Ausgabe 
(22.5.1896) 21
 
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Die Entstehung der Kaiserchronik.

(Schluß.)

8. 8. Sehen wir uns nun aber in St. Emmeramnach einer Persönlichkeit um, die zur Abfassung eines sobedeutenden Werkes geeignet gewesen sein dürfte, so er-heben sich große Schwierigkeiten. Denn gerade in derersten Hälfte des 12. Jahrhunderts herrschte in diesemKloster eine arge Verwirrung, indem Bischof Heinrich I.von Negensburg bei seinem Regierungsantritt den AbtPabo von St. Emmeram entsetzte, weil dieser ihm keinenBeistand gegen den Bayernherzog, den Weifen Heinrichden Stolzen , leisten wollte. Erst im Jahre 1141 er-langte Pabo, der die Hülfe des Papstes Jnnozenz II. an-gerufen hatte, seine Restitution, doch schied er bald darauf,am 27. Juni 1143, aus dem Leben. Sein Nachfolgerin der Abtwürde wurde da es im eigenen Klosteran einer tauglichen Person gefehlt zu haben scheintMönch Berthold aus Adwont, welches Stift unter AbtGottfried (11371165) eine hohe Blüthe erreichte, sodaß nicht weniger als dreizehn Aebte während seinerNegierungszeit aus diesem Konvente berufen wurden.Merkwürdiger Weise starb Berthold schon um's Jahr1149, also in derselben Zeit, in welche wir den Toddes Dichters der Kaiserchronik fetzten (s. Quellen undErörterungen zur bayrischen und deutschen Geschichte I.S. 88 Urkunde u. 187 aus dem Jahre 1150, in derAdalbert von Admont bereits als Bertholds Nachfolgeraufgeführt wird. Es ist daher nicht unwahrscheinlich,daß Abt Berthold der gesuchte Autor ist. Auf jedenFall war der Dichter ein guter Bayer, denn er zeigtsich in der bayrischen Stammsage wohl bewandert (Vers297 f.):

Die Schwaben, rieihcn Julio (Cäsar )

Er kehrte auf die Bayern Wo viel mancher Degen (Held) inne saßDcemnnd ibr Herzog wasSein Bruder hieß Ingram")

Viel schier (bald) besandte» sie ibre Man (Mannen)Ihnen kam an der Stund (sofort)

Viel mancher Held jung

Mit Halsberg und mit Brünne

Sie wehrten sich mit Grimme

Sie fochten mit ihm einen VolkökaiM

Weder vorher noch seitdem

Fiel nie so mancher Held gut

Oder es lügen die heidnischen Bücher.

O wie gute Knechte (Kämpen) die Bayern warenDas ist in den heidnischen Büchern kund" rc.'°)

Noch deutlicher erhellt seine bayrische Abkunft ausder berühmten Erzählung von Scverus und Adelger?°)

") Ein Ingram erscheint auch im deutschen NolandsliedV. 850; vgl. Llon. Lote. VIII S. 42t (Ingram von Hart-kirchen), S. 422 (Ingram von Picsenkam); Edm. Oercle, Gesch.d. Gr. v. Andechs S. 167 U. 379 (Ingram von Sachsenkam).

") Im Folgenden wird mit säst denselben Versen wie imAnnolied der Herkunft der Bayern aus Armenien gedacht, vgl.dazu vita. Lltmanni aap. 28 (versaßt nn Kloster Götweih baldnach 1125): »Laavari traäuntur ox Lrmonia oriunäi-, und diejüngere Fassung der Tcgernseer QuirinuSlcgende (nach 1164):»Uorieorum (d. i. der Bayern ) in Ultimo orients circa ar-rueniam vel iuüiam nsgus Iwüis manct vrisso«.

2 °) Aehnlichcs berichtet die jüngere Fassung der TcgernseerQuirinuSlcgende in dem Abschnitt -äs kiorieorum ori§ms stäucatu«, der auch in die sogen, kunäatio mouasterii DeZern-sssusis (bei ksr Miss. onocäot. III, 3 S. 492 f.) überging,Von dem Baycrnherzog Theodo (welcher an die Stelle des Ost-gothcn Thcooorich bei Fredegar Chronik III, 9 und Aimoinvon Fleury List. Vraneor. I, 10 getreten ist), nur daß in dereingeschalteten Thicrsabel der Bär als König der Thiers dieRolle des Gärtners in der Kaiserchronik übernommen hat, was

V. 66227135 (513 Verse), welche geradezu ein Lob-lied auf die Treue und die Tapferkeit des Bayernvolkesist, vgl. V. 6770 f. (Worte des Bayernherzogs Adelger):

Auch ist unsre Gewohnheit daheimWas einem geschieht zu LeideDas müssen wir allesammt duldenWie wir her sind kommenEr sei arm oder reichDas tragen wir alle gleichUnsre Sitte ist also."

VerS 7125 f. ruft der von den Bayern ge-schlagene römische Kaiser Severus verzweifelnd aus:

Nom, dich hat Bayerland

Geschändet also sehr

Nun will ich auch nicht leben mehr."

Triumphirend dagegen stößt Adelger seine Lanzebeim Haselbrunnen bei Brixen in die Erde und ruftV. 7133 f.:

Das Land hab ich gewonnen

Den Bayern zu Ehren

Die Mark diene ihnen immermchrl*

Wir ersehen hieraus, zu welcher Blüthe die deutscheDichtung im 12. Jahrhundert gerade bei den Bayern gedieh. ^) Aber wir sind mit der Aufzählung ihrerpoetischen Leistungen noch lange nicht zu Ende. Auchdas Lied vorn Herzog Ernst den die Sage zu einemBnyernherzog macht ist noch vor dem Jahre 1186 inBayern, und zwar in Kloster Tegernsee , wo eben umdiese Zeit Werinher ein Marienleben dichtete, entstanden.Dies geht deutlich aus einem Briefe hervor, venGraf Berthold III. von Andechs (gest. 1188) an AbtNupert von Tegernsee (gest. 1186) richtete (s. Las IsiemÄnaoäot. VI, 2 S. 13:conLsäus railü lisiellumtsutoniouw. cls sisiMASu Lrneston, äouso velocirwsoridulur miiii, guo xarsci'ijfto coirtinuo rsmittsturtiki"). Gleiches läßt sich von dem Epos König Rothervermuthen, denn es wird darin neben Hadamar vonLiessen und Amalger und Wolfrat von Tengling einHerzog Verchter von Meran alsHeld von Meran"aufgeführt, zu dem offenbar der Vogt von Tegernsee ,Berthold IV. , Herzog von Meranien (gest. 1204), alsVorbild diente. Besonders aber war die Kudrunsage inder Umgebung von Tegernsee heimisch, und eS darf unsdaher nicht Wunder nehmen, wenn.Herwig, der Freunddes Ortwin, das Tegernseer Wappen (die Seeblätter) inseiner Fahne führt??)

Beherzigen wir außerdem, daß Wolfram von Eschen»bach sich einen Bayer nennt (Parcival III, 153), daßWalther von der Vogelwude im bayrischen Norital (umSterzing ) angesessen war, daß der Kürenberger bei Linz,Heinrich von Ofterdingen bei Wels, der Tannhäuser inder Nähe von Traunstein seinen Wohnsitz hatte (s. M.FürstZur Heimathsfrage Tannhäusers" im SammlerNr. 58 und 59 des Jahrg. 1891), so gelangen wir zu

auf eine ältere Form der Sage schließen läßt, vergl. die vllablatbilüis des Donizo V. 250 272 (aus d. I. 1114).

2') Auch der um dieselbe Zeit gedichtete Tuudalus rührrvon einem Ncgensburgcr Geistlichen (Namens Albero) her. Im13. Jabrhundert verfaßte der Minorit Lamprecht in Negens-burg dieTochter von Sion" und ein gereimtes Leben des hl.Franziskus.

^) Schon im Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht , einerUmdichlung der Alexandreis des Franzosen Aibcrich vonBesan;oii, die ebenfalls im 12. Jahrhundert in Bayern ent-standen ist (s. die Ausgabe von K. Kinzel, Halle a: S. 1884,Vorrede S. 63) und im Ausdruck an das deutsche Nolandsliedund die Kaiserchronik anklingt, ist der Kudrunsage deutlich ge-dacht, s. Vers 1321 f. in der Voran» Handschrift.