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matzvimiqns meinte neulich, er habe sich zurückgezogenund das weitere der Madame Leo Taxil überlassen, diejetzt unter dem Namen Diana Vaughan schreibe. Erstereswird richtig sein; mit dem zweiten thut die Revue derMadame Taxil wohl zu viel Ehre an. Sie mag etwasmitarbeiten, aber für gewöhnlich dürste „Miß DianaVaughan" — Hosen tragen. Es ist wohl einer derkleinen Scherze des Dr. Bataille, wenn er (I, 720) mit-theilt, „Frl. Vaughan trage gern Männerkleider" — daskann man ihm glauben. Man erkundige sich beiHrn. Leo Taxil selbst, der in seinen früheren Be-kenntnissen so anschaulich beschreibt, wie meisterlich er alsFreimaurer zu fälschen verstand, der in der ersten Nummerder Revue Neneuelle so warm und herzlich für seinen„Freund" Dr. Bataille eintritt, der neulich in Trient als begeisterter Kämpe der unauffindbaren Miß auftratund die Zweifler mit Schimpfereien und albernen „Be-weisen" überschüttete, bei Leo Taxil , der die Mitgliederdes Congresses so gemüthlich vor sich selbst warnte, daman eines bekehrten Freimaurers vor seinem seligen Endeniemals sicher sein könne.
Die Parteigänger der Miß auf dem Trienier Con-greß zeigten sich ängstlich besorgt um das theuere Lebender schätzbaren Dame, die seit ihrer „Bekehrung" spurlosverschwunden ist, natürlich aus Angst vor den Frei-maurern. Das stimmt schlecht zu ihrem kühnen, ent-schlossenen Charakter, wie ihn ihr Intimus vr. Batailleuns schildert. Was könnte ihr auch die Flucht vor denFreimaurern helfen? Der Rache ihres Leibteufcls As-modäus könnte sie doch nicht entgehen, der ihr ebensogut den Hals herumdrehen kann, wie einst ihrem Wider-sacher Bordone . Es stimmt auch schlecht zu dem Helden-thum der Zwillingsbrüder Leo Taxil und Dr. Bataille,die sich bei all' ihren „Enthüllungen" keinen Pfiffer-ling um Dolch und Gift gekümmert haben,nicht einmal um Tubalcain und den ersten Dircctor desluciferianischen Laboratoriums im Felsen Gibraltar . Siehaben's auch nicht nöthig. Wahrlich, wenn Bataille undVaughan nicht schon da wären, die Freimaurer müßten sie erfinden, denn sie leisten ihnenmehr als ein halbes Dutzend Großoriente zusammenge-nommen.
Man weiß unter diesen Umständen nicht, ob manlachen oder sich ärgern soll, wenn die Vaughanisten derkatholischen Presse Deutschlands „Begünstigung der Frei-maurerei" vorwerfen, weil sie von dem Verstände, welchender liebe Gott den Menschen gab, bessern Gebrauch ge-macht hat, als andere Leute. Jeder, der mitschreibt andieser supsrstitiösen Literatur und mithilft an ihrer Ver-breitung, jeder, der einen Finger rührt zur Vertheidigungjener findigen Pariser Literaten, welche den Aber-glauben des 19. Jahrhunderts in Kassen-scheine umsetzen, unterstützt bewußt oder unbewußtdas freimaurerische Anti-Kirchenthum. Denn was istdie Wirkung dieses durch Betrüger von langer Hand vor-bereiteten und durch Betrogene fortgesetzten Fcldzuges?Verbreitung von groben Lügen und Schwindeleien unterder Maske der Frömmigkeit; viele Katholiken, auch Geist-liche, in Narrheiten verstrickt, während sie wahrlichernstere Arbeit zu thun hätten; die Köpfe verwirrt; ehr-würdige Dinge, wie eucharistische Bewegung und geist-liche Mystik, bis zur Unertrüglichkeit verquickt mit denabgeschmacktesten Münchhauseniaden; die Kirche lächerlichgemacht in einer Reihe ihrer Diener; der ernsthafteKampf gegen die Freimaurerei behindert und compro-
mittirt durch ein reguläres WindMhletigefecht — waskann ein waschechter Freimaurer mehr ver-langen?
Starke Worte, wird man vielleicht sagen, aber eSist Zeit, daß sie gesprochen und beachtet werden, wenndie Kirche namentlich in Frankreich und Italien demSchicksal entgehen soll, nicht nur nach außen compro-mittirt zu werden, sondern auch innerlich schwerenSchaden zu leiden. Das Ende des 19. Jahr-hunderts steht bei all' feiner „Aufklärung" unter demZeichen des Aberglaubens. In den verschiedensten For-men erhebt er sein Haupt, unter der Maske der Fröm-migkeit wie unter dem Banner des FreidenkcrthumS, alskirchlich gefärbte Wundersucht oder kindische Prophezei-ung wie als occultistischer Spuk. Bald muß der HerrBischof von Regensburg verlogenen Kindern daS Hand-werk legen, die das Volk durch „Erscheinungen" ver-führen, bald muß die weltliche Behörde sich um diefliegenden Erdapfel von Resau bekümmern; heute hältein spiritistischer Club seine „Säancen", morgen muß derNeichS-Anzeiger vor dem neuesten Weltuntergangsgefaselwarnen, und eben geht wieder in Berlin das Gerüchtum, daß die „weiße Dame" im königlichen Schlosse spuke.Eine Fluth des Aberglaubens orängt heran, inletzter Zeit namentlich von jenseits der französischen Grenze, ein Aberglauben, kein Atom weniger albern undauf die Dauer auch gefährlich, wie die schlimmsten Orgiendes Hexeuwahns im 17. Jahrhundert.
In der Zurückdämmung dieser trüben Fluth vonunserm Vaterlande darf man in erster Linie auf dendeutschen Episkopat rechnen, denn „die Kirche istdie geschworene Feindin des Aberglaubens; und sie alleinvermag ihn in wirksamer Weise zu' bekämpfen" (BischofSimar, Der Aberglaube S. 52). Aber es ist hohe Zeit,denn auch in der deutschen VolkLliteraturreligiöser Färbung — auch in Kalendern und Zeit-schriften, wobei wir durchaus nicht bloß an den Pelikandenken — machen sich schon seit Jahren Erschein-ungen bemerkbar, die zu denken geben. Diekirchlichen Autoritäten werden — das ist unsere Ueber-zeugung — auf diesem Gebiete prüfen, warnen undnöthigensalls mit voller Entschiedenheit ein-schreiten, nach ihrem guten Recht und ihrer strengenPflicht, in die That übersetzend die Worte, in welchevor 20 Jahren der jetzige hochw. Hr. Bischof von Pader-born die kirchlichen Grundsätze zusammenfaßte (Simara. a. O. 55):
„Die Kirche hat für jenes ganze Gebiet des Ueber-natürlichen ihren Gliedern als sichern Führer und un-trüglichen Maßstab das apostolische Wort allzeit darge-boten: „Glaubet nicht jedem Geiste, sondern prüfet dieGeister, ob sie aus Gott." (Joh . 4, 1). Sie verlangtnicht nur die strengste und gewissenhafteste Beweisführ-ung für die Thatsächlichkett angeblicher übernatürlicherVorkommnisse, sondern auch eine ebenso strenge, allenAnsprüchen der Vernunft und des Glaubens genügendeFeststellung ihres übernatürlichen Charakters. Nur wenndiesen beiden Forderungen vollkommen genügt ist, ge-startet sie den Gläubigen, dieselben als göttliche Thatenoder Zulassungen zu verehren, ohne sie jeooch zum Gegen-stanoe ihres allgemeinen und für alle ihre Glieder pflicht-mäßigen Glaubens zu erheben. Diese Grundsätze hatdie Kirche immer geltend gemacht. Eben weil es sichbei dem Uebernatürlichen um außerordemliche Werke oderZulassungen Gottes handelt, kann sie eS nicht