Ausgabe 
(22.5.1896) 21
 
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Paragraphen verurteilen, da sie nicht im Stande sind, Zweifelzu lösen, sondern nur zu erzeugen. Soll aber der Lebrer Allesleisten, wozu dann ein Buch? Schließlich haben wir die be-scheidene Ansicht: Blau begnüge sich stillschweigend mit Strack,solang unsere katholische Literatur nichts Ebenbürtiges an dieSeite stellen kann!

Das mathematische Pensum des humanistischenGymnasiums und der Realschule. Eine übersichtlicheZusammenstellung des Wichtigen zur Wiederholung und zu-gleich zur Vorbereitung auf daS Schlußexamcn sowie aus dasEinjährig - Freiwilligen - Examen" ist Heuer zum erstenmalerschienen und ist enthüllen im Bayerischen Studie li-la len der 1895/96 (Verlag von C. Gerber in München ), derum 75 Ps. bei allen Buchhandlungen erhältlich ist. Es ist dasein praktischer Führer, namentlich für Absolventen, der sie durchdie Fülle des Durchgenommencn leitet und zu ersolgreicherNepetition sich eignet.

Miscellen.

8. (Eine sehr denkwürdige Begebenheit ausdem Leben Pius' IX .), welche bisher nur wenigen bekanntsein dürite, finden wir in dem soeben erschienenen neuesten HeftedesNatclisfian". der Zeitschrist von Natclisfe College. Dortbringt nämlich in seiner Biographie des sel. Nectors und Präsi-denten L. Hirst sein Biograph I?. Emery folgenden Tagcbuchs-Eintrag k. Hirst's (vom 3. Febr.) aus der Zeit seines Auf-enthaltes in Rom einige Monate nach der Schlacht vonMeutana.Wie mir Msgr. Talbot, Graf Viliers und W.Wells erzählen, wurde am letzten Freitag ein Meuchelmord-versuch auf Papst Pius IX. gemacht. Ein Italiener,welchem der Papst Privataudienz gewährte, zog plötzlich einenRevolver aus der Brusttasche. Der bl. Vater sagte: .SchießenSie nur auf mich, ich bin ganz bereit'. Daraufhin stürzteder Mann ohnmächtig vor den Füßen des Papsteszu Boden. Man fand bei ihm zwei sechsläufige Revolver undeinen Dolch." Nicht weniger dürfte der folgende, gleichfallsnicht allgemein bekannte historische Zwischenfall aus dem näm-lichen römischen Tagebuch ?. Hirst's interessiren, welches Auf-schluß gibt, warum Napoleon III -, welcher bald nach der Schlachtvon Mentana seine Truppen von Rom zurückgezogen hatte, sienicht lange darnach wieder zurückbeorderte: Der hl. Vater er-zählte dieser Tage dem RcdemptorislenpaterX. Folgendes:Nach-dem die Caserne Serrestori in die Luft gesprengt war, sei GeneralKanzler zu ibm gekommen und habe erklärt, daß er sich keine24 Stunden mehr haltet! könne. Darauf habe er der Papstsich gegen ein Madonnabild gewendet und geklagt: O Madonna,hast du mich denn in diesen Nöthen verlassen? Darauf habeer auf ein Blatt Papier ein Telegramm an den Nuntius Chigiin Paris geschrieben und dasselbe unterzeichnet PiusIX. P ap st.In dein Telegramm stand: der Nuntius solle das päpstlicheWappen herunternehmen, seinen Paß verlangen und unverzüg-lich zu ihm kommen. Der Nuntius theilte dies sofort demMinister de Moussier mit. .Warten Sie ein Bißchen', sagteMoussier, .bis ich's dem Kaiser sage'. Der Kaiser berief einenNatb, bei dem die Kaiserin, de Moussier, Lavalctte, Nouher (?)uno ein Admiral N. zugegen waren. Der Nuusius gewährtedem Rathe eine Stunde Zeit, nach deren Ablauf aber mau zukeinem Resultate kam. Darauf erklärte de Moussier: .Wenn derNuntius Paris verläßt, so verlieren Sie in 24 Stunden IhreKrone'. Darauf der Kaiser ganz bestürzt: .Aber jetzt ist cS zuspät'. .Nein', sagte der Admiral, .meine Schiffe liegen bereit,und in 3 oder 4 Tagen kann ich eine Brigade in Civita Vccchialanden'. Darauf ergingen sogleich per Telegramm die nöthigenOrdres."Sehen Sie", sagte der Papst,wenn ich selbst etwasin die Hand nehme, wie dann gleich geht ganz anders,als wenn ich die Sache den Händen der Diplomatie überlasse."Ein 8 Tage vorher gemachter Eintrag des Tagebuches lautet:Msgr. Talbot erzählt uns, daß man unter dem Vatican einFaß Pulver gefunden hat. Sechs weitere dort gelegte Pulver-fässer was man sicher weiß - hat man noch nicht gefunden.In der Stadt Rom selbst hat man eine Liste von 9000 Ge-ächteten entdeckt sammt einer Guillotine." Die sehr zahlreichenTagebücher des vorigen Herbst verstorbenen Nectors und Prä-sidenten ?. Hirst umfassen einen Zeitraum von mehr als 30Jahren. Bei seinen nahen Beziehungen zu den höchsten undberühmtesten Persönlichkeiten geistlichen und weltlichen Standesin ganz Europa sind dieselben eine reiche Fundgrube desInteressanten und Belehrenden.

8» (Feierst Hochamt in den Katakomben vonSt. Callixt in Rom .) Einem Briefe des L. PiuS M.Stcinherr (aus der Gesellschaft des göttlichen HeilanoeS) anseine Familie in Lindau entnehmen wir Folgendes: Am Sams-tag vor dem weißen Sonntag ward uns eine nicht gcrmgeFreude zu theil. Au diesem Tage zog ich um 5 Uhr morgensmit zwei Patres, zwei Leviten, unserm Gesaugschore und mitetwa 40 unserer Oblaten, d. h. jener Mitglieder, welche »ochniedere Studien betreiben, hinaus vor die hl. Stadt nach dervia L.ppia antigua, der alten Appischcn Straße. Während diemeisten Römer noch der Ruhe pflegten, ginge» wir schweigend,von herrlichem Wetter begünstigt und dem Gesänge der liebenVögelein erfreut, die großcntheils noch geräuschlosen Wege ent-lang, jeder seiner Betrachtung sich hingebend, wozu die Er-innerung an die Vergangenheit und au die Cbristenhelden,welche einst dieselben Wege gewandelt, Stoff genug darbietenkonnte. Um Uhr bei den Trappistenpatres angelangt,welchen die Obhut der Katakomben von St. CallixtuS anver-traut ist, wurden wir freundlichst empfangen, und in möglichsterStille ward alles zur bevorstehenden Feier Erforderliche zuge-richtet. Verschiedene Kerzen werden angezündet, ein Zeichen ge-geben, und alle. einer nach dem andern,^ steigen hinab in dieGruftgänge der ersten Christen, um gleich diesen ebendaselbstdem hl. Opfer beizuwohnen. Bald sind wir in der Kapelle derhl. Cäcilia, wo der freundliche Trappislenpater Paul schon dasNöthige in Bereitschaft gebracht hat. Unsere Leute vertheilensich so gut als möglich in dem engen Raume, der theilweisedurch eine Oeffnung von oben her (Imesruarinin) Licht und Lufterkält, theilweise durch Kerzenlicht erhellt werden muß. Deraus mehreren unserer stuck. pdil. und tlwol. gebildete Chornimmt beim Eingang Ssilluug, während ich mit den Levitendie hl. Gewänder anlege. ES beginnt das feierliche Amt pro8abdato in LIbis. Der Chor bringt eine 4stimmige Messe vonAug. Wiltbergcr zum Vertrag, daS Lrscko singt er olroralitsr.Beim Otkortorinm: Lsgina eoeli laetars (Freue Dich, 0 Himmels-königin) von Lolli, dessen jubelndes Alleluja in den weithin ver-laufenden Katakomben eigenthümlich verhallt und nebst denandern ergreifenden Eriuuerungen dieser merkwürdigen OrtedaS Christenherz am'S Tiesste bewegt, bei der hl. Wandlungbeseelt uuö der Wunsch, jene Gluth von GottcSlicbe möchteuns durchziehen, welche unsere Vorfahren zu so heldenmüthigenThaten befähigte. Bei der hl. Commuuion singt der Diaconfeierlich das tlonütsor, und etwa 30 unserer Studenten em-pfangen den Leib des Hcrrn. Das Hochamt naht seinem Ende,und so hören wir in diesem Jahre nach dem Its lftissa ost dasletzte doppelte Ostcr-Alleluja an einem jener Orte singen, wounter ganz andern Umständen und Verhältnissen unsere Vor-fahren zur Zeit der Verfolgung dem hl. Opfer beiwohnten.Nach Beendigung des Amtcs lasen l?. AihanasiuS Funke ausEssen a. Ruhr und k. Epiphanias Dcibele, ein Württemberger,in Katakomben-Kapellen stille hl. Messe. Nach Einuahme eineseinfachen Frühstücks auf einer Wiese über den Katakombentraten wir unter Anführung und Belehrung seitens des hockn).L. Paul einen Nuudgang durch dieselben an, beginnend bei derGruft des Papst-Martyrers Cornelius, und kamen nach ver-schiedenen Kreuz- und Qucrgäugen wieder zur Cäcilieu-Kapclle.Während dessen sangen mir wechselweise die Allerbcil-gcu-Litauei,lateinisch und einige Psalmen, bei einigen Haltssillen trug derChor seine Weisen vor, und zwar daö bereits einmal gesungeneLog-ina, Oooli von Lotti, ein 4stimmiges I-anckato vominum,Gott grüße Dich, von Mücke und die Papsthymue von Billig-mann, welche auf Verlangen noch zwenual wiederholt werdenmußte, bei welcher Gelegenheit Hochrufe in deutscher Spracheauf den bl. Vater ausgebracht wurden. Auch daS deutsche Großer Gott, wir loben Dich" kam an die Reihe. Zum letzten-mal unsern Blick auf diese ehrwürdigen Stätten werfend, ver-ließen wir dieselben, nicht ohne die Aufmunterung mitzunehmen,gleich den alten Streitern Christi alle Leiden, Sorgen undKümmernisse dieses Lebens auö Liebe zum Hcrrn in Geduldund Ergebung zu tragen bis zum Abend unseres Lebens, nachwelchem wir einzugehen hoffen in den Frieden, welcher denDahingeschiedenen manchmal auf den alten Grabsteinen gewünschtwird: Vivas in Laos , oder vivas in 8piritu 8anotc>, lebe inFrieden, lebe im hl. Geiste. Auf die Oberfläche der Erde zurück-gekehrt, sang der Chor noch:Felsenkreuz" von Kreutzer undStill ruht die Erde" (Sabbathfcier) von Abt. Nach herzlichemDank verabschiedeten wir uns von den guten Trappistenvätcrnund machten uns auf, den Rückmarsch anzutreten, unter dem-, selben die in den verflossenen Stunden gewonnenen Eindrückej gegenseitig austauschend.

Leranttv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg .