Ein Gederrkblatt zu Möhlers hnttdertjähri^emWiegenfest.
Kein langes Erdenwallen war Mähler beschieden,und doch hat die kurze Spanne Zeit, die ihm in Tü-bingen und München zu wirken gegönnt war, genügt,um sein Andenken unauslöschlich in die Herzen seinerFreunde wie seiner Gegner einzugraben und ihm die be-wundernde Verehrung der einen, die Anerkennung undrespektvolle Achtung der andern zu sichern. Was sonstso selten beobachtet wird, erstaunt gewahren wir es betihm, daß nämlich Männer der verschiedensten Richtungenin seinem Lobe sich gleichsam zu überbieten streben. Seinerster Biograph Neithmayr, der ihm im Leben be-freundet gewesen war, urtheilt: „Als Gelehrter wie alsgenialer Denker glänzt er unter den ersten kirchlichenSchriftstellern seiner Zeit." Döllinger, der MöhlersBerufung nach München durchsetzte und ihm bis zuseinem Tode nahestand, bezeugt, daß „alle Stimmfähigenin Europa (Möhler) das Zeugniß gaben, daß er dererste unter den lebenden Theologen seiner Kirche sei".I. Friedrich nennt Möhler „den Stolz der deutschenKirche", vor dessen hohem Geiste, warmer Religiositätund demüthiger, bescheidener Art noch heute jeder, derseiner Persönlichkeit näher trete, verehrungsvoll sich beugenmüsse. Der Protestant Kling, der Möhler „in derZeit seines frischesten Strebens kennen gelernt und über1^2 Jahre vertraulichen Umgang mit ihm gepflogen",bezeichnet ihn als „einen Epoche machenden Geist undein hellscheinendes Licht in der römisch-katholischen Kirche unserer Tage" und sagt: „Seine aufrichtige Frömmig-keit, sein hoher sittlicher Ernst, sein zartes und feinesGemüth, sein klarer, durch klassische Studien wie durchtiefes Eindringen in das christliche Alterthum vielseitigund in ausgezeichnetem Grade gebildeter Geist, seineganze, ebenso milde wie feste und entschiedene Persönlich-keit mußte ihm in und außer seiner Kirche Hochachtungund Vertrauen in seltenem Maße gewinnen; und schondie äußere seelenvolle Erscheinung, das edle Angesicht,das ernst und doch freundlich blickende Auge, die ganzewürdige Gestalt des Mannes hatte etwas Anziehendesund zugleich Jmponirendes." Und bei der Bewunderungließ man es nicht sein Bewenden haben, hüben unddrüben glaubte man auf ihn Anspruch erheben zu können.Die Protestanten machten geltend, von ihnen habe Möhlervieles empfangen, mehr als wohl von katholischer Seitezugestanden werde; und auch anderwärts versuchte man,ihn als einen Gesinnungsgenossen darzuthun, der mitder Richtung nicht einverstanden gewesen sei, welche diekatholische Kirche in neuester Zeit genommen habe. Schonbegann eine Art Legendenbildung ihr wirres Schling-gewächse um das edle Bild zu ranken, dessen Züge mehrund mehr verwischend und entstellend. Da war cS einverdienstlicher und glücklicher Gedanke des zweiten Nach-folgers Möhlers auf dem Lehrstuhl für Kirchengeschichtean der Münchener Universität, des Professors Dr.Knöpfler, zu dessen hundertjährigem Geburtstage aufGrund sorgfältiger Studien und selbstständiger Forsch-ungen sein Leben und Wirken nochmals zur Darstellungzu bringen,*) wobei es ihm gelang, so manches zu be-
*) Johann Adam Möhler . Ein Gebenkblatt zu dessenhundertstem Geburtstag von AloiS Knöpfler , Doctor derTheologie und Philosophie, o. v. Professor der Kirchengeschichte
richtigen und klarzustellen, was bisher fast traditionellvon dem einen dem andern nacherzählt worden war. Sowird gewöhnlich angenommen, Möhler habe am drei-jährigen Lycealkurs zu Ellwangen den zweiten über-sprungen; die theologischen Studien seien dort ganzrationalistisch betrieben worden, und da das EllwangerBier zu jener Zeit trefflich war, so seien die Wirths-häuser von Studenten regelmäßig und stark besetzt ge-wesen. Knöpfler weist das Unrichtige und Uebertriebenedieser Angaben nach; das Lyceum war in seinem philo-logisch-philosophischen Theil nicht drei-, sondern zweijährig,wcßhalb Möhler nichts überspringen konnte, da er 1813hier ein- und 1815 zum Studium der Theologie über-trat, und dieses wurde, wenn es sich auch dem Geistejener Zeit naturgemäß nicht entziehen konnte, keineswegsso leicht betrieben, gerade in der Dogmatik war dertüchtigste Lehrer thätig, und was das Kneipen anlangt,so wird auf die Thatsache verwiesen, daß das EllwangerLyceum zu Möhlers Zeit ganze 22 Studenten zählte,so daß es schon deßhalb nicht sehr wahrscheinlich klingt,daß die Wirthshäuser von ihnen regelmäßig und starkbesetzt gewesen seien. Im Herbst 1817 wurde die Ell-wanger theologische Akademie nach Tübingen verlegt,Möhler übersiedelte daher mit seinen Genossen an diedortige Universität, wo sie im Wilhelmsstift unent-geltlich Verpflegung fanden; am 1. November 1818traten sie zur unmittelbaren Vorbereitung auf dasPriesterthnm in's Seminar zu Rottenburg ein. Auchhier soll nun ein ganz unkirchlicher Geist geherrschthaben; als die Alumnen im Juli 1819, bereits zu Dia-konen geweiht, den Antrag Rotte cks in der badischeuKammer für Aufhebung des Cölibats gelesen hätten,sollen sie einen lauten Jubel erhoben haben, worüberder fromme Repetent die Hände über dem Kopfe zu-sammenschlug. Dem gegenüber macht Knöpfler aufmerk-sam, daß die Alumnen zu Rottenburg im Juli 1819ganz unmöglich in lauten Jubel über einen Antrag ans-brecheu konnten, der vom 20. April 1828 datirtist! Mit welcher Vorsicht da die andern derartigenMittheilungen, wie sie über Möhlers Bildungsganggerne aufgetischt wurden, aufzunehmen sind, liegt aufder Hand.
Am 18. September 1819 zum Priester geweiht,kam Möhler nun als Vikar nach Weilderstadt undNiedlingen a. D.; sein Prinzipal an letzteremOrte, Dekan Ströbele, konnte ihm über sein Wirkenein glänzendes Zeugniß ausstellen. Doch schon am 31.Oktober 1820 wurde er nach Tübingen einberufen, umsich auf das Gymnasiallehramt vorzubereiten; bald daraufwurde er zum Repetenten für Kirchengeschichte ernannt.Mit vollstem Rechte hebt Knöpfler bei dieser Gelegen-heit hervor, wie Württemberg zur Heranbildung tüchtigerLehrkräfte über treffliche Einrichtungen verfügt, von denennur zu wünschen wäre, daß sie anderswo zur Nachahmungdienten; möglich wären sie bei nur einigem gutenWillen, und gewiß auch für Lehrende und Lernende vonreichstem Gewinne. 1822 wurde Möhler znm Docentender Kirchengeschichte befördert, zuvor sollte er jedoch einewissenschaftliche Reise mit Staatsunterstützung machen; i«September reiste er über Würzburg nach Bamberg ,
an der Universität München . Mit einem Bildnisse Möhlers.München , 1896. I. I. Lentner (E. Stahl jnn.). 6", IX und149 S. Preis M. 2.S0.