Ausgabe 
(7.11.1896) 46
 
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der durch seine Inschrift zu einer Hochburg der Wahrheitgeweiht ist und durch seine reichen Segnungen dem ge-summten Vaterland beweisen Möge, daß drinnen wirklicheine hohe Schule der Wahrheit walte, eine hohe Schuledes kühnen, freien, rastlos vorwärts nnd aufwärt) streben-den Gedankens, der indeß in all' seiner Freiheit gewissen -haft auf all' daZ achtet, was Wahrheit ist und enthält!Das walte Gott !

Wahrheit das ist der Dank, den wir de« Vater-land für die stolzen Bauten bieten, die eS der Wissen-schaft gebaut hat; es ist ein kraswrller und segensreicherDank: denn allen Fortschrittes Bahnbrecher ist der Ge-danke!

Zu« feierlichen Ausdruck des Dankes, «it de«wir von der neuen Heimat!) Besitz ergreifen, bin ich zu-nächst im Namen der gesammten Universität verpflichtet des Lehrkörpers »ie der Studentenschaft aber ichdarf, ja ich muß auch die gesammte h»he Frstversa««lnngeinladen, sich zum gemeinsamen Ausdruck des Dankes «ituns zu vereinen deL Dankes an Herrscher und Volk,«n StaatSregierung und Landtag. Dieser Dank sei in-ie tiefempfundenen Worte zusammengefaßt:

Gott segne Bayern und das gesasmte deutsche Vater-land! Gott segne sie insbesondere durch die Wahrheit undWissenschaft, welche die Frucht der geistigen Arbeit in demneuen UniversitätSgebüude sein werden! Gott segne unserengeliebten Prinzregenten und dar gesammte kgl. HauSWittelsbach ! Seine kgl. Hrheit Prinzrezent Luiipold, derKönigreichs Bayern Verweser, der erhabene und wohl-wollende Schutzherr unserer Universität, er lebe hoch,hoch, hoch!

Wie Klassiker begraben werden.

(Weitere Beiträge zur Frennaurerfrage.)

Es dürfte eine bekannte Thatsache sein, daßdie Mehrzahl unserer großen Dichter der Loge angehörte.Man hört dann auch oft die Ansicht aussprcchen, daß siediesem Umstände einen guten Theil ihres Nimbusverdanken sollen. In welcher Weise unsere klassischenHeroen den Bestrebungen der Drei-Puukte-Brüder gedient,das ausgesprochen zu haben ist das Verdienst der Logen-männer selbst. Greifen wir zwei charakteristische Bei-spiele heraus.

In der Nacht vsm 10. auf den 11. Januar 1813wurde Wieland von einem Schlaganfnlle getroffen.Zehn Tage darnach starb er. Da er 1808 mit Goethewieder in die neu errichtete LogeAnna Amalia " inWeimar getreten war, übernahmen dieBrüder" dieSorge für die Leichenfeier, die sehr glänzend ausfiel.Bertuch , der 1808 «it 9 gegen 3 Stimmen, die aufGoethe fielen,Meister vom Stuhl" geworden war, ließden mittleren Theil deS Landesindustrie-Comptoirs mitarchitektonischen Verzierungen schmücken. Da wurde a«Abende des 24. die Leiche ausgestellt, das Haupt miteinem Lorbcerkranz geschmückt und der Körper in weißesTuch gewickelt. Auf dem Sarge prangten neben de«französischen und russischen OrdenOberon" undMn-sarion" in feinem Einbande, ebenfalls mit Lorbeer um-wunden. Am andern Tage wurde die Leiche nach OS-mannstädt gebracht und neben seiner Frau und feinerFreundin Laroche begrab?». Sechzehn Maurerbrüderwechselten im Tragen des Sarges. Die andern Mit-glieder folgten dem Trauerzuge, welchen charakteristischgenug! der französische Gesandte mit Wieland'sältestem Sohne eröffnete. Am 13. Februar wurde dann

in der Loge eine Trauerfeier gehalten.Es durfte»nur Frauen von MagonS", schreibt Schillers Gattin,noch dazu nur von hiesigen dabei sein. Ich, als diebeste Freundin Wiclands, hätte wohl tiefer gefühlt, wasda vorging, als manche Dame, die entweder nur dawar, um da zu sein» oder in leere Acclamation anszu-brechen." In seiner Trauerrede entfaltete BruderGoethe einen ebenso feingezeichneten als schmeichlerischenLebrnSabriß des Verstorbenen.

Nur »eisige Monate sind es", so heißt es darin,als die verbundenen Brüder ihre geheimnißvolleSphinx für ihn «it Rosen bekränzten, um auszudrücken,daß, »e«n Anakreon , der Greis, seine erhöhte Sinnlich-keit mit leichten Nosenzweizen zu schmücken unternahm,die sittliche Sinnlichkeit, die gemäßigte, gc.streicheLebensfreude unseres Edlen einen reichen, gedrängt ge-wundenen Kranz verdiene. Schon als Jüngling mit dem-jenigen bekannt, «aS uns von den Mysterien derAlten überliefert worden, floh er zwar nach seinerheitern, klaren Sinnesart jene trüben Geheimnisse, aberverläugnete sie nicht, daß gerade unter diesen, vielleichtseltsamen Hüllen zuerst unter die rohen und sinnlichenMenschen höhere Begriffe eingeführt, durch ahnungs-volle Symbole mächtige, leuchtende Ideen geweckt,der Glaube an einen über Alles waltenden Gott einge-leitet, die Tugend wünschenswerther dargestellt unddie Hoffnung auf die Fortdauer unseres Daseins sowohlvon falschen Schrecknissen eines trüben Aberglaubens, alsvon den ebenso falschen Forderungen einer lebenslustigenSinnlichkeit gereinigt worden. Ja, wenn dieser altgc-gründete und nach manchem Zeitwcchsel oft wiederherge-stellte Bund eines Zeugnisses bedürfte, so würde hierdas vollkommenste bereit sein, indem ein taleutreichrrMann, verständig, vorsichtig, umsichtig, erfahren, wohl-denkend und mäßig, bei uns Seinesgleichen zufinden glaubte, sich bei uns in einer Gesellschaft fühlte,die er, der besten gewohnt, als Vollendung seiner mensch-lichen und geselligen Wünsche so gern anerkannte."

So predigt der alte Heide Goethe vor den Brüdernund Schwestern von Gott und Unsterblichkeit, Ideen undTugend, griechischen Mysterien und sittlicher Sinnlichkeit,Anakreon und Rosen, als ob es nie ein Christen-thum gegeben, als ob die religiöse und sittlicheBildung Europa's nicht von der Lehre Jesu, sondernvon den alten Orakeln herrührte, nnd das ist nochdas Schönste! als ob Wieland, der Nach-schreiber antiker und französischer Porno-graphen, der Verderber deutscher Sitte, infeinen Schriften weitaus der unzüchtigste derdeutschenKlassiker", ein unvergänglicherLehrer wahrer Weisheit und echter Tugendgewesen wäre!

Die Bestattung Goethe's erfolgte am 26. März1832, unter allgemeiner Theilnahme und Trauer desHofes, der Dichter, des Landes und der zahlreichen Ver-ehrer, welche der Dichter allüberall besaß. Besonders wares die Loge, welche sich den Ruhm eines so bedeutendenMitglieder sehr angelegen sein ließ. Daß Goethe's Zu-gehörigkeit zum Bunde bedeutende Lücken auswies unddaß er die Brüder zeitweilig fürSchelme undNarren" ansah, das schien vergessen zu sein. Mandachte nur der Lieder, welche er seit 1808 dem edlenBunde gewidmet, deren eins auch bei seiner Beerdigunggesungen wurde, insbesondere der salbungsvollen Reden,worin er die HeimgegangenenBrüder" gefeiert, und der