Ausgabe 
(28.10.1896) 45
 
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nur Schaden thun, jedoch nicht der Kirche Englands, ,sondern der Kirche Roms und der Sache der Wieder- ;Vereinigung. Und nun wendet die Church Times sichvon der katholischen Kirche ab: wie der Apostel Paulus sich von den unfreundlichen Juden zu den Heiden wandte,will sie zu den orthodoxen Russen gehen eine Drohung,an welcher mehr daS Gemüth als der Verstand Antheilhat. Denn ob man bei Pobedonoszeff in der Weihen-Angelegenheit jenes gewünschte Entgegenkommen finden,ob man überhaupt in England eine solche Annäherungpopulär machen könnte, ist sehr fraglich ganz abge-sehen von den gegenwärtigen Zeitläuften, wo England und Rußland möglichst scharfe politische Gegensätze dar-stellen und der Versuch einer Annäherung der beidenStaaiskirchen in ein gar schiefes Licht kommen müßte.

Indem daS Daily Chroniclc behauptet, die letzteund endgültige Entscheidung des Papstes gebe nicht eigent-lich die ursprüngliche Meinung Leo's XIII. wieder, sondernzeige, daß der Papst der Ansicht des englischen und irischenrömisch-katholischen Klerus sich angeschlossen, so gibt dasBlatt damit der Angelegenheit eine falsche, bedenklicheBeleuchtung. Schon früher ist von nichtkatholischerSeite gesagt worden, daß der englisch -irische Klerus inder Entscheidung einenTriumph" sehe; ebenso unrichtigund unbedacht dazu wie eS auf protestantischer Seitewohl berechnet war bringen französische katholischeBlätter eine sogenannte römische Correspondenz die-selbe ist in der Kölnischen Volkszeitung schon hie und dacharakterisirt worden, in welcher die Behauptung aus-gesprochen wird, der katholische Episkopat und die kathol-ische Meinung Englands hätt« die päpstliche Entscheidungmittiefer Begeisterung" aufgenommen. Letztere wäregax nicht am Platze gewesen und hätte, wenn sie über-haupt Thatsache gewesen, vor allem auf der soeben statt-gehabten Jahres - Versammlung der katholischen Wahr-Hetts-Gesellschaft zu Hanley hervortreten müssen.Dort aber war man von Siegesgefühl weit entfernt undbekundete nur Mitgefühl, wie es auch die unvermeidlicheLage erheischt.

Cardinal Vaughan behandelte auf genannter Ver-sammlung die Weihenfrage und die päpstliche Entscheidungund brachte letztere durch Mittheilung eines hochinter-essanten, neuen päpstlichen Documents unter einen neuen,bei den Herzenseigenschaften Leo's XIII. aber nicht ganzunerwarteten Gesichtspunkt. Der Cardinal ging aus vonvier Haupteinwürfen, die von anglikanischer Seite gegendie Aufforderung Leo's XIII. zum Wiederanschluß andie katholische Kirche geltend gemacht werden. Sie wendensich gegen die Suprematie des Papstes in der Kirche,welche die Anglicaner aus der Ausdehnung der bürger-lichen und zeitlichen Gewalt, welche die Päpste im kaiser-lichen Rom erlangten, herleiten wollen. Diese Supre-matie macht die in den Augen der Anglicaner hoch-wichtigeEntwickelungstheorie" unmöglich, die aber selbst-verständlich auf dem Offenbarungsgebiete keine Geltunghaben kann und darf, während der natürliche Fortschrittder Zeit allerdings eine naturgemäße Ausdehnung undEntwickelung der päpstlichen Suprematie in der Welt zurFolge haben mußte. Seltsam muihet an, den freiheit-lichen Jnstinct der Engländer in einen Gegensatz zu derangeblich despotischen und willkürlichen Gewalt des Papstes,wie sie die Encyklica Lutis coAuiturn darstelle, gebrachtzu sehen. Damit hängt denn auch der vierte Einwarfzusammen, daß man seine Seele keiner weltlichen Gewaltunterstellen solle, was unter dem Gesichtspunkte der Ent-

stehung der englischen Reformation eine grausame Selbst-verhöhnung in aller Form ist.

Zur Weihenfrage selbst übergehend, erinnert Car-dinal Vaughan daran,einige unserer anglikanischenFreunde" hätten gesagt, ihnen so die apostolische Nach-folge und Gültigkeit der Weihen absprechen, heiße, so-weit sie in Betracht kämen, der Einigung der Christen-heit die Thüre verschließen. Der Cardinal schreibtsolche Klage der augenblicklichen Erregung und Ent-täuschung zu und betont, daß die Weihenfrage für dieWiedervereinigung gar keine Rolle spielen könne, wie daSähnlich schon früher die Catholie Times ausgeführt hatte,indem sie die Frage als nebensächlich im Vergleich zu derAnerkennung der dem Papste in der Kirche zukommendenStellung bezeichnete.

Mit aller Einfachheit und Schärfe des Gedankenslegt Cardinal Vaughan dann den unabhängigen Angli-canern die Entscheidung nahe, ob sie jetzt noch Vertrauenin ein sakramentales System setzen können, welches vonder katholischen Kirche als nicht vorhanden bezeichnetworden, Vertrauen in die angebliche Transsubstantiation,in die Vergebung der Sünden durch die Beichte, welchein Wirklichkeit nicht existiren.

Wie die absprechende päpstliche Entscheidung ein be-sonderes Gewicht erhält durch die aller Welt bekannteväterlich freundliche Gesinnung Leo's XIII. für alleChristen, katholische und nichtkaiholische, ist schon hervor-gehoben worden. Ein neues, oben angedeutetes, päpst-liches Document gibt erneute Kunde von dieser Gesinnung.Das Schreiben Leo's XIII. an Cardinal Vaughan denn um ein solches handelt es sich faßt die angli-kanische Conversions-Frnge vom praktischen Standpunkteaus an und umgeht gleichzeitig in einfachster Weise dieGefahr des Vorwurfes von Proselytenmacherei, mit demman ja auf protestantischer Seite nicht hinter dem Bergehalten wird. Leo XIII . weist in seine« Schreiben aufdie bedrängte Lage hin, in welche zur katholischen Kircheübergetretene anglikanische Clergymen oft gerathen. Nachihrem Uebertritt gerathen sie vielfach unmittelbar in'SElend, da sie für sich und ihre oft große Familie keinerUnterhalt finden.Durch Geburt, Erziehung und Lebensweise sind sie auf solch' ungeheure Opfer nicht vorbereitetund wenn diese Entbehrungen sich noch zu dem Schmergebrochener Freundschaften und gesellschaftlicher Ausstoßunggesellen, so braucht man nicht überrascht zu sein, wenneinzelne ihren Muth schwinden fühlen." Ein Uebertrittunter solch' drohenden Umständen wird vom Papste alsein Act deS Heroismus bezeichnet, vor dem Leute mitgeringerer sittlicher Kraft zurückschrecken können bis zveinem Augenblick, wo es zu spät ist.

Um nun denen, die den ernsten Schritt gethan oderzu thun gedenken, zu Hülfe zu kommen, macht Leo XIII .den englischen Bischöfen einen Vorschlag, der sich auf dieglückliche Thatsache stützt, daß es unter den englischenKatholiken viele mit irdischen Gütern gesegnete und frei-gebige Männer und Frauen gibt; aber der Papst sagtausdrücklich:Unsere Absicht ist nicht, ihnen (den Con-vertiten) eine höhere oder auch nur gleiche Stellung wiedie aufgegebene zu verschaffen, sie würden noch Ent-behrungen auf sich zu nehmen haben." Aber wenigstenssollen die Betreffenden nach dem Wunsche des Papstesfür die ersten Jahre der dringendsten Noth enthobenfein, bis es ihnen gelingt, sich selbstständig auf anständigeWeise durchzuschlagen.

Die englischen Bischöfe sind auf diese Anregung des