Ausgabe 
(28.10.1896) 45
 
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Doch vergeblich! Teitan stirbt den grausigen Toddes Verdammten. Die Handlung schreitet nun rasch demEnde entgegen. Als Paulus zeigt sich im fünfzehntenGesänge der bekehrte AhaZver. Im Gesteine einer ur-alten Wasserleitung verborgen findet er seine ehemaligenGlaubensgenossen, denen er sich als Christ vorstellt undChristum predigt. Mit ihnen zieht er auf den Markt-platz, und auch hier verkündigt er der gottlosen Mengedie heilige Wahrheit. Die Massen theilen sich bereits,und Rufe erschallen:

Hie Christus, hie Sotsr!

Da pflanzt die Kunde sich von Mund zu Munde:Der König kommt." Auch ihm tritt der neue Apostelkühn entgegen, und um der verblendeten Menge dieAugen zu öffnen, fordert er vom Messias die Probe,gleich den zwei Gekreuzigten zum Himmel emporzusteigen.Sotär nimmt an; es kommt Das Gericht. Auf derHöhe des Oelberges thront der König in düstrer Majestät,umgeben von den Großen seines Reiches, in seiner Handdas goldgetriebene Scepter, ein dreifach Diadem auf seinemHaupt. Anbetend wirft der Großvezier sich nieder, ausgoldnem Becken steigt der Duft des Weihrauchs! Unab-sehbar um Sotsrs grünes Banner gesammelt dehnen sichzu seiner Linken die Schaaren, die seinen Namen aufder Stirne tragen. Zu seiner Rechten harrt in Angstund Zweifel um Ahasver gedrängt das Volk der Judenund hoffnungsfroh um's Kreuz geschaart das kleineHäuflein Christen.

Da hüllt der Berg sich ein in Qualm und Rauch .. i;

Und sichtbar hebt Sctsr

In Kraft des Dämons, der sein Herz besitzt,

Vor aller Augen langsam sich zum Himmel."

Der König siegt, ein Jubelschrei der Seinen ant-wortet, die Juden sind verwirrt, aber vertrauend hebtdas Auge der Christen sich zum Kreuze und betet inheißem Flehen zu Gott. Mit ihnen betet Ahasver , einzweiter Moses, die Hände hebend. Da kommt das GerichtGottes in grandiosen Strichen gemalt! Sotar stürztund findet das Ende TeitanS, und mit ihm all dieSeinen.

Friede nennt sich der letzte Gesang. Wie einRegenbogen nach dem Sturme lächelt er milde undtröstend und bringt uns Friedensbilder von apokalyptischerSchönheit. Vom Tempelberge leuchtet das Kreuz, dieBuudcslade steht als Hochaltar der Erde und vor ihmder Papst, der das hl. Opfer feiert. Eine unsagbar er-habene Feier! Das Herz voll Seligkeit kniet auchAhaSver, das Haupt gesenkt, zum Fuße des Kreuzes!Der Papst segnet die Gemeinde, und Alle erheben sich,nur nicht Ahasver, der Alte.

Sein Herz ist still, der müde Pilger schläft,

Und sel'gcr Friede ruht auf seinem Antlitz."

So schließt das Epos vom ewigen Juden. Wirhaben hier nur auf die markantesten Vorzüge des Ge-dichtes aufmerksam gemacht, dürfen aber die Feder nichtniederlegen, ohne zu erwähnen die prächtigen Naturbilder,die Seber bietet. Fast jeder Gesang wird mit einemderartigen höchst originellen Kabinetsstücke eröffnet. MitFug und Recht glauben wir der Dichtung noch vieleAuflagen prophezeien zu dürfen, denn sie ist eine vonjenen, nach welchen man immer gerne wieder greift.Die glückliche Wahl des Sujets und die tiefe, noch glück-lichere Auffassung desselben sichern dem Werke, dessenLadenpreis nur 2 Mark beträgt, für lange Zeiten mehrals einen Achtungserfolg.

Die kirchliche Union in England

hat jetzt, wo der Papst die anglikanischen Weihen neuer-dings für ungültig erklärte, nach der Seite der Ge-sammtheit selbstverständlich nicht mehr diejenigen Aus-sichten, von denen bis vor kurzem viele Anglicaner selbstnicht ungern sprachen. Diese Anglicaner haben sich ineine falsche Sicherheit gewiegt, indem sie einem über-triebenen Optimismus huldigten, und heute wollen sienicht diesem, sondern dem HI. Stuhl die Schuld an ihrerEnttäuschung aufbürden. Selbst ein Organ, wie derGuardian , der Wortführer der sogenannten Sacer-dotal-Partet, die, wie schon ihr Name besagt, einganz besonders hohes Gewicht auf dieKontinuität" deranglikanischen Weihen auch nach der Reformation legt,fällt aus der früher von ihm beobachteten sympathischenRolle und gibt mit schlecht verhehlter Bitterkeit seinenGefühlen Ausdruck. Das Blatt gibt wohl zu, daß eineehrliche Anstrengung gemacht worden sei, bessere Be-ziehungen zwischen den beiden Kirchen herzustellen; wennnun aber das Scheitern dieser Bemühungen Anlaß zuaufrichtigem Bedauern gebe, so ist das Blatt doch über-zeugt, daß man auf seiner Seite in jeder BeziehungRecht habe, dankbar dafür zu sein, daß eben diesesScheitern nicht von Angehörigen seiner Partei veranlaßtworden.Unser Gewissen ist rein, und wir können dasEndergebniß ruhigen Blutes ansehen." Dassacerdotale "Blatt bezeichnet dann die päpstliche Entscheidung als einUnrecht und gibt seiner Befriedigung darüber Ausdruck,daß die päpstliche Bulle wahrscheinlich eine vonihrenUrhebern" kaum vorausgesehene Wirkung haben werde,nämlich die, daß sie ein Band festern und aufrichtigernZusammenhaltens zwischen den einzelnen Gliedern derKirche herstelle, deren geistliche Diener die Bulle in ihremWerthe herabsetze!

Eine solche Erklärung ist eine offenkundige Un-freundlichkeit, die Proklamation des selbstgerechten Be-harrens auf sich selbst und die Umkehr von der bisherbetretenen Bahn des Entgegenkommens. Man darf aberwohl erwarten, daß diese Bahn bald wieder aufgesuchtwird, wenn der Augenblick des ersten Affects vorüber ist,denn ein so lebhaftes Herzensbedürfniß nach Einigung,wie es so lange in der Sacerdotal-Partei bestand, läßtsich nun doch nicht so einfach vergewaltigen.

Vom zielbewußten protestantischen Standpunkte ausbehandelt das Blatt Rock die päpstliche Entscheidung.Dasselbe ist mit dem Papste völlig einig in der Sache,denn es hat unentwegt daran festgehalten, daß in derReformation die Behörden derKirche Englands " über-legtester und entscheidender Weise mit Rom gebrochen,seine Lehre über Priesterthum und Episkopat verworfenund deßhalb auch nicht im entferntesten die Absicht ge-habt, bei der Weihe das 8g,L6iclotiuru zu verleihen.

Das ist selbstredend nicht die Auffassung der ChurchTimes, des Hauptkirchenblatts der anglikanischen Hoch-kirche. Dieses hält nach wie vor an der Gültigkeit deranglikanischen Weihen fest und möchte auch heute noch(nachdem doch der Papst gesprochen) behaupten, daß vielekatholische Geistliche dasselbe thäten, ein Verfahren, dassich nicht rechtfertigen läßt, aber doch auch eine gewisseerfreuliche Seite hat, indem es zeigt, welchen Werth mannach wie vor thatsächlich auf dieser Seite auf katholischesUrtheil legt. Ausdrücklich eingestehen mag man das janicht. Die Sacerdotal-Partei wird nach der ChurchTimes jetzt einsehen, daß ihr Platz pflichtmüßig in derKirche Englands sei. Die päpstliche Entscheidung werde

Alois Probst.