Ausgabe 
(17.10.1896) 43
 
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Up. 44.

24. M. 1896.

August Graf v. Platen .

Zu seinem 100 jährigen Geburtstag (21. Oktober 1796)gewidmet von A. G.

Motto:Nicht allein der Glaube ist es, der dieWelt besiegen lehrt.

Wißt, daß auch die Kunst in Flammendas Vergängliche verzehrt:Um den Geist emporzurichten von derSinne rohem Schmaus,Um der Dinge Maß zu lehren, sandteGott die Dichter aus."

Platen.

Oft und nicht mit Unrecht bisweilen wurde Platentls Dichter geschmäht, und doch dürfte er als solcher nacherschiedenen Richtungen hin eine gute Stelle in derrutschen Literatur einnehmen und werth sein, daß seinergedacht wird bei Wiederkehr seines hundertjährigen Ge-burtstages. Nicht nimmt er in den Herzen des deutschenVolkes einen Platz ein wie Schiller und Göthe , Uhlandmd Geibel, und doch auch er hat sehr Gutes erstrebtlud gewollt, wenn es ihm auch nicht in allweg gelungenrnd wenn er auch manchen xussng extra viara gemachtzat. Schiller und Göthe haben vielleicht noch bedeutenderezemacht, aber sie werden absichtlich zugedeckt, um das.igentlich Große, das sie als Dichter gewirkt, nicht zuverdunkeln. Mancher Literarhistoriker und Kenner derdeutschen Literatur hat höchstens Platens Verdienste umdie deutsche Metrik, um seine formalen Schönheiten ge-würdigt; die Begeisterung für die Kunst aber, die ihnbeseelte, der glühende Patriotismus, der ihm innewohnteund ihn begeisterte, sein Freimuih, der ihm eigen war,er wurde stets zu wenig gewürdigt. Viele haben ihnverstanden, die Menge nicht, wie er selbst seine Worteauf sich anwenden konnte:

Aber Pindars Flug und die Kunst des Flaccus,

Aber dein schwerwiegendes Wort, Petrarca,

Prägt sich uns längstüber in's Herz, der MengeBleibt'S ein Geheimniß."

Emanuel Geibel erkannte ihn und läßt ihn sagen:

Dann wird der deutsche Wald von Liedern schallen,Die prächtig wie auf Adlers Flügel rauschen,

Der heitere Süden wird zum Norden wallen»

Um seines Ernstes Schätze einzutauschen,

Und heilig wird der Sänger sein vor allen,

Und fromme Hörer werden rings ihm lauschen.

Was soll ich d'rum den frühen Tod beweinen?

Der Dichter lebt, so lang' die Sterne scheinen!"

Ferner haben ihm Hermann Liugg, Herwegh , Strach-witz u. a. in ihren eigenen Werken Denkmäler der An-erkennung gewidmet, und er war der Anerkennung würdig.Da er Zudem auch ein Landsmann von uns war, so dürftees sicher nicht unzeitgemäß sein, sein Andenken in ge-rechter, unparteiischer Weise aufzufrischen, was durch nach-stehende Zeilen geschehen soll.

August Graf v. Platen-Hallermünde war der Sohndes preußischen Oberforstmeisters Philipp Grafen v. Platen zu Ansbach und einer Freiin von Sichler und wurde am24. Oktober 1796 zu Ansbach geboren. Die Familiestammte aus Rügen, und Platen war stets stolz auf sie.Die Mutter besonders übte den wohlthätigsten Einflußauf das leicht bewegliche weiche Gemüth des Sohnes,welcher tm Jahre 1806 an die königliche Cadettenschulein München kam. Obwohl es ihm dorten nicht behagte,kam er doch seinen Verpflichtungen treu nach, mied aberziemlich in seiner freien Zeit das Zusammensein mit den

Kameraden, zog sich meistens auf sein Zimmer zurück zuseinen Büchern und studirte. Im Jahre 1810 trat eraus der Cadettenschule aus und in das königl. Pagen»Institut über, wurde 1814 Lieutenant im Leibregimentdes KönigS Maximilian und machte ein Jahr darauf denFeldzug gegen Napoleon mit, wo er nicht nur kriegerischthätig war, sondern auch schon dichterisch. Wenige seinerLieder aus jener Zeit sind bekannt geworden, ein VerSauS seinemLied aus Frankreich " möge hier einPlätzchen finden:

Schöne Worte, schöne WorteHör' ick um mich her;

Doch die Lippe spricht die Worte,

Und das Herz ist leer."

Im Spätjahr 1815 kehrte Platen wieder in dieHeimath zurück und durchzog in den nächsten zwei Jahrenmancher Herren Länder, denn er fühlte zeitlebens einegroße Wanderlust in sich. Doch überall wurde gedichtet,und die lyrische Poesie wurde durch ihn ziemlich bereichert.Schon mit siebzehn Jahren veröffentlichte er Gedichte,selbstverständlich der Feile mitunter noch sehr bedürftig,denn er gesteht ja selber:

Noch ungewiß, ob mich der Gott beseele,

Zu seinem Priester ob er mich geweiht,

Malt' ich die klaren Bilder meiner SeeleIn glücklicher Verborgenheit."

Er ging bei seinen ersten Gedichten von der ro-mantischen Schule aus und schloß sich zum Theil an'sVolkslied an. Seine Lieder und Romanzen sind derBeachtung sicher werth. Mag ihr Charakter noch so ver-schieden sein, wögen sie die reine Wonne der Natur-betrachtung, mögen sie Klagen über verschmähte Liebe,mögen sie das süße Glück des liebenden Herzens, mögensie die erhabene Aufgabe der Dichtkunst behandeln,überall tritt dem Leser vollendete Form, Klarheit undAnmuth des Inhalts entgegen. Eines seiner frühestenGedichte,Mädchens Nachruf", darf wohl ein lyrischesMeisterwerk genannt werden; auch das kleine GedichtErinnerung" des erst 18jährigen Platen ist ungemeinanziehend geschrieben; es spricht aus seinen Liedern derersten Periode einetreuherzige Kindlichkeit", wie wohlMinckwitz mit Recht von unserm Dichter sagt. Daß erin seinen erotischen Liedern mitunter über die Schnurhaut, kann nicht geleugnet werden, welcher Dichter hatsich da frei, ganz frei gehalten bei den Erzeugnissen aufdiesem Gebiete? Die Lieder, in denen er die Schönheitder Natur feiert, stehen hinter denen Nückerts weit zurück.Böhme sagt hierüber:In diesen Liedern ist nur seltenein Eingehen auf das geheimnißvolle Naturleben zu be-obachten; der Grund davon liegt wohl weniger in derGleichgiltigkeit des Dichters gegen die Herrlichkeit undLieblichkeit der Natur, als in den oft drückenden Lebens-verhältnissen des Dichters, die ihn gleich unserm Schillerauf die Ideale hinwiesen, welche die Kunst, die Geschichte,die Poesie darbieten." Platen hebt dies gleichsam selbsthervor, sagt er ja in einem Gedicht:Vergebt, daß allemeine Lieder klagen". In der That hatte er derSchmerzen viele zu erstehen; mehr von Feinden als vonFreunden genannt, ging er einem frühen Tod entgegen,obwohl ihn glühende Liebe zur Kunst beseelte und er fürdie Freiheit in tiefster Seele begeistert war. Es istPlaten in seinen Liedern, den Produkten seiner Jugend,gewiß nicht arm an entschiedenen Stimmungen; vieler,was des Menschen Herz bewegen kaun und bewegt in