damit wenigstens im Ganzen jenes Ideal der Mseitigkeiterreicht werde, die für den Einzelnen nur in seltenenFällen ohne Beeinträchtigung der charaktervollen Schärfeund Tiefe erreichbar zu sein scheint. Wenn nun dieUniversität ein Inbegriff und eine hohe Schule des geistigenLebens ist, wie sie ein Brennpunkt und Länterungsherdaller geistigen Bestrebungen sein soll, dann muß sie auchorganisch alle treibenden Geistesmächte in sich zusammen-schließen, welche das öffentliche Leben bewegen und be-fruchten. Wenigstens alle jene, welche die Menschheitüber das Gemeine erheben und zur Vervollkommnungvorwärtsdräugen!
Was demnach ein Mangel, ein Anachronismus schien— im Vergleich zu den romanischen Ländern — das er-weist sich bei schärferer Betrachtung als ein wirklicherVorzug der deutschen Universitäten. Es ist nicht bloßein historisches Band, das die theologische Fakultät demOrganismus unserer Universität eingliedert, es ist nichtbloß die Nachwirkung der geschichtlichen Vergangenheit,die mit mehr oder weniger pietätvoller Rücksicht betrachtetund weiter geduldet werden kann: es ist vielmehr eineinnere Nothwendigkeit und ein innerlicher Vorzug derdeutschen Universitäten!
Dieser Standpunkt ist es, hohe Festverfammlung, deres mir unter voller Wahrung meines theologischen Cha-rakters erlaubt, ja, der mich dazu drängt, im Namenunserer gesammten Universität den Wunsch und die Hoff-nung auszusprechen, es möge in dem neuen Universitäts-gebünde das hohe Ideal einer deutschen Universität zurglänzenden Verwirklichung gelangen, ein wirkliches Ge-sammtbild aller edlen geistigen Bestrebungen und Gedanken-richtungen zu sein, welche als treibende Mächte im Cultur -leben der Menschheit wirken: eine wahre Vniversitaoalles dessen, was ein inneres Wahrheitsrecht und darumein Recht auf Würdigung, die Kraft zu segensreicherBefruchtung, zum Fortschritt und zur Vervollkommnungder Menschheit in sich birgt.
Es obliegt «ir ferner, hochverehrte Versammlung,im Namen der Universität auszusprechen, wie wir denDank für die neue Heimath in der Zukunft bethätigenund dem Vaterlande abstatten werden. Ich thue diesnatürlich nicht bloß im Namen der unmittelbar in diesemBan zur Lehrtätigkeit Berufenen, sondern auch i« Namender medizinischen und naturwissenschaftlichen Institute,welche ja als Glieder der einen ^Irna runter ebenso indem Hanptuniversitätsgebäude ihre Heimath haben; ichthue es, indem ich mir wohl bewußt bin der großen Ver-schiedenheiten, welche obwalten und vielfach sogar trennendwirken; ich thue es eben vor allem im Hinblick auf das,was uns alle trotzdem einigt: es ist die thatkräftige Be-geisterung für die Wahrheit, es ist die gemetns««e Hin-gabe und Weihe für die Wahrheit! Und das ist es auch,was das Vaterland von uns erwartet. Veritnti: derWahrheit ist der Bau geweiht als der Wahrheit hoheSchule: der Wahrheit weihen auch wir uns von Neuem,der Wahrheit, die wir forschend suchen und lehrend ver-breiten! Es ist das Beste, was wir dem Vaterlandebieten können, es ist das Nothwendigste, dessen das Vater-land bedarf. Was das Streben nach Wahrheit anSpannungen und Gegensätzen hervorruft, das wird esam besten auch wieder überwinden!
Veritati! Wahrheit ist ja das Höchste, dem sich derGeist weihen kann: selbst das höchste akademische Ideal,die Freiheit des Forschens, Lehrens und Lernens, hat ihrenHrund nur darin, daß sie den Weg zeigt, der auf die
Weise zur Wahrheit führt, wie eS des Geistes und derWahrheit würdig ist! Gerade dieses höchste akademischeIdeal fühlt sich selbst als freies Recht deL Forschens in-nerlich gebunden durch die Wahrheit, von. der sich der Geistbereits überzeugt hat, wie sie sich als Freiheit des Lehrensselbst bindet durch die Pflicht der Gerechtigkeit, der ge-wissenhaftesten Rücksichtnahme auf das, was ein Gut istvon unbedingte« Werth und von unersetzlicher Bedeutung.Wahr kann ja im höchsten Sinne nur sein, was Leben,Fortschritt und Vervollkommnung verbürgt, was über dieGemeinheit und über die Gefahr geistiger Verknöcherungerhebt!
Indem unsere Universität die Weihe für die Wahr-heit in leuchtender Inschrift auf die Stirne der geistigenHochburg geschrieben, hat sie zugleich pietätvoll den Ge-danken des hohen Stifters und den Zusammenhang mitder alten Universität gewahrt wie es das ernste Wort desFürstbischofs Julius fordert: nNostras Acnäewiae . . .tswxlum üoo anueetiwrw, ut es. nd invieem sexararinullt peuitus lieent. 'Wir verbinden dieses Gotteshausdermaßen «it unserer Akademie, daß es durchaus Nie-mandem gestattet ist, beide von einander zu trennen? L9.Sept. 1591." Beide Universitätsgebäude werden innigstund unzerreißbar verbunden bleiben!
Dort erhebt sich ja der hehre alte Bau, der das Herzdes hohe» Stifters birgt, der hehre Bau, in dem sich durchsinnbildliche Architektur der Goitesgedanke und Christus-glaube verkörpert, jener Gedanke, in dem sich das ver-nünftige Denken auf wissenschaftlichem Wege am höchstenerhebt, jener Gedanke, der als Grund- und Eckstein fürjede geschlossene Wclterklärung unentbehrlich ist, — aberauch ebenso unersetzlich für den Bestand der sittlichenOrdnung, wenigstens bei rücksichtslos folgestrcngem Denken,die keinen Anlaß hat, sich selbst den Folgerungen aus denangenommenen Grundsätzen gewaltsam zu verschließen!
Dort bleibt die kgl. Universitätsbibliothek, diese Ute-rarlsche Fundgrube des gelehrten Schaffens, diese unent-behrliche Quelle jeglichen Wisserischastsbetriebs, die Sam-melstclle alles dessen, was die aufeinanderfolgenden Ge'neratianen für Wahrheit und Wissenschaft leisten!
Dort bleiben, ihren Reichthum erst jetzt ungehemmtentfaltend, die kunstgeschichtlichen Sammlungen der Uni-versität, jene hohe Schule des Schönen, welche für diehohe Schule des Wahren und Guten durch den stillen,aber gewaltigen Einfluß des Bildes auch immer vonhöchster Bedeutung war und fürderhin auch an unsererMater zur weihevollen Verklärung wirken wird,waS die nüchterne Arbeit erzielt hat.
Wie in dc« alten, so soll sich auch im neuen Uni-versitätsgebäude eine hohe Schule der Wahrheit erheben,eine hohe Schule reichster Gedankenfülle, aber noch mehr,eine hohe Schule des selbstsrändigen Denkens! Eine hoheSchule, die dem unerschöpflichen Worte der Wahr-heit geweiht ist, daß es zum immerfort wachsenden Gcistcs-besitz der Jugend werde, daß nichts von dem Erbe dervergangenen Geistesarbeit verloren gehe — eine hoheSchule, dem Geiste der Wahrheit geweiht, damitauch nichts vo« Ueberlicfertcn je erstarre, noch Zur Fesselund Schranke, -um Hemmniß des Fortschritts «erde,sondern verbunden mit dem Nenerworbenen lebendig wirke,leitend und läuternd eingreife in »ie Aufgaben der Zeit,in die gewaltigen und großen Spsnnungen, unter denensich die Fortentwicklung zuw Besseren vollzieht!
In reichen Strömen fluihe das lebendige Wort undder lebendige Geist der Wahrheit aus dem Baue heraus,