Festrede Sr. Magnificenz des Herrn Professorsv?. Hermann Schell
bei seinem Rektorats» ntritt während des Fest-aktes in der Aula der neuen Universitätin Würzburg .
Ew. Excellenz hochgrbictender Herr Staatsniinister!Hohe Ehrengäste unserer Universität! Verehrte Kollegenund werthe Kommilitonen! Hohe Festversammlung l
Es ist eine weihevolle Stunde, eine für die Ent-wicklung unserer Universität bedeutungsvolle Feier, währendder ich zum Antritt des Rektorats berufen bin, und tiefdurchdrungen von diesem Bewußtsein, fühle ich es alsdie erste strenge Pflicht meines AmteS, dessen Würdeund Bürde mir mein Vorgänger soeben übergeben hat,hochverehrte Festversammlung, im Namen unserer ge-summten Universität feierlich zu bekunden, welche Auf-gabe sie in dem neuen stolzen Bau zu erfüllen hat undgedenkt, den uns die Arbeit der seitherigen Jahre aufGrund der wohlwollenden Fürsorge von Regierung undLand als neue Heimath der freien Wissenschaft eröffnethat. ES gilt nunmehr, darin ein geistiges Ideal zu ver-wirklichen, einen geistigen Dom aufzuführen, der nichtbloß der stolzen Hochburg würdig ist, sondern der imvollen Sinne dem Namen Universität, einer deutschenUniversität, Ehre macht und in fortschreitende« Maßedem gerecht wird, was der Fortschritt der Cultur voneiner Universität erwartet und verlangt.
Nicht, als ob es unserer Lima. runter seither anberechtigtem Ruh« und Erfolge gefehlt hätte. Sind javon ihr gerade in den letzten Jahrzehnten die bahn-brechenden Anregungen zu neuen wissenschaftlichen Me-thoden auf mehreren Gebieten ausgegangen. Allein, wasnicht fortschreitet, geht zurück, und was sich besonders beiso tiefgreifenden Umgestaltungen nicht der Pflicht desFortschrittes bewußt ist, insbesondere auf geistigem Ge-biete, sinkt schon hiedurch von jener geistigen Höhe herab,auf der man sich nur durch ununterbrochenes Aufwärts-streben erhalten kann.
Daß nun gerade ein Theologe dazu berufen ist,diesem Gedanken in so feierlicher Stunde gebührend ge-'recht zu werden, mag wohl mit dem geschichtlichen Ur-sprung und der Vergangenheit unserer Lima flulia glücklichübereinstimmen, vielleicht aber beim Ausblick auf die Fort-entwicklung unserer Universität für die Zukunft Bedenkenerregen.
Wie unsere Universität darüber denkt, hat sie be-reits durch das ehrenvolle Vertrauen beantwortet, mitdem sie mich, eiuen Theologen, an diese Stelle berief.Allein in weiten Kreisen erscheint die Theologie wesentlichanders geartet, wenn sie in ihren Voraussetzungen undihrem Wissenschaftsbetrieb mit andern Fakultäten ver-glichen wird. Sie scheint vielfach behindert zu sein, demIdeal der Voraussetzungslosen Wissenschaft und der un-beschränkten akademischen Freiheit des ForschenS undLchrens gerecht zu werden.
Und doch glaube ich sagen zn dürfen, es sei dasnur scheinbar, und der Schein entsteht vielfach nur dannund deßhalb, wenn und weil man sich nicht in der Lagebefindet, von seinem Standpunkt aus mit dem Ergebnißder theologischen Wissenschaft übereinzustimmen, aber auchdeßhalb, weil «an wichtige Begleiterscheinungen der Theo-
logie im Verdacht hat, unter Umständen als Ersatz fürden wissenschaftlichen Betrieb selber einzutreten.
Auch die Theologie kennt nur eine Gebundenheit,
— die Gebundenheit an die Thatsachen; auch derTheologe kennt nur ein Kriterium des Thatsächlichen:daß sich die Sache eben mit der Vernunft und denGrundgesetzen aller Erfahrung sowie allen Denkens inUebereinstimmung befinde. Auch die Theologie kennt nureine Schranke für die wissenschaftliche Freiheit, nämlichdie Wahrheit, die man bereits als solche erkannt hat,und sie erkennt fernerhin als Wahrheit nur das au, wassich in der Thatsächlichkeit nachweisen läßt, und im tiefstenund höchsten Sinne nur das, was sich zum hinreichen-den Erklärungsgrund der Wirklichkeit und zur Ueber-windung aller Unvollkosrmenheiten und klaffenden Wider-sprüche eignet.
Das ist allerdings zuzugeben, daß eS Thatsachen gibt, welche leichter verkannt werden können als andere
— insbesondere leichter als die der sinnlichen Ordnung
— allein das menschliche Denken hat zu allen Zeitenund bei allen Culturvölkern gezeigt, daß es vermögeseiner Freiheit sogar die Realität der Außenwelt be-zweifeln, wenn nicht gar läugnen kann. Doch daS isteine Folge der persönlichen Freiheit des Denkens:unmöglich kann ein solcher Gebrauch zum Grundgesetz undEndzweck der wissenschaftlichen Denkfreiheit gemacht werdenwollen!
Das Thatsächliche ist der Gegenstand wissenschaft-licher Erforschung und Erklärung; die Gesammtheitder Thatsachen sind der Gegenstand der IlnivarsitaslitsraiuM. Wer wollte indeß bestreiten, daß unter derMenge von Thatsachen die große und weltgeschichtlicheThatsache der Religion und des Christenthums eine ganzhervorragende Stelle einnimmt, sowie die Gedankenwelt,welche dcmit gemeint ist? eine ganze Gedankenwelt vonIdealen, Gesetzen, Beweggründen, Zielen? Wer möchtebestreiten, daß diese weltgeschichtliche Thatsache und Ge-dankenwelt nicht übersehen werden darf, wenn es sich umden wissenschaftlichen Versuch handelt, eine hinreichendeErklärung für die Welt zu finden, sowie jene Quellevon geistigen Kräften zn entdecken, von der eine allge-meine und wirkliche Vervollkommnung aller menschlichenVerhältnisse zu erwarten ist?
Ich «eine hiebet nicht etwa Thatsachen, die wohlals Massen, sogar als riesige Massen einen Leichnamfrüheren geistigen Lebens darstellen, sondern nur wahr-hafte Thatsachen, die sich als treibende, gestaltende, be-fruchtende und belebende Kräfte noch heute erweisen!Ich darf wohl daran erinnern, daß es noch Niemandemgelungen ist, für das strenge Denken und Wollen einenErsatz für dasjenige zu nennen oder zu bieten, was derGlaube an Gott und Ewigkeit für das sittliche undsociale Leben unmittelbar für die Gläubigen, wie mittel-bar für die freidenkerischen Kreise leistet! Auch denGedanken wird wohl Niemand ernst nehmen, man könnejemals die Religion als archäologischen Gegenstand desWissens behandeln oder als eine pathologisch nothwendigeCulturfor« — aber ohne Anspruch auf eigentliche Ueber-zeugung und unbedingt heilige Geliungl
Das Culturleven ist ebenso wie die Wclicutwicklungvoll von Spannungen, voll von Problemen, roll von Gegen-sätzen, und Zwar meines EcachtrnS zum Vortheil seiruegeistigen Fruchtbarkeit und seines geistigen Reichthums —,