Ausgabe 
(17.10.1896) 43
 
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den verschiedensten Phasen des Lebens, hat er in den-selben mitunter schön niedergelegt. Auch seine Gelegen-heitsgedichte enthalten sehr schöne Gedanken und sind,waS die Form als solche anbelangt, vollendet.

Im Jahre 1818 ging der Dichter auf die Uni-versität Würzburg, um sich philosophischen und philolog-ischen Studien zu widmen. Sein Fleiß war überaus groß,fast zu groß für seine Körperkräfte; neben den meistenneueren Sprachen erlernte er nach und nach auch La-teinisch, Griechisch, Persisch und Arabisch. Im Oktoberdes folgenden Jahres bezog er die Universität Erlangen,wo er besonders für Schelling begeistert war, welcher ihnin Bälde sehr liebgewann. In den sieben Jahren, dieer in Erlangen zubrachte, war er dichterisch so thätig,wie sonst nie in seinem ganzen Leben.Student" warer, was man gewöhnlich im UniverfitätSleben darunterversteht, blutwenig; er schloß sich zwar nach alter undallgemeiner Sitte einer Burschenschaft an, aber verkehrtesehr wenig in und mit derselben, sein Zimmer, seineSpaziergänge in Gotteslieber, frischer und freier"Natur behagten dem Denker mehr. Von Erlangen ausmachte er jährliche kleine Vakanzreisen, in Jena machteer die Bekanntschaft Göihe's, in Bayreuth die JeanPauls, in Stuttgart nahmen ihn Uhland und Schwabauf das liebenswürdigste auf, in Nürnberg traf er mitNückert zusammen Beweise dafür, daß die Kinder seinerMuse bereits bekannt waren und auch geschützt.

Das Studium orientalischer Poesie, das Fr. vonSchlegel durch sein Buch über die Weisheit der Inderaufgefrischt, war durch Hammer und besonders durchGöthe in seinem westöstlichen Divan wieder neu belebtworden und zog auch Platen, den empfänglichen Dichterund Menschen, an sich. Er strebte darnach, in das Wesenorientalischer poetischer Formen einzugreifen, und zwartief, und es entstanden dieGaselen" (Erlangen 1821).Diese Benennung bezeichnet kleine Gedichte von 1020Versen, und werden darin Liebe und Lust, Freude undTrauer, Wein und Wonne, Ruhe und Frieden ver-herrlicht. Der denSaselen" beigefügte Epilog anGöthe bezeichnet klar den Antrieb, der den Dichter zumOrient führte, und die Worte:

Dcr Oricnt ist ncubewegt,

Soll nicht nach dir die Wclt »ernüchtern,"

geben allerdings zu erkennen, daß es dem Dichter mitseinen Bestrebungen sehr ernst war. Aber wie er selbstvon sich sagte:er fei zu früh mit Ton und Klang ge-treten", so können diese inhaltschweren Worte auf dieGaselen" in erster Linie angewendet werden. DerSchlußvers:Verkünde mich indeß, Gasele, dem Vater-land!" wurde vom Vaterland nicht beachtet, und zwarnicht mit Unrecht. Zwei Jahre darauf erschienen dieneuen Gaselen", verschieden von den früheren, wie erselbst sagt:

Dcr Orient ist abgethan,

Nun seht die Form als unser an,"

Während Göthe diese zweite Serie mit Anerkennungbesprach, wurde sie von andern wiederum verworfen;andere, besonders Karl Jmmermann, brachen den Stabüber sie, wie denn der letztere sagt:

Von den Früchten, die sie aus dem Gartmhciin von SchiraS

stehlen,

Essen sie zu viel, die Armen, und vomieren dann Gaselcn."

Es steht fest: Platen gab sich viele Mühe mit seinen^Gasclen", aber wir können ihnen Beifall nicht spenden,Und zwar aus verschiedenen Gründen. In manchen klingt

das eigene Lob so laut, daß es den Leser anwidert, inseinen erotischen Gaselen sodann schlägt er des öftereneinen Ton an, der große Verwandtschaft mit den TönenHeines ausweist, und damit dürfte alles gesagt sein. WenigLeben enthalten die Gaselen, sie wirken gar oft lähmendaus den Leser. Dichter, wie Uhland rc., sie stiegen hinabin den so ungemein viel und Schönes bietenden Schachtdes deutschen Volksliedes, es genügte ihnen der großeReichthum der deutschen Formen, und fremde Formen zuHilfe zu nehmen, hielten sie für einen Rückschritt. IhreLieder sind deßwegen auch Lieblinge und Gemeingut deSdeutschen Volkes geworden, PlatensGaselen" und dieanderer sind vergessen, die Form mag man, so man sietrifft, ja immerhin lobend anerkennen. Wahrlich, umverliebte Jünglinge und geliebte Mädchen zu finden",braucht ein deutscher Dichter nicht den Orient zu durch-stöbern, solche Gestalten findet er zu jeder Zeit auch inDeutschland in großer Anzahl und wohl ebenso originellund deßwegen des Gesanges würdig, wie in Ost- undWest-, Vorder« und Hinter-Jndien l(Schluß folgt.)

Der ewige Jnde.

Episches Gedicht von Josef Seber.

«n In 5. und 6. Auflage erschien im laufendenJahre derewige Jnde" bei Herder in Freiburg einErfolg, zu dem wir der katholischen Literatur nur Glückwünschen können. Jetzt, nach Webcr's Tod, ist unstreitigdas hervorragendste katholische Dichtertalent der Sängerdesewigen Juden", der Tiroler Priester Josef Seber,dem wir hoffentlich noch recht oft auf dem litcrarischenMarkte begegnen werden. Es sei gestattet, im Folgen-den auf diese Dichtung eingehender hinzuweisen, um somehr, da sie, durch und durch poetisch, doch auch demreinen Verstandesmenschen reichen Genuß gewährt.

Der ewige Jude " ist ein Thema, das von jeherseine Liebhaber gefunden hat und wohl auch in Zukunftnoch finden wird. Die Gestalt dieses rastlosen Wanderersspielt eine große Rolle in der deutschen Volkssnge; siehat, wenn auch nicht in christlichem Geiste, ihren fran-zösischen Dichter gefunden, und von den Deutschen hatbesonders Julius Mosen, der Sänger desAndreasHofer ", dieselbe wieder unter das feinere Publikum ge-führt. Aber alle diese haben die sagenhafte Persönlich-keit nur von der romantischen Seite erfaßt und den ernstenHintergrund übersehen. So gibt Mosen in seiner Terzinen-dichtung dem Ahasver drei Gnadenfristen, wo er die sehn-lichst erwünschte Ruhe wieder erlangen kann: bei der Zer-störung Jerusalems , bei dem versuchten Tcmpelbau unterJulian und bei der Eroberung der heiligen Stadt durchdie Araber. Doch dieser Dichter kennt nur den trotzigenAhasver, der die Gnadenfristen unbenützt läßt und zumSchlüsse noch dem Heilande flucht, der ihm noch einmalpersönlich entgegentritt. Der dogmatische Untergrund deralten Volkssage scheint dem protestantischen Dichter ver-borgen geblieben zu sein. Anders bei Seber!

Sein ewiger Jude ist, um es kurz zu sagen, historisch-dogmatisch, und doch ist die gefährliche Klippe einer lehr-haften Gedankendichtung glücklich vermieden. Ihm ist,wie er selbst in denBemerkungen" schreibt, Ahasver derVertreter des altgläubigen Judenthums, das seine national-polnische Anschauung vom Messias bewahrt hat und darumdem in Jesus Christus erschienenen feindlich gegenüber-steht. Als Typus dieses Volkes kann Ahasver erst dannzur Ruhe kommen, wennganz Israel gerettet wird"