Ausgabe 
(24.4.1896) 17
 
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gekehrte der Fall zu sein, Händel hat ja keine Volks-gesänge citirt, das ist wahr, aber er hat Volks-gesänge gemacht: seine Chöre in allen großen Werken,imMessias", im «1s vauna" (z. B. das gewaltigeHeilig", der Aufmarsch der einzelnen Chöre vonHeiligen rc.), im Judas Makkabüus z. B.Wir weih'ndem Edlen Klag' und Schmerz",Du Gott , dem Erd'und Himmel schweigt",Fall ward sein Loos",Seht,er kommt mit Preis gekrönt", das alles sind Volks-gesünge, d. h. Gesänge so, wie das Volk singt. Aeußer-lich weist schon die vorwiegend homophone Behandlungder Singstimmrn auf den volksthümlichen Charakter dieserGesänge hin. Dagegen ist Seb. Bach trotz seiner un-zähligen Choralmelodieen durchaus nicht volkstümlich inunserem Sinne des Wortes, nicht wegen seiner Choral-melodieen, sondern wegen ihrer Verwendung und Ver-arbeitung, die sehr gelehrt und oft genug sehr complizirtist. HändelS selbsterfundene Melodiken find populär, diepopulären Choralmelodieen haben in Bach c'ne sehr aristo-kratische Be- und Verarbeitung gefunden. Und selbst inseinen Arien scheint mir Händel viel mehr als Bach einenpopulären Zug bewahrt zu haben.Arg dogmatisch",habe ich vor Jahren, ich glaube imSammler", von demDuettOstrists Liaison" in Bachs Hoher Messe gelesen.Um bei diesem Ausdrucke zu bleiben: oaatsris xg-ribusdürfte Händel gegen Bach einkleiner Katechismus fürdas Volk" sein gegenüber einem sublimen Lehrbuch derDogmatik.

Aber eines muß von Händel und Bach und denKlassikern gemeinsam, namentlich gegenüber manchenModernsten" hervorgehoben werden: ihnen genügten inChor und Arie und Orchestersatz feste, bestehende,gesetzmäßige Formen, um darin ihre ganze Fan-tasie und ihr ganzes Herz niederzulegen, während es beivielen Modernsten Mode geworden ist, die Form zu zer-reißen, form- und regellos und dadurch auch oft genug !unfaßbar zu werden einemEinfalle", einemHerzens-drange" znlieb; und wenn es nur immer wenigstensauch große Gedanken, bedeutende Herzensergüsse wären!Die möchten wohl solche Revolutionen entschuldigen,meinetwegen sogar rechtfertigen;der Meister kann die

Form zerbrechen"-wie aber, wenn die Meisterschaft

gesucht wird gerade in der Zerbrechung der Form? Dortheißt es, ich kann die Form zerbrechen, weil ich Meisterbin; hier: ich bin Meister, weil ich die Form zerbrechenkann! Aha! In Bezug auf die Form nun find dieChöre inJudas Makkabüus" geradezu musterhaft; mansehe sich beispielshalber die schöne Disposition an in denChörenWohlan, wir folgen gern",Du Held, du Held,o mach' uns frei",Hör' uns, o Herr",Fall ward seinLoos"! In diesen stehenden Formen wie viel Fantasie,wie reiches Gemüthsleben! Und damit komme ich zueinem Kapitel, daS eigentlich für sich allein eine Be-trachtung werth ist: zur Händel'schen Textauffassung.Händel , der Situationsmaler was stand ihm htefürzur Verfügung? Vor allem, soweit die Musik Deklamationund Architektonik ist, prägnante Rhythmen und Akzente;soweit sie Melodie ist, charakteristische Intervalle; sofernsie aus Harmonien besteht, der Wechsel der Tonarten;soweit sie aus verschiedenartigen Singsttmmen besteht,Trennung und Mischung der Singstimmen; soweit sieendlich instrumental ist, die zweckmäßige Verwerthungder Instrumente. Das scheinen Binsenwahrheiten zusein, die hier aufzutischen ganz unnöthig sei und dochwar's nicht immer so, wie bei Händel Bei Palestrina

z. B. stehen Rhythmen und Akzente vör alleut im Dienst^der Contrapunktik; auch die melodischen Schritte sind be-stimmt und begrenzt durch die Regeln der Polyphonie.Und wenn bet Palestrina das L^ris düster dorisch ge-halten ist, so halten sich Lllorig,, Oreäo, Lanetus inderselben (Moll-)Tonart; was für einen Umschwung inder Stimmung führt imJudas Makkabüus" nur daSRecitativNicht ganz umsonst" mit der folgenden ArieFromme Thränen" herbei! Die von der Natur selbstgemachte Beschränkung in der Verwendnng der Hörnerund namentlich der Trompeten in jener Zeit wärefür sich allein schon ein Grund gewesen für ge-wisse Stimmungen und Situationen gewisse Tonartenfür charakteristisch zu halten. DaS alles war früheranders und ist auch jetzt wieder anders geworden, nach-dem allen Blasinstrumenten die ganze chromatische Skalaaufgethan ist.

Mehr gemeinsam mit früherer oder spaterer Musikals das Gesagte ist der Händel'schen Periode die Wahlder Taktart (z. B.Blas't die Trommet"), die Wahlsteigender oder fallender Jntervallschritte für die Wörtersteigen" undfallen", z. B.du sinkest, armes Israel,tief herab"; das Verweilen der Musik bei einem Be-griffe, einem Worte, ja einer einzigen Silbe, um sie ge-hörig zu illustriren, z. B. denArm" in der Arie:Wie eitel ist", in der ArieDurch Wunderthaten er-rettet euer Gott " die beiden BegriffeWunderthaten"underrettet". Bei Palestrina und Orlando finden wirdiesem verwandte Züge: in seinen Lamentationen um-kleidet Palestrina , wie auch schon die Choralmelodtesolches andeutet, die hebräischen Namen Aleph, Beth rc.,die doch eigentlich recht wenig zu bedeuten haben, mitherrlichen musikalischen Nahmen; bei Orlando macht eSmir oft Vergnügen, zu sehen, wie er in seinen Credos,in seinen Magnificats die Wörterrssurrsetionsni",rc. schüttelt und beutelt, und sogar mit bloßenVokalen sein rhythmisches Spiel treibt (ich erinnere anvisidiltuin" in seiner Ntssa(jusl äorma").

Ein Hauptdarstellungsmittel ist endlich auch derdynamische Gegensatz: eine klassisch schöne Stelle in dieserHinsicht ist imJudas Makkabüus":wir folgen dir zumSiege", dann nach einer Pause das Piano:wär's zumFall". Solche Stellen sind und bleiben wahr, und deß-halb altern sie auch nicht.

Aber all das Gesagte enthüllt uns das Geheimnißder Kunst noch nicht; Akzente, Gegensätze, Periodenbau heute habe ich ein französisches Kirchengesangbuchdurchgeblättert; da finde ich all diese Griffe verwerthet;und doch kommen die besten Lieder über steifleinenenKlassizismus nicht hinaus; das Geheimniß besteht darin,daß jedes Mittel zur rechten Zeit und im entsprechendenGrade angewendet wird. Ja, es ist nicht anders, undwenn man über dieses Bekenntniß auch hundertmal lachenmag: nicht neue Mittel sind's, die das Genie kennzeichnen,sondern die rechte Anwendung der Mittel; aber mit derSonde eines Chirurgen läßt sich das Genie nicht finden.

Was nun die Wirkung betrifft, die Händel imJudas Makkabüus" erreicht, so reichen die Chöre andie Herrlichkeit und den Glanz etwa des Dettinger 1svöum oder auch desMessias" nicht recht hinan; auchdie Regie in Nürnberg hat das gefühlt und deßhalb anStelle des kleinen Schlußchores dasHalleluja" aus demMessias" gesetzt; ob das nicht über das Ziel hinaus-geschossen war, möchte ich nicht entscheiden. Freilich isteine Vergleichung mit dem großen Oeura deßhalb