tt,'. 48.
L5. UM. 1896.
Henrik Ibsen, Gerhnrt Hauptninnn, HermannSudermann
im Zusammenhalte mit der „modernen"Poesie und Ethik?)
(Vortrag, gehalten im katholischen Kasino zu München .)
„Was kann des Menschen Dasein überdauern?
Was bleibt für ein Gewinn von Schmerz und Lust?Was ist das Ziel so schnell entfloh'nen Lebens?
Ich sinne auf die Antwort, doch vergebens.
Da hör' ich neben mir die gleiche Stimme,
Die mabncnv oft dem düstern Freund erklang:
Der du gewobnt zu abnen nur das Schlimme,Erwacht zur Klage dir der riefe Hang?
Entwöhne dich dem alten UngestümeUnd bilde auS in dir den stillern Drang:
Erbebe deinen Blick aus diesen Gründen,
Zufrieden fern, waS nah du iucbst, zu finden."
Martin Greif (Gef. Werke I, 330).
— 2 . Die Wanderung durch die Poesie eines Zeit-eiters hat Ähnlichkeit mit einer Reise. Aus der buntenMenge von Eindrücken unv Bildern, die uns auf einerReise begegnen, scheidet eines nach dem andern aus, ver-blaßt, verlischt und ist entschwunden sofort, oder amselben Abend bereits, wenn man im Gasthaus abgestiegenist, oder in den nächsten Tagen und Wochen. Und wennman sich wieder einmal bei Gelegenheit die Bcgegnissevor Augen stellen will, so sind es nur ein paar land-schaftliche Ausblicke, nur ein paar Stimmungen, nur einpaar Gesichter, die wieder lebendig werden, obgleich sieehedem nicht mehrwcrthiger erschienen waren als alleübrigen. Aber eben diese zwei und drei, welche mit derganzen Zähigkeit des eigenartig Organischen in uns fort-gelebt haben, sie sind eben das Wesentliche dem Neben-sächlichen gegenüber, in ihnen ist mitten in all demschillernden, todten Eindruckskram die unterscheidendeEigenart von Land und Leuten vor unsere Seele hin-getreten. Also öedeuten Ibsen, Hauptmann undSudermann das Dauernde im Wechsel des „mo-dernen" Sturmes und Dranges, sie treten in den Vorder-grund. Ihre Poesie zeigt in markanten Zügen das hippo-kratische Gesicht unserer Zeit, das nothverdüsterte, hoffnuugs-beraubte. Ihr düsteres müdes Auge weiß uns nichts zusagen von dem Trost, welchen die Muse dem ächtenDichter verheißt:
„Erbebe deinen Blick aus diesen Gründen,
Zufrieden fern, was nah du suchst, zu finden!"
') ES liegen im besonderen folgende monographische Ab-handlungen zu Grunde: H. Bahr „Studien z. Kritik der Mo-dernen" (Frankfurt 1894); A. Bartels „Die Alten und dieJungen" (Grenzboten 1896 Nr. 31—36); L. Berg „DerNaturalismus" (Müncben 1892); K Bleibtreu „Revolutionder Literatur" 1886; Lady Blenncrhassct „Die Ethik desmodernen Romans" (Cosmopolis, vol. III, Nr. 7, 1896Juli); G. Brandes „Moderne Geister" (Franks. 1882) und„Menschen und Werke" (Franks. 1894^; C. Didio „Die mo-derne Moral" (Straßburgcr Theo!. «L-lud. II, 3. — Frcibnrg1896); C. Flaischlen „Zur mod. Dichtung" (Pan H.4); F.G. Holly „Der deutsch -iranzös. Krieg im Lichte vaterl. Poesie"(Frankfurter Broschür. 1696 Bd. 17, H. 3); A. Kerr „Sudcr-mann" (Neue deutsche Rundschau 1896 Bd. 7, H. 6);K. Krumbacher „Psichari als Novellist" (Beil. zur Allg.Z t g. 1894, Nr. 67, 70); B. Litzmann „Das deutsche Dramai. d. literar. Bewegung der Gegenwart" (Hamburg 1894); I.Sadgcr „RosmerSbolm" und „Gerb. Hauptmann" (Beil. z.Allg. Ztg. 1894 Nr. 142, 143, 162); S. Schult,e „DerZeitgeist d. modern. Literat. Europas " (Halle 1895); W. Wei-gernd „Essays" (München 1692).
Als im Frühjahr vor 25 Jahren die Glocken denFrieden einläuteten und nach blutiger Saatzeit die Garbender politischen Großthaten gebunden wurden, da durfteman wohl auch nach jener Ernte ausblicken, welche inder Gluth der Entscheidungstage gereift war auf oerFlur der deutschen Dichtung. Es erschien gewiß nichtüberspannt, sich einen Schah zu erwarten, unvergänglich,wie ihn schon einmal eine große Zeit in den LiedernKörners, Arndts und Schenkendorfs uns bescheert hatte.Allein wer diesmal Umschau hielt nach solchen Liedern,welche im Augenblick durch eine glückliche Fassung Wider«hall erweckt weithin im Volke, der blieb enttäuscht. „DieWacht am Rhein ", das Sturmlied 1870, stammte ausdem Jahre 1840; die reiche Stufenleiter des allgemeinenNationalempfinvens von der grollenden Entrüstung überden freveln Friedensbruch bis zum dithyrambischenSchwung der Siegesbegeisterung, sie war in des VolkesSinn und in des Volkes Mund einzig in 2 Liedernübergegangen. Und diese Lieder hießen: „König Wilhelmsaß ganz heiter" von Wollrad Kreusler und das „Kutschke-lied" des mecklenburgischen Pfarrers Pistorius. Dabeihatte es auch in der Folgezeit im großen und ganzensein Bewenden. Culturkampf, Gründer- und Schwindler-zeit, politischer Hader und staatliche Noth betäubten diefeineren Triebe deS Gemüthes, Literatur und Leben ent-fremdeten sich. Die Dichtung blieb eine häusliche An-gelegenheit für müßige Stunden. Der Bildungsphilisterbetrachtete die Literatur nur, wenn er für Weib und Kinddas obligate Weihnachtsbuch kaufen mußte; er griff dar-nach, um in der Langeweile des Etsenbahncoupss dieZeit todtzuschlagen oder um sich angenehm einzulullen insein übliches Mittagsschläfchen.
„Büchcr schreiben ist leicht, es verlangt nur Feder und TinteUnv das geduld'ge Papier, Bücher zu drucken ist schonSchwerer, weil oft das Genie sich erfreut unleslicher Handschrift.Bücher zu lesen ist noch schwerer von wegen oeS Schlafs.
Aber das schwierigste Werk, das ein sterblicher Mann bei den
Deutschen
Auszuführen vermag, ist: zu verkaufen ein Bucht"
So höhnte nicht mit Unrecht Felix Dahn .
Die Literatur der Gründerzeit war die Bourgeois-poesie, der Feuilletonismus. „Er leitet sich ausdem Paris des zweiten Kaiserreiches her und behielt diefranzösischen Literatur- und Preßzustände immer alsIdeal vor Augen; sein Sitz wurden unsere Großstädte,vor allem Berlin , von wo aus man dann durch raffinirteAusbeutung der Macht der Presse auch die „Provinz"— der Begriff kam ebenfalls aus Frankreich — eroberte;seine Hauptvertreter waren Juden und Judengcossen.Sowohl die Erhebung Berlins zur literarischen Haupt-stadt als auch die herrschende Stellung, die das Juden-thum in der Presse erlangte und in der Literatur mitallen Mitteln zu erlangen strebte, stammen aus dieserZeit und sind in ihren bösen Folgen nie wieder über-wunden worden. Nur einige wenige Juden der älterenGeneration haben sich bei dem „Geschäft" nicht betheiligtund sich die Achtung des deutschen Volkes bewahrt."^)
Als Typus der führenden Geister der Art hat PaulLindau zu gelten, den die damalige „Gartenlaube" als„den Mann der Gegenwart" feierte; neben ihn traten dieandern Juden: Oskar Blumenthal , H. Lubliner,Ludwig Fulda und im Operettenfache Jacques Offen-
*) Bartels a. a. O. 365