Ausgabe 
(24.4.1896) 17
 
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Streifzüne durch die sockalpolitische Literaturdes Mittelalters bis Thomas von Aquin .

Von Frz. Jos. Stroh meyer, Benefiziat in Oberstdorf .

(Schluß.)

Bekanntlich hat der protestantische Professor Dr.v. Jhcring, einer der scharfsinnigsten Nechtsgelehrten, inseinem BucheDer Zweck im Recht" zum Text derII. Auflage einen Nachtrag gemacht, worin er sagt, erhätte vielleicht sein ganzes Buch nicht geschrieben, wenner gewußt hätte, daß die Grundgedanken desselben sichschon beim hl. Thomas in vollendeter Klarheit und präg-nantester Fassung ausgesprochen finden. Das gilt aberbesonders von dem Bucheäs rsZiroins prinoixuva".Er tadelt dann bitter die modernen Philosophen und pro-testantischen Theologen, die es versäumt hätten, die groß-artigen Gedanken dieses Mannes sich zu Nutzen zu machen.Staunend, sagt er, frage ich mich: wie war es möglich,daß solche Wahrheiten, nachdem sie einmal ausgesprochenwaren, bei unserer protestantischen Wissenschaft so gänzlichin Vergessenheit gerathen konnten? Welch Irrwege hättesie sich ersparen können, wenn sie dieselben beherzigthätte I"

Indeß so ganz unschuldig ist Herr von Jhering dochnicht. Den Vorwurf der Unkenntniß kann er nicht gänzlichvon sich abweisen. Oder sollte es ihm auch entgangensein, was Karl von Kaltenborn schon 1848 mit Bezug-nahme auf das Schriftchenäs reZiiriins prillvixuur"geschrieben hat? Derselbe^ schreibt darüber:Am voll-ständigsten und mit dem meisten Scheine (?) einer selbst-ständigen wissenschaftlichen Entscheidung finden sich diemittelalterlichen Nechtsansichlen bei dem berühmten Scho-lastiker und Heiligen Thomas von Aquino entwickelt,"und sagt weiterhin, daß Thomasder Haupt-repräsentant der mittelalterlichen Doktrinvom Rechte zu nennen" sei.

Wir können hier zwei Bemerkungen nicht unter-drücken. Es ist merkwürdig, daß die genannte Schriftdes hl. Thomas von vielen Schriftstellern über diemittelalterliche Philosophie nicht nur vernachlässigt, son-dern nicht einmal erwähnt wird. Wir haben Tenne-mann'sGeschichte der Philosophie" vor uns, in welcherdie Socialpolitik des Heiligen mir keinem Worte erwähntwird. Auch in Stöckl'sLehrbuch der Geschichte derPhilosophie" 3. Auflage haben wir nichts darüber ge-funden.

Noch merkwürdiger ist, daß unsere Socialpolitikerso wenig auf diese wichtige Schrift zurückgreifen, unddoch könnte, wenn auch nicht alle politischen Ansichtendes hl. Thomas unserer Zeit entsprechen, die GesellschaftHeilmittel für ihre Uebel auch heutzutage in mancherHinsicht daraus schöpfen. Die allerwichtigsten Probleme,nach deren Lösung noch heute die Gesellschaft fortwährendstrebt, hat der hl. Doktor in scharfsinniger und präciserWeise hier in den Nahmen seiner Betrachtungen gezogen.Die natürliche Neigung des Menschen zur Gesellschaft(orl «vllpmno; c-ruo-l noXlrlxäv ^cüov, Lviwul sooiuls),die Natur, Entstehung und Formen der Gewalt, diemenschliche Freiheit und Gleichheit, die Pflichten der Ne-gierenden und Unterthanen, Familie, Stadt und Staat,Religion, Handel, Kunst und Heer, kurz, das compli-ctrte Problem des gesellschaftlichen Lebenswird hier einer tiefen Kritik unterworfen

")Die Vorläufer des Hugo Grotius auf dem Gebietedes zus naturas st Asutiuw sowie der Politik im Reformations-zeitalter" S. 43.

und nach den Grundsätzen der natürlichen Vernunft unddes Christenthums erklärt. Auch andere Fragen prakt-ischer Natur, die noch jetzt von lebendigem Interesse sind,werden hier eingehend behandelt, wie die Fragen überBesteuerung, über die Ausgaben für militärische Zwecke,über die königlichen Einkünfte, über die Nothwendigkeiteiner eigenen Münze im Staat, um den Geldverlustdurch Wechsel zu vermeiden u. s. w.

Man sieht, Probleme kommen in diesem Werke zurErörterung, die von außerordentlicher Wichtigkeit sind,und darum können wir unsere Abhandlung nicht be-schließen, ohne dieses Buch der sorgfältigsten Beachtungund dem ernstlichen Studium eines jeden Philosophenund Socialpolitikers empfohlen zu haben.") Das kannnur von Vortheil sein für die Lösung der schweren Social-probleme der Gegenwart.

Es hat sicherlich keine Zeit mehr ein Wort deSFriedens nothwendiger als die jetzige, die durch die ge-fährlichsten und drohendsten Leidenschaften entzündet ist.Nun vermag aber die Philosophie ohne Religion diesesWort nicht auszusprechen. Wie weit hat es denn diePhilosophie gebracht, seitdem sie emancipirt ist von ihremCentrum, von Religion und Wahrheit, seitdem der Kriti-cismus des Königsberger Philosophen den letzten Steinweghob vom Gebäude der philosophischen Wahrheit? Biszur barsten Negation, bis zur tollsten Verzweiflungs-philosophke desUnbewußten ", die sich sozusagen selbstzum Besten hält. Wie soll eine solche Philosophie nochdie sittliche Kraft zu siegreicher Initiative haben? SelbstLange, der Geschichtschreiber des Materialismus, erwartetden Siegunter dem Banner einer großen Idee".Darum können wir dem Christenthum das Prognostikonstellen: es wird noch einmal die Gesellschaft von ihrenUebeln heilen und vor dem Zusammensturz retten und soeinen großartigen Triumph feiern in der Inaugurationeiner neuen Zukunft.

Der christliche Socialismus,^) durch welchen in derunauflöslichen Ungleichheit der Stände alle MenschenBrüder sind und sich als solche fühlen, das ist dieeinzige und wahrexactio loeäoris" der Zukunft!

Zur baldigen Erreichung dieses Ziels wird auch dieAusbreitung der Kenntniß der socialpolitischen Grundsätzedes gewaltigen mittelalterlichen Denkers einen werthvollenBeitrag liefern können.

Vor Vierzehnhundert Jahren.

Das katholische Frankreich begeht in diesem Jahreeine außerordentliche Gedächtnisfeier, darum hat ihm dasOberhaupt der Kirche auch eine außerordentliche kirchlicheBegünstigung erwiesen, einen nationalen Jubelablaß, alsoeinen Ablaß mit jenen Facultäten und Privilegien, wiesie sonst nur mit dem für die ganze Kirche ausgeschriebenen

") EmpfehlcnSwerth ist außer dem schon genannten Buchedes vr. Schneider (ot. oben) zu diesem Zwecke das Buch desDr. I. I. Baumann:Die Staatslehre des hl. Thomas vonAquino , des größten Theologen und Philosophen der katholischenKirche. Ein Beitrag zur Frage zwischen Staat und Kirche."Leipzig 1873. Das, was man nach dem Titel vermuthen möchte,nämlich eine historisch-kritische Untersuchung der TbomistiichenSocialpolitik, fehlt freilich; indeß ist auch die einfache Ueber-setzung aus dem I. lid. von »äs rsKim. xrim;,- und von 4 Ka-piteln des II. lib. nebst Ergänzungen aus >vo rs§iwmsäuäasorum«, aus dein Commcntar zu Aristoteles' Politik, ausder -Summ» tbeol.« und aus der »Lumma »ävsrsus Asutilss«durchaus nicht wcrtbloS.

'°) ek. Hitze Franz. Quintessenz der socialen Frage,Paderborn 1880.