wer ist, der mir wieder die Blume schenkt,
Die tollen Wahns ich gemieden!
Nur ost zur Nacht
Zieht mich mit Macht
Die Blume blau in'S ferne Land —
Bis ich erwacht
Mit Thränen schau, daß ich verbannt!
Doch das wahre Glück bringt nach all' den Ver-irrungen erst wieder die Taube der Buße:
O blaue Blume im fernen Land,
O Kindcrunschulv und -Glaube!
Du hast mir doch einen Boten gesandt —
Mich grüßt mit dein Oelzweig die Taube.
Die ost zur NachtMich lockt mit MachtHinüber in des Friedcnö Land,
Und eh' ich's dacht'
Die Zeit vergeht, daß ich verbannt!
Es würde zu weit führen, wollten wir viele derauserlesenen Blumen und Blüthen erwähnen, die unsder Dichter in seinen Strauß gebunden. Man nehmeselbst das Buch zur Hand und lese und empfinde mitdem Dichter. Sicherlich wird der Leser schöne StundenMit ihm verleben!
Nur ein Gedicht, oder vielmehr einen Liedercycluskönnen wir nicht unerwähnt lassen, bildet er doch diekostbarste Perle des ganzen Buches. „Der Mutter Tod"ist die Ucberschrift einer Reihe tiefempfundener, echterlyrischer Edelsteine.
Der Mai war wieder gekommenMit Lied und Blüt'henstrauß»
Hat Einkehr nicht genommenIn meines Vaters Haus.
Die Fichte klagend rauschte,
Die vor dem Fenster stand,
Und schaute still und traurigIn's frühlingSfrohe Land.
Ich faß in stiller KammerBeim kranken Müttcrlcin,
Unnennbar tiefe WehmnthSchlich mir in's Herz hinein.
Sie schlummert' im alten Sessel,
So bleich, so abgehärmt,
Ihre weißen lieben Hände
An meiner Stirn' ich wärmt'.
Da draußen sang es und klang eSVoll seliger Maienlust —
Ach Gott, war das ein WinterIn meiner jungen Brust!
In seiner Trauer eilte er hinaus in den Wald,der Mutter Liebltngsblumen zu pflücken. Doch jedesMaiglöckchen, das er brach, das sprach so viel vornScheiden, und auf jedes fiel eine Thräne und glänzteda gleich Thautröpfchen.
Es war am heil'gen PfingsttagUnd letzten Mai dazu —
Da meine einzige Mutter
Einging zur ewigen Ruh', llllDa konnt' ich wild nur weinenDie armen Augen roth —
Da lief ich, und da rief ich:
„Die Mutter todt! ach, tobt!"
Dann die ergreifende Schilderung:
Auf der Bahre lag sie schweigend,
Hörte unsern Ruf nicht mehr —
Schlief und schwieg — ob wir UNS neigendSie liebkosten noch so sehr.
Durften einmal sie noch sehen,
„Kinder! müßt hinaus nun gehen!"
Schluchzend bald der Vater sprach.
Der Tischler kam, und jeder Hammerschlag triebeinen Nagel in des Dichters eignes Herz, daß nimmer-mehr die Wunden mögen vernarben.
Sie haben sie fortgetragen,
Sie drangen in's Haus hinein,
Sie hörten nicht auf mein Klagen,
Als wär' sie nicht mehr «rein.
Die Glocken so herzlos klangen,
Als sollt' es Ostern sein.
Und doch zu Grab sie sangenDer einzigen Mutter mein.
Sie warfen mir Erde d'rüber.
Ein Kreuz ward aufgesteckt —
Ich hätte den Sarg wohl lieberMit meinem Leibe bedeckt.
Die Sonne sah ich prangen,
Die Blumen blühten so schön.
Die Vögel so lustig sangen:
Als wäre nichts gescheh'n!
Und mir doch lag im GrabeEin enger dunkler Sarg,
Der meine reichste Habe,
Das Herz der Mutter barg.
Da ward ihm das Herz zum Brechen schwer uu.trauervoll. Von Zimmer lief er zu Zimmer, doch überallwar's öde, es fehlte etwas — das Mutterherz. Wiebeneidet er das arme Bettelkind, das seine blinde Mutterführt. Jst's arm auch an Lab' und Gut. hat's dochnoch eine Mutter.
Und nun der Schluß dieser wehmnthdurchtränktenGedichte, die in ihrer einfachen, ungekünstelten Formunser Herz doch so gewaltig ergreifen! Er ist desDichters würdig. Wohl ist Melancholie ein Grundzugvon Kreitens Charakter, aber sie ist geadelt durch eingläubiges, gottergebenes Gemüth und darum himmelweitverschieden von dem Weltschmerz unserer modernen Pessi-misten. Seine Trauer ist darum auch nicht jene wildzerrissene, in sich selbst aufgelöste, wie man sie jetzt oftauf den Gräbern unserer modernen Friedhöfe symbolisirtfindet — eine Trauer, die nur erdwärts ihre Blicke senktund keine Hoffnung kennt. Der christliche Trauer-schmerz jedoch, so gewaltig er auch das Herz zusammen-pressen mag, er trägt gleichwohl den Stempel himmlischex