Ausgabe 
(1.5.1896) 18
 
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fraglich erscheinen. Eines aber ist sicher, das Stück zeugtvon großer Fülle und Kraft und ist mitunter spannendgeschrieben, obwohl es auch, wie bei Jmmermann ge-bräuchlich, Bizarres enthält. Cotta verweigerte den DruckdeS Alexis, sandte ihn zurück, weil die belletristischeLiteratur zur Zeit so sehr daniederliege, daß er denVerlag eines solchen Dramas nicht wagen möge, weß-wegcn der Dichter sich an eine Umarbeitung machte. Erhatte auf Alexis aber auch finanzielle Hoffnungen gesetzt,da er sich öfters und besonders damals in Geldklemmebefand. Sie schlugen fehl, als er zum Glück durch denTod einer entfernten Verwandten eine kleine Erbschaftmachte, die ihn wieder über Wasser hielt. Die damalsin Deutschland grassirende Cholera legte auf einige Zeitdas Arbeiten des Dichters brach, eine Reise aber nach derHeimath und andere Städte brachte wieder neuen Muthund neue Schaffenskraft, obgleich dieselben durch Todes-gedanken sehr beeinträchtigt wurden. Er glaubte nämlichbald sterben zu müssen und sieht sein baldiges Ende alsStrafe manches Leichtsinnes an. Darum ist es auch ganzund gar unbegreiflich, daß trotz dieser Gedanken, trotzinnerer Vorwürfe damals das GedichtMerlin" ent-stand, welcher nach der Sage der Sohn des Teufels ist,der sich durch diesen die ihm durch den Sohn Gottesentrissene Welt wieder erobern will. Jmmermann sagtüber den Teufel selbst, um nur Einen Satz anzuführen:er war mir nie das Ungeheuer, vielmehr ging er mirmit Nothwendigkeit aus Gottes Wesen hervor, der Teufelwar mir der in der Mannigfaltigkeit geoffenbarte Gott,der durch diesen Akt sich selbst in seiner Einheit ver-loren hatte." Laxienti saiissiins! Das ganze Gedichtist durch spätere Erklärungen des Verfertigcrs stets nochgeheimnißvoller geworden und dunkler, ein Beweis, daßvon Anfang an ihm Klarheit fehlte mehr als je.

Zur Todtenfeier Göthes , welcher im März 1832starb, wurde Jmmermann aufgefordert vom Direktor desDüsseldorfer Theaters, einen Epilog zu dichten, welcherder Aufführung Clavigo's angefügt werden sollte. Erkam dem Auftrag nach, und der Epilog gefiel. DieSchlußworte mögen hier ein Plätzchen finden:

So lcuLt' uns denn voran, verklärte Kraft,

DeS deutschen Volkes hehrer geist'ger Held,

Zins lichten Wolken schwebend, fort und fort,

Und schirme das durch dich befreite Wort!"

Im Jahre 1832 übernahm der Dichter die Leiiungdes neuen Theaters in Düsseldorf , auf welchem nurMustervorstellnngen aufgeführt werden sollten aucheinige Stücke von ihm selbst gingen über die Bühneund es gelang ihm, in Folge des Dürerfestes den Com-ponistcn Mendelssohn, an dem er mit schwärmerischerBegeisterung hing, auf mehrere Jahre für Düsseldorf zugewinnen, wenn letzterer auch nicht die Stelle eines Kapell-meisters für das Theater selbst annahm; nebenher gabder Dichter Vorlesungen über dramatische Gedichte, einBeweis, daß er seine Zeit fleißig ausfüllte.

Da die finanziellen Verhältnisse sich immer bessergestalteten, so konnte er einen lange gehegten Lieblings-plan ausführen, nämlich eine größere Reise machen. Erdurchwanderte Süddentschland, Tirol, Oesterreich, Böhmen ,Holland , dann Norddentschlaud, wo er sich besonders inBerlin aufhielt. Ueber die Theater in letzterer Stadtfällte er das Urtheil:es steht hier schlimmer als schlecht".Auf diesen Reisen traf er mit hervorragenden Männernseiner Zeit zusammen, z. B. mit Humboldt, Schleier-macher, Chcmiisso, v. Eichendorff u. a. Am meisten be-

friedigte ihn letztgenannter Dichter; mit Chamisso hatteer ein Rededuell, das ziemlich heftig gewesen sein soll,über Voesie und Literatur.

Nach der Rückkehr aus Holland widmete er sichwieder nahezu ganz der Leitung des Theaters in Düssel-dorf , das er auf eine ziemlich bedeutende Höhe brachte. Aberein großer Schmerz sollte ihm nicht erspart bleiben, daßnämlich Mendelssohn , der ihm überall mit Rath undThat beistand, Düsseldorf verließ. Deßglcichen machtenihm Streitigkeiten mit Grabbe große Sorgen, obwohl ervon der Herbeiführung derselben nicht freizusprechen ist.Seinaltes Herz wurde zu damaliger Zeit mit angenehmerWürde erfüllt durch die Bekanntschaft mit einer schönen,liebenswürdigen Frau", wie überhaupt der alte kurze Satz est In kemino? von Zeit zn Zeit eine Rolle imLeben Jmmermcmns spielte. Durch stetes Dichten, durchstete Aufführungen auf dem Theater hatte er, wie nichtanders zu erwarten war, die Liebe zu seinem Berufe,dem Justtzdienst, fast verloren, immer wurde wieder umUrlaub eingegeben, endlichmußte ich zurück". Mitwelchen Gefühlen erzurückkehrte, geht aus dem Satzseines Tagebuches hervor, den er aus die Kunde desTodes Plateus schrieb:ich wollte, Plntcn säße im Land-gericht und ich läge bei Syrncus begraben".Ueber dieZukunft habe ich gar keine Pläne und Entschlüsse, kannsie auch nicht haben, da meine Armuth mir die Noth-wendigkeit auferlegt, in dem juristischen Loch: einenSchritt nach dem andern weiter zu setzen." Freilich,Theaterdirekior, ungebundenes, freies Leben und Justiz-beamter, trockenes Amt, reimt sich sehr schlecht zu-sammen!

1836 erschien sein RomanDie Epigonen.", ingöthischem Stil und gothischem Muster gehalten, eineneue Auflage des Wilhelm Meister , in der die Frauennach verschiedenen Seiten hin eine Hauptrolle spielen.Ein moderner Roman, aber mitunter verschwommen;wirsind, um mit einem Worte das ganze Elend auszusprechen,Epigonen (Nachgeborene) und tragen an der Last, diejeder Erb- und Nachgeborenschast anzukleben pflegt".König sagt über diesen Roman:Der Kamps der neuenZeit mit der alten, der weniger zu einem Siege, als zukühler Ergebung führt, findet seinen lehrhaften Ausdruckin zahlreich eingestreuten Gesprächen und Bemerkungenüber sittliche, sociale, ökonomische, liiernrischc und poli-tisch: Zustünde, die oft die Handlung in störender Weisehemmen."

Bedeutender war Jmruernramis zweiter Roman odereine Geschichte in Arabesken", wie er ihn nannt::Müuchhansen"; mitunter sehr satirisch geschrieben, bildetdieser Roman ein Zerrbild aus dem Leben des herunter-gekommenen Adels. Was demstlbcn aber seine größteBedeutung verleiht, ist eine wunderhübsche, urwüchsig-frische Dorfgeschichte, die er hincingewcbt hat, nämlichDer Oberhos", unter diesem Titel später besondersherausgegeben. Die Charaktere sind meisterhaft gezeichnet,und wird dieses Oberhosidtzll für alle Zeiten ein poetischwie cnltnrhistorisch gleich bedeutendes Erzeugnis; unsererLiteratur sein und bleiben, während Müuchhauseu in demMaße an Werth verliert, als die Geschichte wegen ihrerzahlreichen Beziehungen auf längstvcrgessene Zustände undPersonen immer unverständlicher werden muß. Um dieZeit, da dieses bedeutendste Werk vollendet wurde, hatteder Dichter selbst auch noch im vorgerückten Alter erzahlt: schon 42 Jahre ein lang ersehntes Liebesglückgesunden. Durch die Verchelichnng mit einer Enkelin