Ausgabe 
(8.5.1896) 19
 
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Ob Jussotla Verfasser eines SchmähgedichtS aufHerzog Karl") gewesen, läßt sich nicht mit Sicherheitnachweisen. Vielleicht wurde es von feindlicher Seitebloß unterschoben, um ihn bei letzterem verhaßt zumachen. Daß er von demselben grausame Behandlungerfuhr, beweist eine Mittheilung des in der Stockholmer Bibliothek befindlichen ManuskriptsHerzog KarlsSchlächterbank". Es heißt dort u. A.:Im nämlichenJahre (1604) ließ der Herzog Arvid Eriksson, Tor Bondeund Herrn Jöns Jusoyla, Priester aus Pernau , neuer-dings jämmerlich foltern; die Armen waren derart zu-gerichtet, daß sie den Tod als Erlöser begrüßt hätten."Jussoila erlitt solche Verfolgung hauptsächlich umseines Glaubens willen, wie nachstehende Versedes Geschichtschreibers Messenius ") bestätigen.

äosuela. bmncmis gxlititkraotsr äolores eondltio guogas,

Hui tortns ae inoareoratusLuto äiu, romauet üäells.«

Von den späteren Schicksalen des Bekenners wissenwir nichts; doch läßt sich annehmen, daß nach so vielenLeiden und Schmerzen dessen Tage gezählt waren.

(Schluß folgt.)

Einige Konzertbesprechlmgeu.

(Fortsetzung.)

L. IV. Palmsonntag abends in München diegroße Passionsmusik nach dem Evangelisten Mathäusvon Joh. Seb. Bach ; so stand auf großen Plakaten schonim Herbste 1895 geschrieben. Ach was, seufzte ich da-mals l Hat man denn in München von Bach nichts mehraufzuführen als die Mathäuspasfion? Das Münchener Musikrepertoire wird schrecklich bornirt: musikalische Aka-demie und Kaim überbieten sich in Aufführung Beet-hoven'scher, und fast nur Beethoven 'scher Sinfonien.Haydn und Mozart kommen nur ganz ausnahmsweise zumWorte; und in der musikalischen Akademie Händel nurmit der Dryden'schen Cäcilienode, ^) und Bach nur mehrMit der Mathäuspasfion! Merkwürdig: früher hatteHändel doch auch Oratorien und Ooneerti Zrossi undOrgelwerke geschrieben, und Bach außer der Mathäus-Passion und einer hohen Messe eine Fülle herrlicherKirchenkantaten, er gilt sonst mit Vorzug als der Kom-ponist für die Orgel; aber nach den Münchenern d. h.nach der musikalischen Akademie zu schließen, hat Händeljetzt schier blos mehr die Cäcilienode geschrieben und Bachdie Mathäus-Passion, sonst nichts. Traurig, aber wahr.Indeß, da ich ein Gelübde gemacht, die Mathäus-Passionzu hören so oft als nur möglich, gab es bei mir nichtviel Bedenken; ich absolvirte meine Mathäus-Passion vonSoriano und setzte mich auf die Eisenbahn, um nachstundenlanger Fahrt nach München zu kommen zurMathäus-Passion, nicht allein, sondern mit noch anderenmusikliebenden Obskuranten, die mit mir den gleichenWeg zurückgelegt hatten. Mein Billet hatte ich schonfrüher bestellt; also war ich des Platzes sicher. GroßePlakate und Inserate verkünden Urin et Orsii, daß dieMathäus-Passion gegeben wird. Da, am Odeon, wasist da für ein neues Plakat über derMathäus-Passion"?O heiliger Mathäus, wie hat man uns mit deiner Leidens-geschichte angeführt!Wegen plötzlich eingetretener Heiser-

") Leinberg a. a. O. S- 45 f.

") »Sconäia. illustratä« IX, gnA. 57.

*) Endlich wird auch das Dettinger ll's vsnw einmal an«gekündigt -7- gut vtvra, verrat

keit des Herrn Kammersängers Vogl findet das Konzertnicht statt." Ach Gott ! ist das vielleicht die Frucht desGastunwesens, das gegenwärtig in München herrscht?Ein Vogl in München , und der eine Vogl wenn nichtsingt, dann ist Ruhe über allen Wipfeln. Wenn aberdieser Vogl einmal überhaupt ausgesungen hat, waSdann? Wird in München denn gar nichts nachgezogen?Heiserkeit des Herrn Vogl"! Und das wird in einemPlakate verkündet, auch Ilrsii ab Ordi?Man fandkeinen Drucker, wegen der Sonntagsruhe," hörte ichsagen. Aber das Absageplakat am Odeon war doch ge-druckt; und wenn der Satz gemacht ist, so konnte manin wenig Minuten viele Abzüge herstellen, so daß eSdoch auch anderswo als bloß am Odeon bekannt werdenkönnte. Ist das nicht eine ich sagte nicht:Rücksichts-losigkeit" von den Münchenern?Plötzlich" eingetreteneHeiserkeit! Solche, die es wissen konnten, sagten mirspäter, Herr Vogl habe sich schon in der Probe amFreitag zuvor ausgesprochen, er werde wahrscheinlichnicht fingen können! Ich erwiderte darauf wieder nichtmit:Rücksichtslosigkeit". Mein Begleiter aber philo-sophirte:Die faulen, faulen Münchener! Seit Jahrengeben sie fast nichts mehr als die Matthäus-Passion , undauch diese geben sie nicht mehr!"

Aber wenn man weiß, daß die hochlöbliche musikal-ische Akademie in München sich mit Konzertproben über-haupt nicht überanstrengt, so konnte man doch erwarten,daß rasch ein Sinfoniekonzert arrangirt worden wäre;dann wären die von Ferne her Reisenden doch wenigstensin etwas entschädigt gewesen. Nichts davon! KeinKonzert, keine Oper, nichts als einige Bierkonzerte lUnd das in München, der musikalischen Hauptstadt Süd-deutschlands ! Man hat gesagt: an jenem Tage habesich Falb arg blamirt, da er einen kritischen Tag aller-erster Güte angesetzt. Nein, Falb hatte Recht: jenerTag war in hohem Gradekritisch".^

Am ersten Tag war's also in München nichtsgewesen; um so mehr versprach der folgende Abend:Kammermusiksoiree im Museumssaale:die Kreutzersonate";und Kammermusiksoiree im kleinen Kaimsaal: QuartettKrasselt; und beide Soireen zu gleicher Zeit. Das warwieder zu viel für einen Mann! Da ich den HerrnKonzertmeister I. M. Weber, der im Museum spielte,schon etwas kenne, so entschloß ich mich, für heute derKreutzersonate " zu entsagen und das Quartett Krasseltzu besuchen, wo mir bis auf die ersten zwei Nummerndes Programms Alles fremd war: Lokal und Spielende.

Ob der kleine Kaimsaal akustisch gerade gut zunennen ist? Nach meinem Dafürhalten verklärt undveredelt er den Ton nicht genügend, wie ich vom Nath-hauSsaale in Nürnberg gesagt: es klingt trocken undziemlich farblos. Aber das Quartett setzt sich aus sehrguten Spielern zusammen: vorab der erste Geiger HerrKrasselt selbst. Was uns au ihm besonders schätzbar er-schien und einem wahren Musiker immer höher stehensoll als hcxenmäßig virtuose Bogenkünste, das ist diegroße Kantilene. Und dazu gaben die ersten zwei Quar-tette hinlänglich Gelegenheit. Nur glaube ich, daß erdas Forte etwas stark drückt, was Veranlassung seindürfte, daß seine Saite hie und dagikst". Auch wirktdas fast unaufhörliche Vibriren ermüdend. Die Auf-fassung und Wahl der Tempi in den beiden ersten mirbekannten Quartetten: Mendelssohn Nr. 1 in Ls-äur

°) Wie ich höre, ist jene Aufführung der Mathäuspasfionnachgeholt worden.