Ausgabe 
(17.10.1896) 43
 
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Jericho," wie Ohlenschlager treffend sagt, dafür ist dieAnlage zu schwach.

Der Limes war auch keine Straße, eine Hypothese,welche sich leicht aus dem Umstände erklärt, daß derPfahl sich vielfach zu einem straßenähnlichen Damme(besonders in Württemberg) verflacht hat und in unsererZeit thatsächlich an mehreren Orten als Fahrweg benutztwird. Denn die Nömer mußten sonst eine ganz be-sondere Geschicklichkeit im Fahren und Reiten gehabthaben, um über so halsbrecherische Abhänge undSchluchten hinauf- und hinnnterzukommen, welche derLimes oft überwindet. Die obige Ansicht stammt bereitsaus dem vorigen Jahrhundert, wurde noch in neuesterZeit bis vor wenigen Jahren von einigen Württemberg-ischen Gelehrten, Herzog und Paulus, verfochten, dürftenunmehr aber infolge der allseitigen, gründlichen Forsch-ungen, hoffentlich für immer, widerlegt sein.

Die Teufelsmauer und ebenso ihre Fortsetzung biszum Rheine bildete nach der jetzt allgemein bestehendenAnschauung zunächst eine deutlich sichtbare, jedem auf-fällige Demarkationslinie, welche besonders durch dieGroßartigkeit in der Ausdehnung selbst dem wilden, un-bändigen und freiheitslustigen Germanen einigen Respekteinflößen und ihn stets an die schlimmen Folgen erinnernmußte, welche eine etwaige Ueberschreitung dieser Schrankein unfehlbarer Weise nach sich zog.

Der erste Zweck der Anlage war also, wie Mommsen^)sich ausdrückt,die Verhinderung der Grenzüberschreitung",was auch in einer Notiz des Spartianus ^°) einige Be-gründung finden dürste, der selbst dem weit stärker be-festigten britannischen Wall keine weitere Bedeutung zu-theilt, als: gut barstaros Roruauos^us äiviäorat,d. h.die Barbaren von den Römern zu scheiden".

Gut eignete sich die Pfahllinie auch dazu, Handelund Verkehr zu überwachen, Ein- und Ausfuhr zu regeln,die Zölle einzutreiben?') Denn der Limes selbst bildeteschon ein respektables Verkehrshinderniß, das noch durchdie zahlreichen Wachthäuser und kleineren Zwischencastelleerheblich verstärkt wurde. Die Durchgänge aber müssenwir uns, K-enn auch nähere Anhaltspunkte fehlen, jeden-falls durch Pallisadenwerke, Grenzpfähle und Schlag-bäume gesperrt und von eignen Wächtern besetzt denken.

Wieweit die rein Militärische Bedeutung des Grenz-schutzes ging, ist nicht leicht zu bestimmen.

Am negativsten verfahren auch hier wieder v. Co-hausen und Mommsen, welche dem Limes aber auch fastjede Art von Grenzwchr absprechen, hauptsächlich aufGrund der allerdings nicht seltenen schwachen Punkteund der disponirten Stellung der Truppen.

Es wäre freilich noch schlimmer, an einegroße,mit Thürmen, Lagern, Schlössern, Gräben, Verhauen,Pallisaden usw. wohlgeschützte Festung" zu denken, wiesich Büchner die Teufclsmauer in ihrer Vollendungdenkt?2) aber eine gewisse DefensionsbestiMMUNg müssenwir immerhin anerkennen.

Von höchster Wichtigkeit in militärischer Hinsichtsind natürlich die Castelle; auf ihnen beruht vor allemder Schutz und Schirm der Provinz. Von dort ausaber wurden die kleinerenFeldwachen" besetzt, welchewiederum die Posten in den Thürmen und Wachthäuschen

-->) Röm. GesS. Bd. V, S. 143.

Vita. Haäriaui 6. 11.

°') Diese Ansicht wird besonders durch v. Cohausen starkVertreten.

by Büchner: Reise auf der Teufelsmauer. Z 22.

versahen und ablösten. Diese letzteren endlich hatten ihrebestimmten Strecken zu begehen und zu überwachen.

Einen solchen armen railss limitaneus (Grenz-soldat) haben wir uns etwa unter dem Helden des be-kannten Scheffel-Liedes vorzustellen:Ein Nömer standin finstrer Nacht am deutschen Grenzwall Posten."

Spürte nun dieser Wächter etwas Verdächtiges, sostellte er sich hoffentlich meist nicht so langweilig an wieder obige,blies sein Horn" zur rechten Zeit, rief seineWachtkameraden, gab seine Feuerstgnale, unddie Co-horte" aus dem nächsten Castellerschien" dann wohlauch nicht zu spätam Platze".

Man sieht,dem Andränge größerer Leermassen"konnte der Limes, wie Graf Hundt richtig bei der Be-schreibung der Teufclsmauer bemerkt,keinen bedeutendenWiderstand entgegenstellen".Wohl aber" kann manaus den Resten eine Verthetdiguugslinie zum Schutzevon Colonien erkennen, vollkommen ausreichend, mitihrer Besatzungsmannschaft gegen den Uebermuth Ein-zelner und räuberische Anfälle kleinerer WanderhordenSicherheit zu gewähren."^)

Bei größerer Gefahr jedoch war dadurch wenigstenseiner unvorbereiteten Ueberrumplung vorgesorgt, undkonnten sich die schwächeren Abtheilungen auf die stärkerenzurückziehen, bis man so gemeinsam den feindlichen An-prall auszuhalten im Stande war.

Das Grenzmilitär rekruttrte sich meistens aus älteren,emeritirten römisch-germanischen Kriegern. Sie hattenFamilie, trieben Ackerbau und besaßen als Lohn für ihrenDienst Ländereien vom Staate.

Ueber die Zahl dieser Truppen lassen sich keinesicheren Angaben machen, v. Cohausen nimmt durch-schnittlich für ein Castell 720, Mommsen gegen 500 MannBesatzung an, dies jedoch in Kriegszeit oder noch besserim Belagerungsfalle.

Für gewöhnlich brauchte wohl eine Garnison nurso stark zu sein, um die nöthigen Sicherheitswachen undVorposten stellen zu können.

Mommsen schätzt die rätische Grenzarmee im höchstenFalle auf 10,000 Mann,") der übrige Theil dürftedemnach nicht ganz zweimal so stark gewesen sein. Nichteingerechnet sind jedoch dabei die Reservetruppen in dengroßen Standlagern innerhalb der Provinz, wie Regens-burg, Faimingen, Augsburg, Straßburg, Mainz usw.

Unter der Obhut der römischen Grenzmark blühtebald eine gewisse Cultur auf, aus den Castellnieder-lassungen erwuchsen kleine und große Städte, Handelund Verkehr nahmen einen mächtigen Aufschwung, dieHerrlichkeit des Reiches schien fast in die Provinzenwandern zu wollen.

Doch alles umsonst l Das Riesenwerk sollte keinelange Dauer besitzen. Das Nömerreich mit all seinengroßartigen Leistungen diente nur dazu, dem Christen-thums die Wege zu ebnen. Ein ungeschwächter jugend-kräftiger Stamm sollte über den Trümmern des morschenBaues neue Staaten gründen und die Lehren des Heilesempfangen.

Bald ergriffen die Markomannen, welche etwa imheutigen Böhmen ihre Wohnsitze hatten, im Verein mitmehreren anderen Stämmen an der Donau die Offensivegegen Rom , durchbrachen die Grenzmark und drangenzweimal bis Aquilcja in Italien vor. Nur mit Auf-

°°) Graf Hundt: Bericht über eine Begehung der Teufels-mauer. S. 15.

") Mommsen: Röm. Gesch. Bd. V, S. 143. (Anmerk.)