Ausgabe 
(24.4.1896) 17
 
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Freilich fällt das tzäüpiverdienst in dieser Beziehungnicht den Merovingern zu, sondern jenem Geschlechte,dessen Hauptvertreter zuerst als thatsächliche Regenten,dann als Könige auch dem Namen nach über dasFrankenreich herrschten, und das nach seinem vorzüglichstenMitgliede das Karolingische genannt wird. Die Karo-linger waren es auch, die in der Person Pipin's undKarls des Groben als Werkzeuge der Vorsehung denPäpsten jene territoriale Selbständigkeit sicherten, welchedie materielle Basis ihrer effcctiven Freiheit und Unab-hängigkeit in der Ausübung ihres Amtes ist. Vielleichtnie kam das Verhältniß zwischen Lueerclotium und Im-perium seinem Ideale näher als unter den ersten Karo-lingern, namentlich unter Karl dem Großen.

Nur nebenbei sei darauf hingewiesen» daß dieGründung des christlichen FrankenreicheL nicht bloß inreligiöser, sondern auch in nationaler und politischer Be-ziehung von großer Wichtigkeit war. Aus dem Franken-reiche löste sich später das Deutsche Reich los, die fränkischeGröße ward die Grundlage zur deutschen Größe.

Auch nachdem die Westfranken zu Franzosen, daswestfränkische Reich zu Frankreich geworden war, gab esZeiten, wo Frankreichs Herrscher und Volk sich hohe Ver-dienste um die Sache der katholischen Kirche und Religionerwarben und den TitelnAllerchristlichster König" understgeborene Tochter der Kirche" Ehre machten. Es seinur erinnert an Ludwig den Heiligen und an die Kreuz-züge. ES kamen freilich auch immer wieder andere Zeiten,wo eS anders zuging und aussah. Doch ist hier nicht derOrt zu Recriminationen. Auch heutzutage, mitten unterden Bedrängnissen einer gottentfremdeten Herrschaft, be-haupten die Katholiken Frankreichs einen Ehrenplatz unterden katholischen Nationen, und insbesondere das fran-zösische MisfionSwesen muß als das erste der Welt an-erkannt werden. Was sonst den französischen Katholikenobliegt und noththut, sagt das päpstliche Schreiben anCardinal Langsnieux deutlich genug.

Wir schließen mit k. Florian Rieß ' Worten in denStimmen aus Maria-Laach" (II. Band):Mit demEintritts eines Volkes in die katholische Kirche verhälteS sich ganz ähnlich wie mit der Bekehrung des Ein-zelnen: es wird ein neuer höchster Zielpunkt gewonnen,von welchem allmählig das ganze Verhalten geregelt undharmonisch gestimmt wird; eS wird ein Gesetz ange-nommen, von dessen treuer Erfüllung Wohl und Weheabhängt. Eine viele Jahrhunderte zählende Geschichtehat den Act Chlodwig's bestätigt; die katholische Kirche hat die Franken und ihren Zweig, die Deutschen, mitihrem Geiste durchdrungen; die Willigkeit, womit sichunsere Vorfahren diesem höheren Zuge ergaben, hat siezu dem gemacht, als was wir sie in den folgenden Jahr-hunderten bewundern. Sie bildeten ein eminent kathol-isches Volk, das war die Wurzel ihrer Größe; von ihrerTreue gegen diesen Geist . . . hing auch ihre nationaleWohlfahrt ab."

Einige Konzertbesprechnngen.

L. Paris, im April 1896.

ES fügt sich feit Jahren, daß ich um die Zeit derVollendung meiner Winteraufgabe, d. t. wenn das eigeneKonzert vorüber ist und die Karwochenaufführungenwenigstens secnuiäum ymä in's Reine gearbeitet sind,nach Nürnberg und nach München fahre, um dort zuhören, W lernen, zu vergleichen und Anregungen zu em-

pfangen. Ist der Ostertag vorüber, so eile ich hieher,nicht blos, aber doch auch um wenigstens noch einigeWellen der hiesigen Konzertfluth zu erhäschen. Was ichmeist noch erreiche, ist das eine oder andere Konzert imgroßen Trocadsro-Saale . Es sei mir gestattet, über dasGehörte mich ein bischen vernehmen zu lassen zunächstüber das Konzert, das der Verein für klassische Chormusikunter der Leitung des Herrn Kapellmeisters Ringler amPasstonssonntag im Rathhaussaale in Nürnberg gab:Judas Makkabäus, Oratorium in 3 Theilen vonG. F. Händel . Ein Segment aus den Befreiungs-kämpfen des israelitischen Volkes. Man weiß, wie sehrpopulär solche Stosse bei den Engländern zur Zeit Händelswaren: die Engländer exemplifizirten ja daraus mit Vor-liebe auf ihre eigenen religiösen wirklichen oder vermeint-lichen Befreiungskriege:der Mann voll Muth und Geist,der uns're Bande kühn zerreißt", ja das war damalsder populäre Mann in England! Indeß Gott ist einGott nicht blos der anglikanischen Protestanten, sondernder ganzen Welt, und so wäre es gewiß verfehlt in denreligiösen Befreiungskriegen der alten Juden blos Typenfür die Engländer zu sehen. So wie aber diese Typenallgemeine, d. h. katholische, und ich darf sagen sogarspezifisch katholische Bedeutung haben, so auch ihre Ver-wendung und Behandlung im Händel 'schen Oratorium.Mag hundertmal der protestantische Gottesdienst Ver-anlassung gegeben haben zu der Ausgestaltung unseresOratoriums, mögen hundertmalprotestantische" Choral-melodien von den Komponisten citirt und verwendet sein,wie z. B. von Bach in seinem Magnificat die MelodieMeine Seele preiset den Herrn" *) die Veranlassungallein stempelt das Werk, zumal ein Vokalwerk, nochlange nicht zu einem confessionell bestimmten, noch wenigervermag dies ein Citat, sowenig als etwa der Ohreubartden fränkischen Bauern zum Lutheraner macht. Sondernwenn ein Text, ich will speziell beim Oratorium bleiben,wenn ein Oratoriums stoff aus der hl. Schrift richtig auf-gefaßt ist, so betrachtet meines Erachtens der Katholik immer die Möglichkeit konfessionellen Unterschiedes inder Musik vorausgesetzt diese Musik mit Recht alskatholisch. Ich halte es nicht für unangezeigt, auch ein-mal darüber zu reden, da gewisse Leute gar zu leicht-hin von dem protestantischenDettinger 1s vaum"Händels, von dem protestantischen Ua§niücub S. Backsu. s. w. sprechen.

Viel fruchtbarer als der Streit um katholische oderprotestantische Musik ist gerade angesichts des Händel'schenJudas Makkabäus und der in München aufgeführten Bach --sehen MatthäuZpassion, von der später die Rede sein soll,eine andere Frage: welche Musik ist populär, welche istaristokratisch? Man sollte meinen: da Händel nie,wenigstens in seinen bedeutendsten mir bekannten Werkennie (ob dieChoralmelodie" inJudaS Makkabäus":wir opfern Gott, und Gott allein" eine Ausnahmemacht, oder ob sie von Händel selbst erfunden ist, weißich nicht; jedenfalls ist sie L la cllorals) Volksgesänge,Choräle citirt, so wäre er der unpopuläre, der hocharisto-kratische Komponist, der thnrmhoch über dem Volke undseinem musikalischen Fühlen und Begehren stünde. Um-gekehrt S. Bach , der immer und überall wieder Chorälecitirt und verarbeitet, er müßte der wahrhaft populäreKomponist sein. Und doch scheint mir gerade das Um-

>) Die übrigens, wenn sie denn durchaus als Musik, alöMelodie confessignell sein muß, garnicht protestantisch ist, son-dern uralt katholisch: der ehrwürdige ll?ouus xeresriuusl