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Haupt besitzen. Alle Urtheile sind darüber einig, daßdieses Werk die Schranken einer Biographie weit über-schreitet und ein gutes Stück neuester KirchengeschichteDeutschlands bietet. Wer die gegenwärtige Lage desKatholizismus in unserem Vaterlands aus ihren Ursachenverstehen lernen und mit gutem Erfolge für die Zukunftder deutschen Kirche fortwirken möchte, sollte Pfülfs Lebendes Cardinals studiren und benutzen. Es ist ein Buchzur Belehrung für Könige, Staatsmänner und Kirchen-fürsten, wie auch eine Fundgrube für katholische Rednerund Publicisten. Aber auch die beschaulichem Leser, diesich bloß persönlich unterrichten und erbauen, die Leidund Freud' des kirchlichen Lebens mitmachen wollen,können aus Psülfs „Cardinal v. Geissel" bestimmter undgenauer sich darüber aufklären, wofür sie bangen undhoffen, wofür sie in ihrem engern Kreise wirken und inihrem stillen Kämmerlein beten sollen. Mit Bewunderungsehen wir da, wie unter dem Fortwirken ererbter Frömmig-keit durch jene von Colmar und Liebermann erworbenewissenschaftliche und kirchentreue Richtung, besonders aberdurch die Anhänglichkeit an den päpstlichen Stuhl, ausdem frohgeselligen poetischen Pfälzer ein Bischof wurde,dessen Beredsamkeit an Bossuet , dessen Herrschergeist anseinen Vorgänger, den großen Anno, und dessen neu-belebendes Wirken an den Apostel Deutschlands erinnert.
Es ist kein schön'rer Anblick in der Welt,
Als einen Fürsten seh'n, der klug regiert.
Geissel hatte bereits in der Kirchen- und Schul-verwaltung mit dem weltlichen wie auch geistlichen Bureau-kratismus amtlich und publicistisch so viel gckämpft, daßer selber, zum Negieren berufen, nicht bloß klug, son-dern apostolisch regiert hat, mit Geduld, mit Beharrlich-keit, mit Eifer, mit Liebe. So gelang es ihm, ohne derSache zu vergeben, mit Leuten der verschiedenartigstenRichtung wenn nicht gerade immer gut, so wenigstensdoch nicht schlecht zu stehen und durch Schwierigkeitenhindurchzukommcn, die man für unüberwindlich haltenmußte. Die Freundschaft des Königs Ludwig I. undseines Ministers Abel hatte schon in der Pfalz demBischof Geissel ein über die Schranken des Bureau-kratismus Hinausgreifendes Wirken ermöglicht. Die biszur Vertraulichkeit gehende Zuneigung des geistvollenKönigs Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, welchemGeissel durch König Ludwig empfohlen war, half ihmdurch ihr fast in jedem Anliegen gewährtes Entgegen-kommen gegenüber dem Mißtrauen der rheinischen Be-völkerung, gegenüber den sectirerischen Umtrieben desHermesianismus und Nongeanismus und im Kampfegegen die mit allen katholikenfeindlichen Bestrebungen ein-verstandene Pietistische preußische Bureaukratie. So sehenwir denn unsern Geissel zuerst das Vertrauen des altenErzbischofcs Clemens August und bald auch das seinerDiöcesanen gewinnen, den Ausbau des Kölner Domesbetreiben, die Hermesianer unschädlich machen, sein Dom-capitel erneuern, das Vereinswcsen befördern, dem Ron-geanismus entgegentreten, mit Leuten wie Eichmann,Eichhorn, Bodclschwingh, Bunsen sich hcrumquälen, dieganze Diöcesanverwaltung neu organisiren, die Verfassungvom 5. Dezember 1848 schleunigst ausnützen, mit denkatholischen Volksvertretern in den Provinzialtagen, imLandtage und im Frankfurter Parlamente in lebendigeBeziehung treten, die preußischen und deutschen Bischöfeum sich und um den hl. Stuhl einigen (Würzburger Ver-sammlung) und dadurch auch das katholische Volk durchganz Deutschland fester um seine Hirten schaaren, Knaben-
seminare zu Neuß und Münstereifel gründen, den wichtigsten Verein unter allen, den Geselleuvereiu, pflegen,durch großartige Kirchenfeste dem religiösen Leben be-geisterten Aufschwung geben, zahlreiche Klöster und Ordens-häuser errichten, für das Recht der Kirche auf die Schuleneintreten, die katholische Wissenschaft und Presse be-günstigen, den Kircheugesang heben, die christliche Kunstauf jede Weise unterstützen, zahllose kleine und großeQuälereien von Seiten der preußischen Bureaukratie aus-halten, ein Provinzialconcil berufen, persönlich nach Romzum hl. Vater reisen und sonst nach allen Seiten inner-halb und sogar außerhalb Deutschlands seinen Einflußgeltend machen. Die Kirchengeschichte von ganz Deutsch-land hatte sich an seine Person geknüpft. Der Papstschaute mit Stolz und Anerkennung auf den Erzbischofdes deutschen Rom und verlieh ihm 1880 den Car-dinalspurpur. Der König Friedrich Wilhelm IV. gratu-lirte ihm mit den Worten: „Der Gedanke, die Bestender deutschen Kirche (Geissel und Diepenbrock) mit demrömischen Purpur zu bekleiden, ist Pins'IX., des durchTrübsal Verherrlichten würdig," und verlieh ihm 1885den Schwarzen Avlerordeu. Auf dem Todesbette nochempfing Geissel die Nachricht, daß unter ZustimmungNapoleons III. eine starke Partei unter den Cardinälenihn zum Nachfolger Pius' IX. ausersehen habe. Ersollte der „kommenden Heimsuchung", die er voraus-geahnt hatte, enthoben werden. Noch auf dem Krönungs-feste in Königsberg von Wilhelm I. und der KöniginAugusta auffallend ausgezeichnet und vom alten Wrangelwegen seiner kühnen Worte gegen die SchändlichkeitenPiemonts mit einem Händedruck begrüßt, konnte er sicheiner unheilvollen Vorahnung nicht erwehren. „Ich be-ginne zu fürchten, sagte er zu seinem Weihbischof, wennich sehe, was Alles in Deutschland zur Stärkung desGlaubens geschehen ist und geschieht. Solche Wunderund Zeichen deuten auf kommende Heimsuchung." SechsJahre vor dieser Heimsuchung ward er selber in gnaden-vollster Weise heimgesucht am 8. September 1864.
Die Entstehung der Kaiserchronik.
(Fortsetzung.)
8. 8. Wie nun, wenn der Dichter des Nolands-lieds, der sich als Pfaffen Konrad bezeichnet, mit demerwähnten Bischof Kuno von Negensburg, den wir schonals Dichter des Auuolieds kennen gelernt haben, identischwäre?
In der That läßt sich manches zu Gunsten unsererHypothese anführen. Denn
1. ist Kuno nur eine geläufige Abkürzung für Konrad;
2. steht von Bischof Kuno fest, daß er vor seinerAnkunft in Negensburg als Lehrer an der Hochschule zuParis thätig war; er war mithin der französischen Spracheohne Zweifel soweit mächtig, daß er eine französischeDichtung in's Lateinische übertragen konnte, um sie dannauf Befehl der bayerischen Herzogin in deutsche Verse zubringen;
3. fällt die Dichtung in die Zeit seines Pontifikats,denn sie kann wegen der Verse 9024 und 9025
„Des (be)gchrte die edle Herzogin (— Gertrud, Tochter
König LolharS)
Eines reichen Königs Barn (Kind)"
nur zwischen dem 29. Mai 1127 (an welchem Tage dieVermählung Heinrichs des Stolzen mit Gertrud statt-fand) und dem 4. Juni 1133 (an welchem Tage König