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Klugheit, mit der er so oft nach Umtrieben und Zwistig-keitcn die etwas aus den Fugen gekommene Gesellschaftwieder hatte zusammenleimen helfen. Nach dem Vorbildder Todtenfeier, welche 1813 für Wieland gehalten wordenwar, wurde am 9. November 1832 eine ähnliche Trauer-versammlung zu Ehren Goethe's veranstaltet. DieGcdächtnißrede hielt der Kanzler Friedrich von Müller .
Es finden sich darin schon alle jene Ideen, welche denheutigen Goethecult beherrschen.
„Ja fürwahr", sagt Müller, „die Feier des An-denkens an ein solches Leben verträgt sich nicht mit denhergebrachten Zeichen und Symbolen äußerer Trauer —sie muß zum höchsten Gefühl menschlicher Würde,sie muß zum frommen Danke gegen den ewigen Bau-meister der Welten aufrufen, der solch eine segens-volle Erscheinung uns gegönnt, solch ein Leben bis zumspätesten Erdenzicl uns bewahrt, geschützt, gesegnet hat.
Es scheine, daß in ihm, dem Einzelnen, die Natur denganzen Kreislauf menschlichen Strebens und menschlicherBestimmung habe abspiegeln, in ihm, in seinem Indi-viduum, den Grundcharakter allgemeiner Mensch-heit, so in Tugenden wie in unvermeidlichen Schwächen,habe aufstellen wollen. Hat doch sein großer Geist immerins Heitere gestrebt, dem Unvermeidlichen stets mit wür-diger Ergebung sich gefügt und beharrlich alles abgelehnt,was frischer Lebenswirkung und heiterer PflichtübungHemmniß drohte. Denn ihm war das Leben ernste Kunst-aufgabe, und es aufs edelste vielseitig zu ergreifen undzu gestalten, innere Naturnothwendigkeit. Denn mitjedem zunehmenden Lebensjahre bestätigte sich ihm mehrUnd mehr jenes schöne, einst von ihm ausgesprocheneWort: daß die Menschheit zusammen erst der wahreMensch ist, und daß der Einzelne nur froh und glücklichsein kann, wenn er den Muth hat, sich im Ganzen zufühlen. Und kann wohl der tiefste Sinn des Maurer-bundes jemals klarer aufgefaßt, würdiger ausgedrücktwerden, als es Goethe in diesen wenigen Worten ge-than? U. s. w."
Wir sehen, Goethe wurde hier nicht, wie er es ver-diente, als ein großer Dichter, sondern als ein uni-verseller Charakter, als ein Jdealmensch hingestellt. SeinLeben wird als ein von der Nachwelt unkritisirbarer,weil einfach nothwendiger Naturprozeß hingestellt, seineepikureischen Maximen als das Menschhcitsideal derFreimaurer bezeichnet.
„So! die Menschheit fort zu ehren.
Lasset, freudig überciii,
Als wenn wir beisammen waren,
Kräftig uns zusammen sein!"
Das sind wohl nicht die schönsten Verse, die Goethegedichtet hat; aber das „Zusammensein", von dem derDichter spricht, hat zu seinem Weltruhme mehr beige-tragen, als „Jphtgenie" und „Lasso". Durch die Logehat sich die dem Dichter zukommende Anerkennung in eineArt von religiösem Cult verwandelt. Sie hat den Altenvon Weimar Zum Jdealmenschen erhoben, und wer nichtdamit übereinstimmt, der kann sicher sein, als Dummkopfund Finsterling die Aufklärung des ganzen 19. Jahr-hunderts an den Hals zu bekommen!
Der Einfluß des christlichen Elternhauses aufSchiller .
«l. 6. Ueber den „Lieblingsdichter der deutschenNation", Friedrich Schiller , sind schon Bibliothekengeschrieben werden; wer aber hat schon etwas darüber
vernommen, woher es kommt, daß dieser Dichterfürst,namentlich in seiner späteren Scho.ffenSprrisde, der wirgerade seine herrlichsten Schöpfungen verdanken, so wahreund so wohlthuende Klänge über das Christenthum,ja sogar den Katholizismus, anzuschlagen versteht? Sollteer diese „Converfion" seiner Beschäftizung mit der Ge-schichte, oder etwa der Philosophie, oder gar seine« Um-gänge mit Goethe verdanken? Nichts weniger, alseines von diesen dreien. Nein, wir «achen hier wiedereine alte Erfahrung: Wo das Leben t« Eltern Hauseauf solidem, well christlichem Fundamente ruht, da gehtdies auch bei den Kindern selten ganz verloren; mag eSauch zeitweilig scheinbar geschwunden sein, von Zeit zuZeit verschafft es sich doch wieder Geltung.
Und so war es auch bei Friedrich Schiller .Dessen Eltern waren tief religiös gesinnt; in ihre« Hansewehte ein ächt christlicher Geist. Alfred Freiherr vonWolzogen, ein Verwandter des Dichters, hat vor Jahrenüber das Leben Schiller's im Elternhausc hochinteressanteAktenstücke veröffentlicht, von denen zu wünschen märe,daß, unter Weglassung oft so unbedeutender Bagatell-sachen, das eine oder andere Aufnahme in unsere Literatur-geschichtZbücher finden möge. Was für vortreffliche Leutewaren doch Schillers Eltern! Arm und oft mitNoth ringend, doch immer voll des festestenVertrauens aus Gott und seine Vorsehung.Was für eine herrliche, wahrhaft tugendhafte Frau mußseine Mutter gewesen sein!
Das Wolzogen 'sche Buch enthält unter Anderemmehrere Gebete zur Hausandacht, verfaßt vo«r VaterSchiller's. Vernehmen wir beispielsweise Folgendes:„Nun Herr, mein Gott, ewiger Dank und Anbetung seienDir von mir gebracht für alle Deine Gnade und Güte,für mein Dasein und Leben, für meine Gesundheit, fürmeine unversehrten Sinne und Glieder, für die mir er-schaffene Vernunft, für meinen guten N«hning,rstand, fürden Vorzug, dessen Du mich vor vielen Anderen zenießenlassest, für meine häusliche Verbindung, für den Rathund Beistand meiner Freunde, für den inneren Trostmeiner Seele auf Deine fernere Gnade, für die Züchtig-ungen, die mein Bestes befördern, für alle Freuden meinesLebens, für die Festigkeit meines Glaubens an Dich undDeinen hochgelobten Sohn Christum und für die Hoffnung einer ewigen Glückseligkeit meiner unsterblicherSeele. Von Dir, o Gott, habe ich Aller, von Dir hoff»ich Alles, waS zu meiner Seligkeit nothwendig ist, undauf Dich und Deine Gnade um Christi Willen baue ichim Leben, im Leiden und in meinem Sterben. A«en."
Ein anderes Stück:
„Herr Jesu, mein Heiland und Fürsprecher! zu Dirflehe ich, verstoße mich nicht. Durch Dich suche ich einenZugang zum Vater, denn Du bist der Mittler zwischenGott und dem Menschen. An Dich glaube ich, aus DeinVerdienst traue ich und bin gewiß, daß «ein Gebet umDeinetwillen gehört werde usw."
So haben alle Gebete des alten Schiller das posi-tive Christenthum zum Ausgang und zur Grundlage. —Aber auch die Briefe an seinen Sohn sind von religiösemGeiste durchweht. So schreibt er demselben a« 30. März1785 im Anschluß an „Don Carlos ":
„ ... Ich bezeuge Ihm (Djrt), daß sowohl diesesneue Stück Seiner Beschäftigung, als auch die über-schriebenen guten Aussichten uns eine herzliche Freudemachen, und daß Seine religiösen Ansichten a« Endedes heutigen Briefes mich und Seine Mutter zn Thränen