Ausgabe 
(24.4.1896) 17
 
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Jubiläum verbunden sind. Cardinal Langcnieux, der Erz-bischof von Reims, hat den Heiligen Vater in einemeigenen Schreiben um diese Gnade gebeten, und derPapst hat diese Bitte in einem ausführlichen Antwort-schreiben gewährt.

Im Eingänge dieses Briefes gibt Leo XIII . denGegenstand der Feier klar und präcis an: es ist dieTaufe Chlodwig's , KönigS der salischenFranken, die am Weihnachtsfeste des JahreS496 zu Reims durch den heiligen Nemigius,Bischof dieser Stadt, vorgenommen wurde. Es ist gut,ausdrücklich festzustellen, wer Chlodwig gewesen, und werseine Leute gewesen. Denn bei den Franzosen ist nochimmer die sonderbare Auffassung nicht ausgestorben,Chlodwig als König von Frankreich , die Merovingerals eine französische Dynastie und die Franken alsFranzosen hinzustellen, trotzdem ernste französische Historiker,wie namentlich Augustin Thterry, dies längst als allerGeschichte widersprechend aufgezeigt haben. Von Frank-reich und Franzosen kann unter Chlodwig keine Redesein, weil es damals weder ein Frankreich noch Franzosengab. Als die Franken im letzten Drittel des fünftenJahrhunderts in Gallien einfielen, war dieses von denGallo-Nomanen, den romanisirten Galliern, bewohnt.' Esbefanden sich nun zwei ganz verschiedene Bevölkerungs-elemente im Lande: die unterjochten römischen Pro-tz inzialen, die längst christlich waren, und bei denendie Kirche seit Jahrhunderten blühte; dann die herrschendenFranken, einer der germanischen Hauptstämme, die nochim Heidenthum verharrten. Diese beiden Elemente standeneinander schroff gegenüber, und so lange die Eroberer dasChristenthum nicht angenommen hatten, konnte von einerMischung und Amalgamirung der beiden Völker keineRede sein. Erst nach der Christianifirung der Franken erfolgte, und zwar sehr allmählig, der Proceß der Ver-schmelzung der Germanen mit den Romanen, als dessenResultat das Volk der Franzosen zu betrachten ist. Dieseerscheinen erst um die Mitte des neunten Jahrhundertsals fertige Nation, und die gelegentlich des Vertragesvon Verdun (842) abgelegten, von Neidhart aufgezeich-neten sogenannten Straßburger Eide sind der ältestebekannte Text in französischer Sprache. Indem aberChlodwig und mit ihm sein Volk die Taufe annahmen,legten sie den Grund und erfüllten die unerläßlicheVorbedingung zu ihrer nachherigen Verbindung mit denGallo-Nomanen und zur Entstehung der französischen Nation und des französischen Staatswesens. Undhierin liegt eben die Bedeutung der TaufeChlodwigs für Frankreich selbst: sie war derKeim seiner späteren Existenz.

Verweilen wir noch einen Augenblick bei Chlodwig selbst. Als der König zur Taufe herantrat, richteteRemigius an ihn die ernsten Worte:Beuge sanft-müthig Deinen Nacken, Sikamber (so wurden die salischenFranken genannt); bete an, was Du verbrannt hast,verbrenne, was Du angebetet hast" (Nitia äsxonscalla, Licaralrer, aävra Hnoä ivcenäisti, incsnäs,tzuoä aäorasti); damit war die völlige Aenderung derSinnes- und Handlungsweise angedeutet, die das Christen-thum fordert. Damit war es freilich bei Chlodwig langenicht so bestellt, wie es hätte fein sollen. Indessen darfman deßwegen seine Bekehrung nicht als unaufrichtig be-trachten, dem stehen zu viele Thatsachen gegenüber, na-mentlich die, daß er das Christenthum, von dem er nachdem Ausdrucke Gregor's von Tours irdischen Ruhm und

ewige Seligkeit (sasculi gloriava athus coalcstig regn!xg.tria.ni) erwartete, kräftig schützte und begünstigte undin ihm die ersprießlichste Grundlage für das Wohl seinesReiches erkannte, und daß er seiner Gemahlin Clotilde mit unverbrüchlicher Treue ergeben blieb. Es kämpftenaber bei Chlodwig wie bei seinen Nachfolgern und demchristlich gewordenen Volke der Franken überhaupt nochlange zwei Strömungen mit einander: die alte heidnisch-nationale mit ihren Mißbrauchen und lasterhaften Ge-wohnheiten und die neue christliche mit ihren strengensittlichen Anforderungen und ihrer reformatorischenThätigkeit.

Doch Chlodwigs Bekehrung geht in ihrer Tragweiteüber Frankreich weit hinaus: sie ist ein wahrhaftgroßes, welthistorisches, epochales Ereigniß.Einmal wurde dadurch das erste principiell und in jederBeziehung christliche Staatswesen hergestellt, was dasweströmische Reich selbst nach Constantin nicht im vollenSinne gewesen. Sodann war damit das erste kathol-ische, rechtgläubige Staatswesen geschaffen. Arianischwaren die Ostgothen in Italien , arianisch die Westgothenin Spanten und Südfrankreich , arianisch die Burgunden,arianisch die Wandalen; die oströmischen Kaiser, wie ge-rade Zeno, waren von der Häresie beeinflußt. Da tratChlodwig auf als der einzige katholische Herrscher, damitwar dem Arianismus der Todesstoß versetzt. Der Häresiefehlt aber stets die innere Segensfülle, welcher einzigund allein die heilsamen Wirkungen des Christenthumsentspringen, und gerade die Geschichte des Arianismusbeweist, daß auch damals nur die katholische Kirche jeneSegensfülle zu bieten vermochte, und daß der durch siegegebene Zusammenhang mit Rom hiebet die erste Rollespielte. Darum erschien den Zeitgenossen die TaufeChlodwigs als eine so hochwichtige und bedeutungsvolleThatsache. Papst Anastasius II. schrieb in der Freudeseines Herzens an den neubekchrten König:Erfreue,ruhmreicher, erlauchter Sohn, Deine Mutter und fei ihrein eiserner Pfeiler. Denn die Liebe ist bei Vielen imErkalten, und durch die Arglist der Schlechten wird dasSchifftet» der Kirche von wilder Wege hin- und her-geworfen, von schäumender Brandung gepeitscht. DochWir hoffen wider alles Hoffen und preisen den Herrn,der Dich der Macht der Finsterniß entrissen und derKirche einen so gewaltigen Fürsten geschenkt hat, auf daßer sie schütze- und gegen die Ruchlosen den Helm desHeiles ergreife."

Diese Bedeutung der katholischen Taufe des Franken-königs läßt es auch begreiflich erscheinen, daß man denTitelAllerchristlichster König" (Ksx OlristianiZsimus)bis auf Chlodwig zurückgeführt hat. Indeß läßt sich nurnachweisen, daß die französischen Karolinger von denPäpsten öfter mit diesem Titel beehrt wurden, daß der-selbe später allgemein erblich, im fünfzehnten Jahrhundertvon Papst Pius ll. als herkömmlicher Titel der französischen Könige anerkannt, von Paul II. endlich ihnen förmlichverliehen wurde.

Die Bekehrung der Franken zur katholischen Kirchehatte zunächst auch den Uebertritt der von Chlodwig be-siegten Alamannen zur Folge. Weiterhin aber wurdedurch die Ausdehnung der fränkischen Herrschaft über daswestliche und südliche Deutschland überhaupt die christlicheMissionirung der germanischen Stämme mächtig gefördert,wie denn namentlich dem heiligen BonifatiuS seine engeVerbindung mit dem fränkischen Hofe eine sehr will-kommene Unterstützung bei seinem großen Werke bot.