Ausgabe 
(28.10.1896) 45
 
Einzelbild herunterladen

Der ewige Jude.

(Schluß.)

Eine neue Gestalt,Petrus ", tritt im Folgendenauf. In orientalischem Haremsleben erhält der Anti-christ die Botschaft, daß der gefangene Papst seines Ur-theils harre. Mit großen Sprüchen tritt er dem Mär-tyrer entgegen:

Ich brauch' das Opfer nicht, ich will Gehorsam."

»Zum Frieden kam ich nickt, ich bring' das Schwert."

Und wer mir widersteht, der wird zermalmt."

Ich bin die Wahrheit; mein ist die Gewalt."

Würdig des Königs ist sein Kanzler, der abtrünnigeBischof Oorruxtio oxtirai, passiw»! Der zweitePetrus soll den Tod des ersten sterben:An's Kreuzmit dem Verruchten l" Als schlimmste Strafe gibt Solarden Gefangenen in die Hände des Apostaten Teitan.Als Seber dichtete, gab's noch ein Nachbild des traurigenClerikers weniger als heute und doch wie psychologischist sein Kanzler! Das Urtheil des Königs entfachtneuerdings den Grimm Ahasvers, denn er glaubt ent-schieden mehr Anrecht auf den Papst zu haben, den ergefangen, als der weibische Bischof.

Im achten Gesänge Die Gefangenen finden wirein Bindeglied für das Folgende. Teitan führt denvom Pöbel verhöhnten Papst auS dem Palaste, da nahtsich ihm der unglückliche Bräutigam Sara's und willihm den Dolch in's Herz bohren. Umsonst! Nach be-rühmten Mustern trägt der Kanzler Schuppenpanzer, undder arme Jude wird von der Menge ermordet. DaSGedränge benützen die Kreuzritter zur Befreiung deSPapstes. Neue Wuth Ahasvers über Teitan, der diekostbare Beute verliert! Mit dem falschen Kossof an derSpitze, der ja alsVerfolgter" die Katakomben kennenlernte, stürmt er dorthin und macht kostbaren Fang:Henoch und EliaS nebst 12 Kreuzrittern. Kossof gehthiebet zu Grunde.

Als Blutzeugen erblicken wir nun die Ge-fangenen. Der Hauptplatz Jerusalems ist die Gerichts-stätte, und Scenen, wie sie die Mariyrerakten schildern,finden statt.Drei Tage noch", ruft erst Ellas, dannHenoch dem neuen Antiochus zu,drei Tage noch, dannwehe dir und denen, die dir folgen." Dann werdendie zwei an's Kreuz geheftet, von wo aus sie die Marternder Mitgefangenen schauen müssen. Zuletzt verheißt derKönig für den kommenden Tag das Fest der Tempel-weihe und mit infernalem Höhne die Ehrung des sieg-gekrönten Ahasver.

Das von Propheten Daniel gewcissagte Unheil er-reicht seinen Höhepunkt im Greuel der Verwüstung.Ahasver lebt noch immer im Wahne, der neue Prachtbaudes Tempels soll Jehovah dienen, das Reich des Messiaszur Herrschaft gelangen, der Akum soll der Fußschemeldes Juden werden. Mit der irrsinnigen Tochter seinesFreundes findet er sich zum Feste ein, königliche Ehrenfür sich und sein Volk zu holen und den Kanzler in denSchatten zu stellen. Solar heißt ihn zur Rechten sitzen,dann erhebt er sich unter lautlosem Schweigen der un-gezählten Menge und spricht:

ES gibt nur einen Gott, und der bin ich."

Auf hohem Altare steht sein Bild in düsterer Majestät,stolz aufgerichtet, feuerüberfluthet, und unheimlich klingtes von des Bildes Lippen:

Ich bin dein Gott, du sollst vor mir allein

Anbetend knie'n, mir dienen und gehorchen."

Schauerliche Enttäuschung Ahasvers, des zelotischmJuden! Besinnungslos vor Zorn schreit er den Königan und wirft ihm falsches Spiel vor. Solar verlachtihn höhnisch und straft ihn, der verwünscht, dies Elendschauen zu müssen, vermöge diabolischer Macht mit Blind-heit der Augen. Der Kanzler aber beugt das Knieund ruft:

Gereckt ist dein Gericht, o Herr und Gott!

So mögen alle Feinde deines Namens,

Und die nur halb und lau dir dienen wollen,

Die volle Schale deines Zornes trinken!"

Elfter Gesang: Auf Irrwegen. Niederge-schmettert ziehen die getreuen Juden von der Tempel-weihe in ihre Häuser; sie sehen sich derselben Verfolgungausgesetzt wie die Christen. Sara irrt mit dem ge-blendeten Greise in's Gebirge und kommt zufällig in dieNähe des Bergschlosscs, wo sie einst Teitan aufnahm.Bei dessen Anblick erwacht mit erneuter Kraft der Wahnin ihr; laut aufjubelnd springt sie vom Felsen weit in'SLeere und zerschellt in der Liefe. Der führerlose Ahasverstrauchelt und klemmt den Fuß zwischen Felsen, wo erverzweifelnd und Alles verfluchend lange liegt, bis ihnChristen finden und pflegen.

Im zwölften Gesänge Der Kranke erfährt dekBlinde vom Papste, der nun sein Pfleger geworden, dasSchicksal der Gott getreuen Juden: sie starben als Mär-tyrer oder sie flohen. Voll Sterbenssehnsucht versuchtAhasver alle Mittel, die Christen zum Morde seinerPerson zu reizen vergebens! Aber eine andereWendung tritt ein: die unerschöpfliche Feindes- undNächstenliebe des Papstes beginnt allmählig das Eisvom Herzen des Juden zu schmelzen, es folgt

Die Umkehr. Im Traumgesichte der Nacht er-scheint Christus dem Ahasver und gibt ihm das Augen-licht wieder, dem Papste aber erscheint zu gleicher ZeitElias und zeigt ihm eine Höhle im Gebirge, wo einstder Prophet die Bundeslade verborgen. Zu ihr führtPetrus den Juden, und angesichts derselben tauft er ihn.Im Kreise kniete» um die BundcsladeDie Kreuzesritter betend, froh erregt;

In vielen Augen perlten helle Zähren."

Dann nahm der Papst des Aaron Stab von demhl. Schreine und gab ihn dem Getauften:

Sich', das Reis

Durchgingt ein neues Leben, Zweige sprossen,

Und zarte Blätter brechen schon hervor:

Jetzt steht der Stab in Blüthe, süßer DustErfüllt die Kammer und das Herz der Männer."

Das Erdbeben. Schon am dritten Tage stehendie Kreuze mit den gemordeten Patriarchen auf demMarkte zu Jerusalem ; das Fallbeil arbeitet unaufhörlichan der Tödtung der Gott getreuen Juden, und eben nahtwieder eine Schaar neuer Opfer, da plötzlich grollt un-heimlicher Donner aus der Tiefe. Alle Schrecken einesErdbebens treten ein, und eine Stimme von Oben ruftden todten Patriarchen zu:

Erwacht zum Leben, ihr getreuen Zeugen,

Und steigt vom Kreuz der Schmach zu mir empor.

Die Stunde meiner Rache naht heran!"

Ahasver fühlt nun die Stunde gekommen, wo erwirklich der Führer seiner Brüder werden soll, wo erihre nun erweichten Herzen dem wahren Messias zu-wenden kann. Auf der Suche nach den Resten seinesVolkes findet er auch Teitan, sterbend im Schutts be-graben. Noch einmal faßt der alte Haß den ganzenMann, da blickt er himmelan und beginntaus Schutt und TrümmernDen argen Feind mit letzter Kraft zu graben."