Ausgabe 
(15.11.1896) 48
 
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b a ch. Dar diesem kritisch und semitisch witzelnden Fcuille-tonismuS dem wirklichen Feuilleton oder dem aus ihmherauSgcwachsenen Roman und Drama flüchtete dieernste Dichtkunst in die Vergangenheit: ev kam die Aerader Proscssorenromane, der archäologischen Romane mitScheffel, Freytag, LberS, Eckstein, Dahn,Taylor u. A., und die Zeit der sogen. Butzenscheibcn-lyrik mit dem großen Modevorbild an Scheffel. Da-neben entwickelte sich üppig derFamilienroman", vonDamen geschrieben und von Dame» leidenschaftlich ge-lesen, die Schöpfungen der Marlitt und Nataly vonEschftruth. Ihre Lektüre gehörte zum guten Ton wiedie der epikureischen Novellen von Paul Hehse, aufdessen Schriftthum K. Bleibtreu daS von Karl II. Stuartgebrauchte Wort anwandte:Er sagte nie ein unschönWort und that nie eine schöne That."

Da kam nun in den achtziger Jahren dar Geschlechtzu Wort, das als Knaben oder Jünglinge den großenKrieg miterlebt hatte.Die NeichSflitterwochenzeit warlange vorbei, die konventionelle Lüge, wie wir es soherrlich weit gebracht, hielt vor dem Ansturm der socialenFrage nicht mehr Stand." * *) ES erscholl der Ruf nacheiner Literatur, welche den regen Streit der Geister, denAustausch und Wetteifer der Meinungen der Gegenwart ^)lebhaft herüber- und hinüberspielen sollte, nicht in denausgetretenen Geleisen desFamilienrowaneS" mit demobligatenguten Ausgang" und der behaglich breitenErzählungsweise, wo der redselige Autor sich beständigzwischen seine schablonenhaften Gestalten und den Leserschiebt mit feinen Nutzanwendungen und ohne selbst-erfundene Verwickelungen, ohne originelle sprachliche Präg-ungen die alte Geschichte immer wieder bringt von demoberflächlichen,interessanten" Manne der Gesellschaft unddem schlichten Mädchen aus dem Volke. DaS neue Ver-langen war gut gemeint, und das war der Ausgangs-punkt unserermodernen" Bewegung. Etwas Unerhörteshatte eine solche Opposition nicht.

Hundert Jahre zuvor, in der sogen. Sturm- undDraugperiode, ist ebenfalls eine leidenschaftlich empfindendeJugend wider ihre bisherige Literaturentwicklung ange-rannt, ihr Feldgeschrei warShakespeare "! Auch siehat Protest erhoben gegen die allgemeinen sittlichen Grund-lagen der Gesellschaft, und ihr Losungswort hießRousseau "? Auch sie hatte das Verlangen nachfrischer, natürlicher Ursprünglichkeit des Ausdrucks, kämpftean gegen die Farblosigkeit der Schriftsprache, gegen denpnpiernen" Stil, forderte eine peinlich treue und denkbarkräftigst auf die Sinne wirkende Wiedergabe der ver-schiedenen Formen der Empfindungswelt. Ja, es istnicht einmal nöthig, um 100 Jahre zurückzugreifen.Nur um 50 Jahre, in die Zeit des sogen,jungenDeutschlands" von Gutzkow , Laube und Genossen. Auchderen besonderen Stolz bildete die Mischung der politisch-socialen, der philosophischen und religiösen Streitfragenihrer Zeit mit der ltterarischen Darstellung. Auch siestanden unter französischem Einflüsse und im Bannkreise

->) BartelS a. a. O. 277.

*) Bartels a. a. O. 414.

Die Entwicklungslehre, die Theorie der Vererbung undDclastung, die Zurückversetzung des ganzen Menschen in dieNatur, die Erklärung dcö Gewissens als eines Instinktes, alsdes Anpassungsvermögens für die Bedürfnisse der Gesellschaftund die Erhaltung der Art, nöthigten sich der Analyse auf undzwangen nicht nur die Gelehrten, sondern alle Denkenden, dievitale Frage der Willcnsunfreiheit auf ihren praktischen Werthzu prüfen." L. Bleuer hasset a. a. O. 245.

der Modephilosophen Hegel und Feuerbach . Undwas diese beiden Denker für daSJunge Deutschland"waren, was für dieSturm- und Drangperiode" aufsittlichem Gebiete Rousseau und auf dichterische«Shakespeare bedeutete, das gilt unseren ModernenFriedrich Nietzsche, und ihr literarischer Messias istan Stelle des großen Briten der kleine SkandinavierHenrik Ibsen . Soweit kann man zwischen den neuenund alten Idealen und Idolen die Parallele ziehen.

ES wird nicht leicht eine moderne Literatur geben,ob germanische, ob romanische, ob slavische, welche esvermocht hätte gegen denRealismus" sich auf dieDauer abzuschließen. Ihr Quellengebiet hat diese Getstes-ftrömung da, wo auch der JndustrialiLmuS sich zuerstentwickelte, in England ; alsnatürliche Schule" lenktesie zum erstenmale die Aufmerksamkeit der abendländischenWelt auf das russische Schriftthum und bei den Franzosenbahnte ihr den Weg Flaubert mit seinerMadameBovary ". Das Streben nach Näturwahrheit erstrecktesich auch auf die Form der Darstellung. Kein Menschbedient sich im Uwgangsgespräche langer Perioden, unddarum nahm der Realismus auch die Vernichtung allder schleppfüßigen Satzungeheuer in seine Kriegsartikelauf. Den Beginn der neuen Dichtung bezeichnet inDeutschland das Erscheinen der lyrischen AnthologieModerne Dichtercharaktere" (1885). Von Berlin aus bildete sich bald cine Kolonie in Leipzig , wo sie indem Verleger Friedrich das hatte, was Cotta einst denKlassikern gewesen. Der bedeutendste der Leipziger Jüngstdeutschen" war Herw. Conradt (1- 1890 inWürzburg ),der Typus eines Stürmers und Drängers,dem keine Entwicklung beschicken ist." §) Ueber München brach im Januar 1891 die literarische Sintflut herein mitTosen und Wettern. Eine Arche wurde gebaut für diezur Rettung Erkorenen, sie hieß sichGesellschaftfür modernes Leben".

Der Schlesier O. I. Bier bäum sagt dem histor-ischen und orientalischen Seminar Valet, ihm war miteinem Male die leuchtende Erkenntniß aufgegangen vonseinem einzigen Berufe für die Jüngerschaft Apolls. L.Scharf aus der Nheinpfalz und H. v. Gumppenbergaus Niederbayern ließen ihre juristischen Collegienhefteverstauben; Scharf sang in der Fränkischen WeinstubeseineLieder eines Menschen", wozu der alte HüsarDetlev Freiherr v. Liliencron ?) den Kammertonangab, daß alle verstorbenen Faune und Satyrn stöhnendsich dreimal in ihren Gräbern umdrehten, währendGumppenberg traumverloren umherwandelte und im be-gnadeten Seherthum orakelte von Gesichten,Offenbar-ungen" undTestamenten", die er als5. Prophet"jeweils schauen durfte in der 4. Dimension?) Flugshing nun der Ostpreuße M. Halbe seinen neuen Doktor-hut an den Nagel. WaS scheert' ihn Reich und Kaiser-prunk und der Streit Friedrichs II. mit den Päpstenseiner Zeit? °) Auch er, des Gottes voll, griff zur Leier.Er lockte mit ihren wohllautenden Klängen den lauschen-

Bartels a. a. O. 42l.

*) Geboren 1844 in Kiel . 1894 erschienen seine Adjutanten-ritte. Die Decadcnce zeigt sieb bei ihm als posirtcs Natur-burschentbum mit einer cynischcn Sinnlichkeit.

Er veröffentlichte sie ernsthaft in denNeuesten Nach-richten". Seine tolle GcistcSgeschichte hat er jüngst in demRomanDer 5. Prophet" (Berlin , Ver. f. d. Schriftthum)beschrieben.

") Den TitelFriedrich II. und der päpstliche Stuhl biszur Kaiscrkrönmig" führte seine Dissertation (Berlin 1888).