Ausgabe 
(22.5.1896) 21
 
Einzelbild herunterladen

166

dem überraschenden Ergebniß, daß die Bayern im 12.und 13. Jahrhundert auf dem Gebiete der Literatur dertonangebende Stamm in Deutschland waren. In derThat gehört die Mehrzahl der Epiker und Minnesängerder mittelhochdeutschen Literaturpertode durch Geburt demBayernvolke an, zu dem ja auch die Oeiterreicher ihrerAbstammung nach zählen, und nicht der schwäbische, son-dern der bayrische Dialekt war es, der im Zeitalter derHohenstaufen die Sprache des Hofes und der höfischenDichtung wurde.

Erst in unserem Jahrhundert hat man es gewagt,die Fähigkeiten des Bayernstawmes in Abrede zu stellen,und mit einer gewissen Absicht die Meinung zu verbreitengesucht, als ob derselbe mit den übrigen deutschen Stämmennicht gleichen Schritt zu halten vermöchte.^) Ja es kamso weit, daß die gebornen Bayern mit den Brosamen, dievon ihrem eignen Tische fielen, vorlieb nehmen mußten!Ein Blick auf die Entwicklungsgeschichte des deutschen Volkes lehrt aber, daß die meisten Erfindungen imSüden und nicht im Norden Deutschlands gemachtwurden^) und daß der Bayernstamm allen übrigendeutschen Stämmen auf dem Gebiete der Künste und deSKunstgewerbes zu allen Zeiten überlegen war, dank derreicheren Phantasie und der größeren Tiefe des Gemüths,die er besitzt und die eben nur die Folge eines reinerenBlutes sind. Denn es ist doch noch ein Unterschiedzwischen einem Volke, das wie das der Bayern seitder Völkerwanderung in dem nach ihm benanntenLande wohnt und seine Individualität trotz Beimischungfremder Elemente im großen Ganzen bis heute bewahrthat, und einer Mischrace von Kolonisten aus aller HerrenLändern, die erst seit dem 12. und 13. Jahrhundertin erobertes wendisches und preußisches Gebiet einge-drungen sind.

Hoffen wir, daß es dem gesunden Sinne unseresBayernvolkes gelingen werde, jenem Nihilismus, Skepti-cismus und Pessimismus, der sich in neuerer Zeit aufdem Gebiete der Wissenschaft wie der Dichtung geradevon Berlin aus in widerlicher Weise breit macht, einenkräftigen Damm entgegenzusetzen!

Münchner anthropologische Gesellschaft.

Freitag den 8. Mal 1896. Der Vorsitzende Pros. I. Nankerefcrirt über die in der AuSschußsitzmig crsolgte Recknungsablageund beantragt für den Schatzmeister Herrn Oberlebrer Weis-man» Decharge. Zugleich dankt er im Namen der GesellschaftHerrn Wciömann sür seine 25jährige wirksame Thätigkeit imInteresse der Gesellschaft und fordert die Anwesenden auf, durch

Schon im 8. Jahrhundert hat unser engeres VaterlandGeschichtschreiber, wie Arbeo und die Nonne von Heidcnheim,auszuweisen. Ebenso gingen die Bayern im 15. und 16. Jahr-hunocrt auf diesem Gebiete allen voran; vgl. das Lob, welchesLcibniz dem Bayern Aventin spendet.

Bekanntlich haben die Berliner das Pulver nicht er-funden. sondern ein Schwabe war es, der zuerst das Recept zurBereitung desselben in Deutschland bekannt machte (der Domini-kaner Albertus Magnus , ein geborner Graf von Bollstädt beiLauingen , in seiner Schrift äs wiradilidus wunäi, die vonEinigen auch dem Engländer Noger Baco zugeschrieben wird),und ein andrer Schwabe (der Franziskaner Berthold Schwarz auö Frciburg i. Br.) hat das erste Geschütz in Deutschland ge-fertigt. Ueber die Erfindungen der Bayern vgl. Seb. Güntbner:Geschichte der litcrar. Anstalten in Bayern, München 1810,2 Bde.; ein dritter Band, München 1815, führt den Titel:Was hat Bayern sür Wissenschaften und Künste gethan; Cl.AI. Baader: Das gelehrte Bayern, 1. Bd., Nürnberg und Sulz-bach 1604,- Lexikon verstorbener bayrischer Schriftsteller des18. und 19. Jahrb., 2 Bde., Augsburg und Leipzig 182425;Plcickbard Stumpft' Denkwürdige Bayern, München 1865.

Erheben von den Sitzen Herrn Oberlehrer Weismann zu ehren.(ES geschieht.) Zur Neuwahl des Vorstandes werden die bis-herigen Mitglieder vorgeschlagen, die auch gewählt werden. DerVorsitzende dankt den Rednern des vorigen Jahres und begrüßtals Gast den Lanvtagsabgcordneten Frickbinger von Nördlingcn.Hierauf sprach Proi. Dr. S. Günther über den gegenwärtigenStand unseres Wissens über die Eskimo-Nasse. Die Eskimosbewohnen ein Gebiet von 700 geogr. Meilen (etwa Lissabon bis Ural) mit großer Einförmigkeit der Fauna und Flora.Auch die Menschen sind sich ziemlich gleich hinsichtlich der so-malischen Eigenschaften, der Sprache und der LebenSgewohn-beilen. Wenn auch Gleichförmigkeit auf einem der erwähntenGebiete für sich allein nicht beweisend ist, so dürfte doch auchaus die Gleichförmigkeit in allen drei Gebieten ein Gewicht zulegen sein. Hinsichtlich der Abstammung der Eskimos cxistircndrei Hypothesen. Die eine läßt die Eskimos von den altenPalävlNbikern, also Von Europäern abstammen; die zweiteleitet sie von den amerikanischen Indianern her; die dritteendlich läßt sie von Asien herüberwandern. Die erste Hypothesestützt sich Darauf, daß die Eskimos noch dieselben LebcnSgewohn-hciten hätten, wie die Paläolitbiker. Es ist aber Thatsache, daßunter ähnlichen Verhältnissen Menschen bei größter Entfernungihr Leben sich in ähnlicher Weise einrichten. Außerdem cxistirtedie Landverbindung zwischen Amerika und Europa nur in einersehr frühen Erdperiode. Bis jetzt reicht aber der Mensch aufGrund der wisseniebaftlichcn Untersuchungen nicht übers Di-luvium hinaus. Die Ansicht ist also unbewiesen und unbeweis-bar und muß durch eine Fülle neuer Hypotbcscn gestützt werden.Gegen die zweite Hypothese ist zu sagen: Die Gründe, welcheihre Anhänger daiür anführen, sind nickt zwingend, außerdemspricht dagegen, daß die Indianer den Schlitten nickt kennenund den Hund ats Ziigthier. Daß die Eskimos das Rennthiernicht haben, liegt an dem Mangel der geringen Existenzmittcldieser Tbiere. Der geringe Graswuchs, oe» sie in Asien nochzur Verfügung haben, genügt. Die größte Wahrscheinlichkeitbesitzt die dritte Hypothese von der asiatischen Herkunft derESkimoS. Dafür sprechen die somatischcn Eigenschaften: dasSchlitzauge mit der Mongolem'alte, die zumeist gelbliche Haut-farbe, die vorspringenden Backenknochen, der ganze mongoloideSckädclbau. Auch in der Spräche läßt sich eine gewisse Nebn-lickkeit mit den Ostasiaten nachweisen. Wir hätten dann hiereine große arktische Völkerwanderung zu denen in den Tropenund im gemäßigten Klima. Die Ursache der Völkcrverichiebungist zu suchen in dem raschen Verbrauche der spärlich vorhandenenLcbensmittcl. Die westlichsten Ek-kimoS, welche am längsten inein und demselben Gebiete geblieben sind, baden Vieles vonjenen angenommen, mit denen sie in Verkehr traten, währenddie östlichen die ESkimo-Eigenschaslen reiner sich bewahrten.Die Rickknng der Wanderung läßt sich leicht verfolgen an denUcberblcibieln der Eskimo-Niederlassungen: zerbrochene Ge-rüche. Knochcnnberreste und die in eigembüinlichen Ringen ge-lagerten Steine, welche einst znm Beschweren des Scmmerzeltesdienten. Der Weg ging am nördlichen Saum des amerikanischenComments entlang, von wo auf die benachbarten InselgruppenAbstecher unternommen wurden. Erwa am 79. bis 80? ieytensie nach Grönland über und zogen bicr an der Westküsteherunter, um allmählig auch die Ostküste zu bevölkern. Ander Westküste kämpften sie im 12. Jahrhundert siegreich gegendie dort seßhaften Normannen, welche bereits gegen das 14.Jahrhundert theilweise durch Krankheit und durch den Mangelan frischem Nachschübe, theelweise aber wohl auch durch dieEskimos vernichtet wurden. Ein Tbeil ist vielleicht in denEskmios aufgegangen. An der Discuision betheiligten sich Pros.Dr. Kühn und der Vortragende. Hierauf reserirte Dr. C. Nöseüber seine Untersuchungen an Rekruten über den Einfluß derGesichtssinn auf die Zahnververbniß. Bei den Rekruten deSoberdayeriichen und niedre bayerischen Bezirkes zeigte sich, daßdie Langgesickter schlechtere Zabne hatten, als die Brcitgcsichter.Der Grund dürste darin gesucht werden, daß bei ersteren dieZähne enger aneinander gereiht sind, so daß die Reinigung er-schwert ist. und daß die KaunmSkulatur schwächer entwickelt ist.Von Einfluß ist auch der Genuß von schwarzem Broo. InGegenden, wo hauptsächlich Schwarzbrod gegessen wird, wie imbayerischen Wald, finden sich die besten Zähne. Redner meint,das käme daher, weil die Uebcrreste des schweren schwarzenBrodes viel lästiger sind und deßhalb viel eher aus denZwischcnräumen zwischen drn Zähnen entfernt werden. Pros.Lindemann weist auf ähnliche Verhältnisse in Ostpreußen hin.Pros. Dr. Kuh» macht Mittheilungen über die Fakire. Die inder Literatur vorkommende» Berichte über das Lebcndigbcgrabender Fakire beziehen sich wahrscheinlich auf eine einzige Person,welche in den Jahren 1828183? daraus ein Geschäft machte.