Ausgabe 
(8.5.1896) 19
 
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(op. 12) und Beethoven Nr. 2 in 6-äur (ox. 18 Nr. 2),schien mir fast durchaus entsprechend möchte nur nievergessen werden, daß bet raschem Figurenwerk, wenn esmotivische Bedeutung hat, nicht die größtmögliche Ge-schwindigkeit Zweck sein muß, sondern die Klarheit. Auchdie Fassungskraft des Ohres ist zeitlich beschränkt; undwie dem Auge ein recht schnell rotirender Funke nichtmehr als Funke, sondern als geschlossener Lichtkreis vor-kommt, so ist das Ohr unter Umständen nicht mehr imStande, ein Motiv in seinen konstitutiven Elementen undEinzelheiten zu erkennen. Besonders gilt das von Baß-figuren. Mit Rücksicht darauf hätte ich dem xiü irrossoin der Canzonetta des Mendelssohn-Quartettes ein bischenmehr Mäßigung gewünscht.

Zeichnet sich das Quartett von Mendelssohn durchgroßartiges Pathos, durch Leidenschaftlichkeit, allerdingsgeklärte und wohlgezügelte Leidenschaftlichkeit aus, sowüthet, namentlich unmittelbar darauf, das Beethoven 'scheO-änr-Quartett durch seine liebenswürdige Naivetät an:es war doch noch eine gute, schöne Zeit, wo man sogenügsam war in Bezug aufzündende" Stellen undBrillanz des Ausdruckes, wo man an so harmlos gemüth-licher Musik feine Freude haben konnte so sagenwir jetzt, wo wir eben schon weitstärkeren Tobak"gewöhnt sind; früher war es nicht so! Zwischen Haydns und Beethovens Quartetten, sogar des letzteren erstem(ox>. 18), sah man damals eine himmelweite Kluft; jetztist das anders geworden; wir finden bei Beethoven undHaydn gerne die verwandten Züge heraus, das was sieeiniget viel wehr und viel leichter als das was sie trennt. Krach- und Kraftstellen, frappante Wendungen, aufdie hin manchmal einStil" behauptet wird, vermögenfür sich allein nicht ein Werk dauernd im Ansehen einesKunstwerkes zu halten, also sollten sie überhaupt bei derPrüfung einer Komposition auf ihren Kunstwerth vielweniger ins Gewicht fallen.Als ich Kind war, redeteich wie ein Kind", dachte, fühlte, urtheilte ich wie einKind; jawohl, das Kind fürchtet sich, namentlich dieersten Male, vor dem Donner und beurtheilt das Ge-witter bloß nach der Stärke und der Zahl der Donner-schläge; der Mann läßt sich vorn Donner viel wenigerimponiren. Und was dem Kinde ein schreckliches Wetterwar, der Mann hält das musikalische Gewitterin der Pastoralsymphonie Beethovens schon für sehr zahm,vorausgesetzt, daß ein Hektor Berlioz 'scher Donnerkeil dieEinheit ist, nach der die Stärke des Gewitters gemessenwird. Es kommen ja in dem Beethoven 'schen Quartetteharmonische Fortschrcitungen, deren Erklärung man inFuxens 6rucku8 ka-rnussum vergeblich suchen wird.Aber uns fallen sie nur mehr auf, wenn wir uns oxx>rots38o damit befassen, beim bloßen flüchtigen Anhörenkaum. Und dann Philosophiren wir über die alten Regeln,um die neuen Formen uns aus ihnen zu erklären undzurechtzulegen.

Was dagegen den künstlerischen Werth eines Werkesbetrifft, so möge es mir gestattet sein, in einer gewißsehr freien Uebersetznng eines alten Kirchenvaters^) einKriterium anzugeben. uumcius oomponera

äieinin3; nnäo aoinp08itoi'68 luti 6ZuIo3 voaalnrw:komponire» heißt bilden oder gestalten; wer aber bloßin Dr.. hantirt, heißt ein-"ich wage es nicht,

*1 8. 6rs§., Horn. 23 in blvangelis,; zu lesen im römischenBreviere am-Ostermontag. Ich weiß recht gut, daß dort dasWort nicht auf die Musik und die musikalischen Komponistengemünzt ist t

das dreiste Wort in anständiger Gesellschaft auszusprechen.Was nun dieGestaltung" betrifft, so ist Mendelssohns und Beethovens Quartett geradezu musterhaft zu nennen.Gewiß nicht mit Unrecht nennt Ambras irgendwo^)Mendelssohns Werke geschliffene Krystallgefäße mit gol-denem Rande. Und um ein bischen bei dem Bilde vondem Krystall zu bleiben: das Beethoven 'sche Quartett istein krystallenes Prisma, durch das der Genius seinesUrhebers durchstrahlt in allerhand Farben und Brech-ungen; aber es sind lauter streng logische, exakt ausge-«essene, feingeschliffene Figuren, die unser Herz erfreuen,wie uns ein schön geformter menschlicher Leib erfreut,den wir merkwürdig genug vorab mit einem mathe-matischen, verstandesmäßigeu Worte belobigen: pro-portionirt; geradeso wie wir für gewisse andere Dinge,die aus Gründen unsere Bewunderung, aber nicht unserWohlgefallen erwerben, wiederum eine sehr mathematischeBezeichnung haben: excentrisch.

Das dritte in jener Soiree vorgetragene Quartettwar von Tschaikowsky , in es-moll. Ich kannte eS bishernicht. Das ist eine fremdländische Arbeit, düster undtrübe, immer Moll und kunesire. Es ist schwer aufdas erstmalige Anhören hin ein Urtheil über ein solchesWerk abzugeben, ein Urtheil, das nicht ungerecht ist.Aber wenn ich mich über den Eindruck aussprcchendarf, den es auf mich gemacht, so kann ich ihn zu-sammenfassen, indem ich von dem bekannten HorazischenWorte ausgehe:

Norr 8ati8 est, reetg. 6880 xoarautg,; äuleia, 8unio."

Und dieses äuloo ist es, das mir an dem Werke zufehlen scheint; nichts als Klage und Migräne und Wehan allen Gliedern, kaum einmal das Zeichen eines Er-lösten, der sich seines Daseins freuen kann. Da lobeich mir die russischen Quartette Beethovens : das ist einNussenthum, das uns zusagt; freilich ist's ein Ausländer,der sie gemacht; aber warum soll uns nicht eine Gegend,im Gemälde vorgestellt, manchmal besser gefallen, alswenn wir uns in deren leibhaftiger Wirklichkeit befinden?Ich war froh, als das Gejammer zu Ende war. Abervielleicht bin ich ungerecht, vielleicht kommt das denLandsleuten Tschaikowsky's ganz anders vor, und es istmein Fehler, wenn ich den Slaven mit deutschem Maß-stab messe.

Ich sehe schon, bis ich dazu komme, von Pariser Konzerten zu sprechen, geht es mir gerade wie im Heimath-lande: in Paris bespreche ich deutsche Konzerte; bisich zur Besprechung des Trakaderokonzertes komme, binich wieder zu Hause. Also Fortsetzung vom deutschenBoden aus.

Das spezifische Gewicht und seine Bedeutungfür die Molekulartheorie. * *)

8. 8. In dieser Broschüre, welche bereits vor Jahresfristerschienen ist, wird zum erstenmale der Versuch gemacht, denUnterschied zwischen spezifischem Gewicht und Dichtigkeit, zweiBegriffen, die schon ost miteinander verwechselt worden sind,genauer festzustellen.

Der Gcdankengang des Verfassers ist ungefähr folgender:

I. Die Erfahrung lehrt, daß die (absoluten) Gewichte dereinfachen Gase den Atomgewichten derselben proportional sind.Nimmt man daher das spezifische Gewicht des Wasserstoffs 1an. so fallen die spezifischen Gewichte der einsachen Gase mitden Atomgewichten derselben zusammen.

Was die zusammengesetzten Gase anlangt, so erhellt aus

°) Bunte Blätter, über Hektor Bcrlioz.

*) Druck von I. und K. Mahr in Stadtamhof (bei Ne-genöburg).