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28. M. 1896.
Zu seinem 100 jährigen Geburtstag (24. Oktober 1796gewidmet von 2l. G.
(Schluß.)
Wenn wir Nückert mit seinen „Gaselen" über Platenstellen und stellen müssen, so steht Platen im Sonettobenan, sowohl was die Reinheit der Form, als die Viel-seitigkeit und Tiefe des Inhalts betrifft. Martin Opitz war der erste, welcher diese Art von Dichtung in diedeutsche Literatur einführte, Bürger und Schlegel habensie vervollkommnet, auch Göthe hat sie, obwohl erst spät,gepflegt. Platen eröffnete seine Sonette mit dem Motto:
„Was stets und aller Orten sich ewig jung erweist,
Ist in gebiindncn Worten ein ungebnndner Geist."
Und dieser „ungebundne Geist" tritt gar oft indiesen feinen Dichtungen uns entgegen, er fällt her überdie geschwätzigen Krittler, über den Pöbel, den manfröhnen soll:
„Weil meine Muse nicht reu wilden TriebenDer Menge stöhnt in diesen wirren Tagen.
So bat sie früh gelernt dem Ruhm entsagenUnd ist in ihrer Stille gern geblieben."
Abstoßend wirkt auf den Leser das Selbstlob,Kit dem sich Platen bewuchert an mehreren Stellen,zum Beispiel:
„Lustspiele sind und Märchen mir gelungenIn einem Stil, den Keiner nberirvffen" — oder
„Der ich der Ode zweiten Preis errungen."
Der Inhalt dieser Lobsprüche ist einmal sehrzweifelhaft wahr, und wenn er wahr wäre, so gilt auchfür den Dichter der alte Satz: Eigenlob riecht nicht gut!Sonette richtete Platen u. a. auch an Göthe , Nückert,Schlegel und an feinen Lehrer Schelling, woraus wir fol-gende,Zeilen entnehmen wollen:
„Wie sah man uns an deinem Munde hangenUnd lauschen Jeglichen auf seinem Sitze,
Da deines Geistes ungeheure Blitze
Wie Schlag aus Schlag in nnj're Seele drangen."
Seine schönsten Sonette sind zusammengefaßt unterder Ueberschrift „Venedig"; dieselben sind, das ist nichtzu läugnen, tief poetisch. Kirchen und Paläste, dieprächtige Natur ziehen vorüber am Auge des Lesers,nicht weniger eindringlich wird vorgeführt die ent-schwundene Herrlichkeit der Stadt Venedig. Die kunst-geschichtlichen Sonette nehmen unter den genanntenwiederum den ersten Platz ein.
Bevor wir mit dem eurriculuru vitas des Dichtersfortfahren, wöge es gestattet sein, sofort an dieser Stellenoch kurz seine Oden und Hymnen zu betrachten,während wir Platen als Dramatiker dann an den Schlußsetzen. Es ist hier nicht Raum gegeben zu einer Unter-suchung, ob unsere Dichter die Berechtigung haben, dasalte Metrum auf ihre Erzeugnisse anzuwenden; mancheglaubten, nur mit letzterem gut operiren zu können,und diesen Glauben halten wir allerdings für ver-fehlt. Wenn früher viele Dichter sich das alte Metrumangeeignet haben, so ist dies mehr ihre Geschmaüsache ge-wesen, als die des lesenden Publikums im Allgemeinen,dies dürfte fast feststehen. Wenn es dem einen oderandern, so auch Platen, bei derartigen Musenkindcrn nichtdarauf ankam, ob „ein Fuß zu klein war oder zu groß",so beweist dies, daß die deutsche Sprache eben sich in
das „Metermaß" der lateinischen, griechischen rc. nichteinzwängen läßt oder nur mit Schmerzen, wie ein großerFuß in einen zu kleinen Stiefel. Von den Oden Malensheben wir hervor die an „König Ludwig", worin er aller-dings zeigt, daß ihm reiche Begabung für diese Strophen-gattung innewohnt; der edle König wird als begeisterterKunstkenner und Unterstützer der ächten Kunst trefflichgeschildert. Edel, freimüthig und von glühendem Patriotis-mus durchzogen ist die Ode an „Franz den Zweiten vonOesterreich". Er ruft darin aus: „Gib deinem Deutsch-land wieder ein deutsches Herz, dann wird es auch wiederfrohlockend seinen alten Kaiser aufnehmen." Recht schönund edel gehalten ist auch die Ode „Florenz ", nichtweniger die der „ewigen Roma" gewidmete.
Die „Hymnen" unseres Dichters können wir seinen„Schwanengesang" nennen, sie gehören nämlich der letztenPeriode seines jugendlichen Lebens an. Wenn Gödekeüber dieselben sagt: „noch majestätischer als die Odenwüthen uns die Hymnen an, die uns große Bilder undSprüche in einer Sprache vorführen, welche wie einbreiter prächtiger Strom an uns vorüberraufcht", wennalso Gödeke und auch andere die Hymnen als den Gipfelpoetischer Vollendung bezeichnen, so ist eS doch fraglich,ob sie das wirklich sind. Es wird den Hymnen dietäuschende Ähnlichkeit in der Nachbildung Pindars nach-gerühmt, aber diese Nachbildung stoßt in der deutschenSprache auf sehr große, man kann sagen auf unüber-windliche Schwierigkeiten, wie schon Horaz vor der Nach-eiferung Pindars gewarnt hat, von den deutschen Dichterndrhgleichen auch u. a. besonders Geibrl. Platens Hymnenenthalten mitunter sehr schwerfällige Metaphern, das Metrumist oft erkünstelt, was der Dichter selbst fühlte. Damitdarf nicht auf die Seite gestellt werden, daß mancheHymnen ächten poetischen Geist aushauchen, besondersdiejenigen, welche der Natur, in erster Linie derjenigenItaliens gewidmet find, nicht zu vergessen diejenige aufden „Tod des Kaisers" und die im Jahre 1835 an dieBruder Frizzoni gerichtete.
Schildern wir nun weiter in kurzen Zügen den obenabgebrochenen Lebcnslauf des Dichters! Im Jahre 1824machte er eine Reise in die Schweiz und nach Venedig.Hier hielt es ihn so sehr zurück, daß er seinen Urlaubüberschritt und hiefür später einige Wochen strengen Arrestsin Nürnberg erhielt. In Italien war er am glücklichsten,wie er auch an Schwab schrieb: „In Italien gedenke ichmein Leben zu beschließen, und wenn ich mich dahin bettelnmüßte, denn nur dort hoffe ich meine Kunst zur Voll-kommenheit zu bringen, wenn dieses Wort nicht ein Frevelist. Aus der bildenden Kunst ziehe ich die größten Be-lehrungen." König Ludwig bewilligte Urlaub, von Cottakam ein anständiges Honorar, und am 3. September 1826ging's wieder von Erlangen aus nach Italien . Vor seinerAbreise nach Italien fang er:
„O wohl mir, daß in ferne RegionenIch flüchten darf, an einem fremden StrandeDarf athmen unlcr gütigeren Zonen!
Wo mir zerrissen sind die letzten Bande.
Wo Hag und Undank edle Lücke lohnenWie bin ich satt von meinem Vaterlands!"
Zuerst weilte er in Florenz , dann in Nom, immerschaffend, immer thätig. Sein leidender Gesundheits-zustand trieb ihn nach Neapel , wo es mit demselben wiederbesser ging; „hier ist heilsame Luft, unwandelbarer Hinuml,ringsum ElysiuN" schrieb er au Schwab. Hier befreundete