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der oberschwäbischen Bauernschaft erhob. Daß diese zwölfArtikel wirklich das Programm der „christlichen Ver-einigung" sind, daß sie auch inhaltlich als deren Eigen-thum betrachtet werden müssen, das; sie die von Lotzerredigirte Eingabe der Memminger Bauern vom 24. Fe-bruar als Vorlage benutzen und das umgekehrte Ver-hältniß nicht statthaben kann, wird gegen Stern undLehnert^) mit schlagenden Gründen nachgewiesen. Re-daktor der Artikel war Lotzer , dem Schappelcr, derMemminger Prediger, „bei der Ausgestaltung des Textesund der Auswahl der zum Beweise seiner Schriftgemäß-heit beizusetzenden Bibelstcllen sein Wissen zur Vcrsttgunggestellt hat". Als Richter, welche die Uebereinstimmungder Banernfordcrnngen mit dem Evangelium prüfensollten, benannte das zweite Memminger Bauernparlawentdie hervorragendsten 'Reformatoren und daneben einigeden Bauern persönlich bekannte Prädikanten in Ober-schwaben . Artikel, Bnndesordnung und Nichterliste wurdensofort in Druck gegeben, nicht zu Agitationszwecken, son-dern als Nechtfcrtignngsschriften, um dem beharrlichenund unheimlichen Schweigen des schwäbischen Bundesgegenüber an die öffentliche Meinung Berufung zuergreifen.
Aus diesem Zwecke erklärt sich theilweise die in denArtikeln zu Tage tretende Mäßigung. Die protestantischeGeschichtsforschung beruft sich gern auf diese Mäßigung,um darzuthun, daß die Artikel „ein Programm der Re-form, nicht eines der Revolution" seien; „wer sie ver-kündigte, wollte nicht Bürgerkrieg, sondern Versöhnung" ^).Allein bei den Bauern „stimmen Wort und That nicht;ihre Schriften und Programme athmen Frieden und Ruhe,ihre Handlungen sind rücksichtslos und gewaltthätig". DerHaß gegen die bisher allein berechtigten Stände und gegendie altgläubige Geistlichkeit, dazu die Lust an Gewalt-thaten waren Leidenschaften, welche zu zügeln die Führerkeine Macht besaßen. Es hätte somit die in den zwölfArtikeln angekündigte Neugestaltung der Dinge nie friedlichvor sich gehen können, ganz abgesehen davon, daß dieHerrschaften nicht geneigt waren, ihre zumeist wohler-worbenen Rechte friedlich tönenden Programmen zu liebepreiszugeben. Nachdem in der zweiten Memminger Tag-satzung die Bauernbewegnng ihren Höhepunkt erreicht hatte,kam es denn auch alsbald von Seite der Bauern zuneuen Gewaltthätigkeiten, welche den schwäbischen Bundder Mühe überhoben, die unterdessen geschickt eingeleitetenVerhandlungen zum Abschlüsse zu bringen: das Bundes-heer, nach der glücklichen Altion gegen Herzog Ulrich vonWürttemberg frei geworden, stand zur Niederwerfung desAufruhres bereit.
Daß bei der ganzen Bewegung das „göttlicheRecht" einen maßgebenden Faktor bildet, tritt in Ban-manns Untersuchung klar zu Tage. War es bei denmittelalterlichen Ausständen, weil man bei Einzeln-beschwerdcn stehen blieb, im schlimmsten Falle zur Er-hebung einer einzelnen Landschaft gekommen, so konntejetzt unter der Losung des göttlichen Rechtes die Einigungweiter Kreise von Unzufriedenen-stattfinden; es ließen sichja alle Einzeluforderungen unter dieser gemeinsamen For-derung zusammenfassen. Hatte man früher — soweit nichtder Einfluß husitischer Lehren sich geltend machte — diehistorisch und rechtlich gefestigten Verhältnisse respektirtund lediglich die Rückkehr zu älteren Nechtszuständeugegenüber der Verschlimmerung der Lage in den letzten
°) G. Egclhaaf, Deutsche Geschichte im sechzehnten Jahr-hundert. I, 576.
Jahrzehnten angestrebt, so trat jetzt in dem göttlichenRecht ein Princip mit dem Anspruch hervor, Maßstabund Grundlage einer völlig neuen, allein berechtigtenOrdnung der Dinge zu sein. Es ist klar, daß solchegrundstürzende Forderungen dem äußersten Widerständeder berechtigten Klassen begegnen mußten. Mit Rechthat daher Janssen^) betont, daß die sociale Revolutionden Charakter der Allgemeinheit und der unmenschlichenFurchtbarkeit erst aus den durch die religiösen Wirrengeschaffenen oder entwickelten Zustünden erhielt. „DieVorspiegelung falscher Freiheit, gesteht der Nördlinger Re-formator Billicanus , hat die Bauern verlockt, und jenehaben das Feldgeschrei erhoben, welche durchihr verfälschtes Gotteswort die Einfalt derMenschen bethörten."
Die „zwölf Artikel" Bauwanns weisen die bekanntenVorzüge seiner schriftstellerischen Thätigkeit auf: völligeBeherrschung des Stoffes, die sich im Herausgreifen derspringenden Punkte der Entwicklung unter Beiseitestellnngbedeutungsloser Fragen geltend macht, Klarheit in derAnordnung und logische Schärfe in der Beweisführung,fesselnde Darstellung und eine geschickte Combtnations»gäbe, welche hier namentlich in der chronologischen Ein-reihung von undatirten oder falsch datirten Schriftstückenglücklich zur Anwendung kommt. Möge es dem ver-dienten Gelehrten beschicken sein, den Zug ins Große,der seinen Detailforschungen unverkennbar eigen ist, der-einst an einem großen Stoff in Wirksamkeit tretenzu lassen.
Dr. A. Schröder.
Carl LcLrerht Jmmernumn.
Zu seinem hundertsten Geburtstag (24. April)von A. G.
(Schluß.)
Gewaltsam riß die Julirevolutton 1830 Jmmermannaus der befriedigenden Stimmung heraus, sein FreundBeer hatte ihm die Katastrophe in der Hauptstadt Frank-reichs in mehreren Briefen auf das lebhafteste geschildert,und in tiefer Erregung hatte er die Briefe beantwortet,er fürchtet Krieg und den Ausbruch der Revolution selbstim lieben Vaterland. Seine Jugendbegeisterung galt derBefreiung des Vaterlandes vom Joche der Fremdherrschaft,und nun wähnte er wiederum, daß die alte traurige Zeitanbreche, was ihn mit Schmerz erfüllte. Friedrich Wil-helm III., König von Preußen, unter dessen Regierungsein bisheriges Leben verfloß, starb, und er widmete ihmein Gedicht, dessen Schluß lautet:
„Friedrich Wilbelm walletHinab zu den Vatern,
Seine ruhige Gruft
Wird umgießen ein Licht, d'rüi die Falschheit bliubet,D'rin der Redliche lieset nrälteste Gebote,
Dem Kinde klar."
Trotz der politischen Aufregung fand sich Jmmer-mann bald selbst wieder und arbeitete an seinem Drama„Alexis", das zu seinen bedeutendsten Schöpfungen ge-hört, an dem er selbst nie sein Interesse verlor. Es wareine große Aufgabe, die Politik mit der Liebe in Ein-klang zu bringen, die düstersten Seiten neben den größtenEemüths-Empfindungen zu schildern; ob es ihm gelungen,wie er selbst glaubte, dürfte füglich doch noch etwas
H Gcsch. d. deutschen Volkes 11°, 4t0.
°) Nach dem Citate und der llebersebung bei Döllinger,I Reformation 1, 149.