Ausgabe 
(28.10.1896) 45
 
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er sich mit August Kopisch aus BreSlau , der auch wegenseines leidenden Zustandes nach Neapel gekommen war;hier traf ihn auch die Kunde von dem Vorgehen seinerGegner, besonders von Carl Jmmermann, und dies ver-anlaßte ihn zu dichterischen Gegendemonstrationen, diefeinem körperlichen Zustande absolut nicht dienlich waren.Seit Ende des Jahres 1827 war Platen wieder in Nomund sollt« Anfang deS nächsten Jahres auf Veranlassungdes Kronprinzen nach Berlin kommen und für das hoheHonorar von 2500 Thalern jährlich eine Zeitschrift überdie Bühne herausgeben Platen schlug den Antragrundweg ab. Er durchzog Norditalien :

Kein Bleiben vergönnt des Geschicks Beschluß mir:

Zwar freiwillig und doch ein Gezwungener muß ich,

Muß dich wieder verlassen,

Genua , blühende Stabil"

Im Jahre 1828 wurde der Dichter durch die GnadedeS Königs Ludwig Mitglied der königlichen Akademieder Wissenschaften, wodurch er auch eine ziemlich unab-hängige Existenz erhielt, immerhin sehr zu begrüßen,obwohl seine physischen Bedürfnisse stets geringe waren.Von 18301832 finden wir Platen wieder in Neapel ,wo er besonders historischen Studien oblag; im letztge-nannten Jahre kehrte er nach Deutschland zurück seinVater war gestorben und brachte den Winter stillund einsam in München zu, ging ein Jahr darauf nachVenedig zurück, worauf er 1834 wieder nach Deutsch-land heimkehrte, um eS noch einmal, und zwar zum letzten-mal, mit Italien zu vertauschen Juni 1834, wo erseinen Aufenthalt nach Gebrauch von Seebädern in Florenz nahm. Obwohl er bedeutend krank war und seine Freundeihn kaum mehr kannten, dichtete er frischer denn je, wirkönnen sagen nulla äis8 8M6 lineu! Die Furcht vorder Cholera trieb ihn im September 1835 nach Sicilien,wo er in Palermo sechs Wochen verweilte und Seebädernahm. Am 24. Oktober, seinem 39sten Geburtstag,ging er nach SyrakuS , um dort den Winter über zuverweilen. Am 11. November schrieb er noch einen seineGesundheit betreffenden hoffnungsvollen Brief an dieMutter, bald aber befiel ihn starkes Fieber; aus Furchtvor der Cholera griff er zu verkehrten Mitteln, und zwarganz freiwillig, und am 5. Dezember Nachmittags 3 Uhrbeschloß er sein jugendliches Leben. Unter überaus kleinerBegleitung wurde der Fremde in der Nähe der Stadtbeerdigt ohne Sang und ohne Klang.

ES bleibt unb noch übrig, ein paar Worte über diedramatischen Werke des Dichters beizufügen, und nehmenwir des Raumes halber nur einige wenige heraus.

Betreffend die dramatischen Werke können des Dichterseigene Worte auf ihn angewendet werden:viel zu frühbin ich in die Zeit mit Ton und Klang getreten". Ineiner seiner ersten dramatischen Dichtungen,Der gläsernePantoffel" (einer Verschmelzung der Märchen von Aschen-brödel und Dornröschen), schloß er sich der romantischenSchule an, wurde davon aber durch die Schicksalstragödienderselben bald ganz abwendig gemacht und machte schonin seinem LustspielDer Schatz des Nhampsiuit" da-gegen Front. Was hier aber nur gelegentlich hervortrat,wurde zur ausgeprägten Satire in seinen zwei demAristophanes nachgebildeten Komödien:Die verhängniß-volle Gabel" undDer romantische Oedipus". Dasletztgenannte Lustspiel richtet sich gegen die Romantiküberhaupt, während das erste nur einen Auswuchs ver-sähen, wie er in den sogenannten Schicksalstragödicnrchräscntirt ist, züchtiget. Maien erkennt die Gehalt-

losigkeit der herrschenden Richtung und sucht nach Abhilfe;dies thut er theils durch Verspottung der Verkehrtheiten,theils durch eigene Versuche. Aber er ist, dramatisch ge-nommen, kein eigentlich schaffender Geist, er will Neuesschaffen, er will eine neue Kunstperiode hervorrufen, erwendet all' seinen großen Fleiß auf. Etwas Neues aufdramatischem Gebiet, das zugleich ein Kunstwerk, schufPlaten nicht, der eigentlich schaffende Dichtergeist fehlteihm hier, wenn er ihn auch noch so betonte. Selbst seinDramaDie Liga von Cambray" ist, obwohl er es selbstals das beste erklärt, in der Charakterzeichnung etwasschwach. Platen war nicht im Stande, wie Fallerslebeusagt, einen Charakter festzuhalten und durchzuführenMochte er deßhalb in seinerGrabschrift" auch rühmendürfen:

Lustspiele sind and Märchen mir gelungenIn einem Stil, den Keiner übertreffen,"

wir und auch er haben dadurch blutwenig gewonnen.Als literarische Curiosa liest man heute noch die zweipolemischen Komödien, die andern dramatischen Stückesind verschwunden von der Bühne des Lebens. Und dannder so sehr unerquickliche Streit, der in Folge der Ko-mödien mit Jmmermann und andern entstand, er hatzum Ruhm des Dichters nicht beigetragen die eigent-liche Bedeutung Platens und seiner Gegner lag aufanderem Gebiete, wie oben bemerkt, weßwcgen es auchwohl nicht nothwendig ist, weitere seiner dramatischenWerke in unsere Arbeit hereinzuziehen und in das richtigeLicht zu setzen.

Carl Gödeke sagt u. a. über Platen und seineWerke:Der Dichter hat sowohl in seinen jugendlichenals späteren Werken ein ernstes Studium und eine großeWürde des Charakters bewahrt; seine Poesien tragen zuallen Zeiten die Spur des unverdrossenen StrebenS nachVollendung, das Gepräge innerer Lust und Heiterkeit.Die Stufe der Bildung und des Talentes, welche derDichter, wo er auch immer als Mensch geirrt haben mag,einnimmt, ist nicht geringer und nicht niedriger, als irgendeine, auf welcher deutsche Kraft, Würde und Ehre stehen.Die Worte, welche der Derwisch in den Abbassiden vonsich spricht, wenden wir als die kürzeste Bezeichnung desPlaten'schen Bildungsganges auf den Dichter an:

Thätigkeit unter MensLenLiebt' ich cbimilS; aber mein GedankeWuchs in nur von Jahr zu Jabr, bis endlichDieser Schatz allein mir ganz genügte."

Jakob Grimm endlich sagt über Platens Sprache:Es hat mir bei Lesung von Platens Gedichten beständigden angenehmsten Eindruck hinterlassen, zu sehen, wie erauf Reinheit und Frische des deutschen Ausdrucks sorgsamhält. Seine Reime sind fast ohne Tadel und stechenVortheilhaft ab von der Freiheit und Nachlässigkeit, diesich Schiller, zum Theil auch Göthe zu Schuldenkommen lassen. Denn selbst diese Autoritäten dürfenein feines Ohr nicht bestechen, es bezeichnet vielmehr dielaxe metrische Ausbildung ihrer Zeit, daß sie oft fehler-haft gereimt und scandirt haben. Niickerts Sprache istblühender und gezierter als Platens, aber nicht so rein,auch nicht so ergreifend. Dagegen scheint mir Platenhin und wieder an das Kalte und Marmorne zu streifen.Das Schicksal hat diesem edlen Dichter nicht vergönnt,seine Poesie mit einem großen Werke, wornach er rangund strebte, zu versiegeln, das würde Licht und Glanzauf seine frühere Laufbahn zurückgeworfen haben."