Ausgabe 
(15.11.1896) 48
 
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den Nachbar vom Nheinc, M. Schwann. den große»Historiker des Bayerlandes, den furchtbaren Janssen-tödter, i°) aus seiner dumpfen Studierstube. Und demwiederum schloß auf seinem KriegZpfade als grimmerWaffenbruder ein ungetreuer Sohn Aeskulaps sich an,O. Panizza , welcher wollte, daß man Pastor, demSchiller JanssenS, »den Schädel einschlage",") underst recht half, den Münchener Parnaß zu einem veri-tabeln Fladen breitzutreten. Und alle diese und anderestürmende Titanen zog an sein Herz M. G. Conrad, ")der Dramatiker, Lyriker, Novellist, Romancier, Pädagoge,Kritiker, Politiker und nunmehr auch Parlamentarier und er schirmte die junge Brüt mitHüterfittichrn"als ihr mächtiger Genius und Hierophant, ihr anderer»Zarathustra ". »Vollbesitz ist uns die Erde, sie genügtuns auch ohne den jenseitigen Anhang, den himmlischenNachtisch", das war seine Loosung (s. »Klerikale Schild-erhebung").Das edle, vollmenschliche Gleichgewicht kannerst dann gefunden werden, wenn daS Fleisch d. i. diesinnliche Seite der Menschennatur aus dem Schmutz undSchutts der übernatürlichen Wähudogmen hervorgezogenund wieder in die natürliche Würde eingesetzt wird" (s.»Flammen"). Große rothe Plakate an allen Ecken undEnden Münchens riefen für die Winterabende Alt- undJungmünchen in die Jsarlusi zu den Andachtsstunden derneuen Gemeinde, welche den Cult ihres Propheten Nietzschemit korhbantischen Lärm daselbst zu feiern pflegte. Undebenso wiederholte sich in anderen Städten, wo nurimmer ein winziges Kaffeehaus oder eine behagliche Weiß-bierstube war, dNS nämliche lustige Bild von den großenZukünftigen.") Es war die Zeit. da jede Woche eineneue Zeitschrift aus irgend einemNeuland" der Mo-dernen auftauchte, bald grasgrün, bald blutroth gekleidet,immer aber berufen, dem deutschen Volke den ersehntenBefreier nach langen, bangen Nächten zu bringen. DieOriginalitätsjagd war allen gemeinsam. Anders schreibenwollten sie als die TageSdichter, und sie erfanden eineProsa, wie sie ein athemloser Mensch herausstößt, miteinem Aufwand von Gedankenstrichen und Punkten, dieihre Hauptwirkung im Wiederholen von Worten undSahtheilen und in abgebrochenen Construciionen suchte.Gewisse, gelinde noch als burschikos zu bezeichnendeSprachtrivialitäten und ein unverkennbares Behagen anunfläthigen Ausdrücken wurden beliebt, geradeso wie beidenStürmern und Drängern" des 18. und denJung-deutschen" des 19. Jahrhunderts. Ueber alles Maß undGeschmack lobten die Leute einander, tauschten sie gegen-seitig UnsierblichkeitSpatente und machten sie ihre Wider-sacher schlecht. Es schien, als sollte von den Gebotender Klassiker nichts mehr Anerkennung verdienen als dieWorte OrestS in Göthe's Jphigenie (III, 1):

Und lass' dir rathen, habe

Die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne;

Komm', folge mir in's dunkle Reich hinab l"(Fortsetzung folgt.)

'°) Er schrieb eine »großartige" Broschüre gegen Janssen.Seine bayer. GeschichteDas neue Bayern", illustr., erschienin Lieserungenin der Süddeutschen Verlagsanstalt in Stuttgart .

") So drückte er sich in einer Kritik aus; ich glaube» eswar in derGesellschaft". Seine nahen Beziehungen zum Staats-anwalt sind im übrigen bekannt.

") Geboren 1846 zu Gnodstadt in Franken; 1883 vonPariö zurückgekehrt, gründete er 1835 das Leibblatt des Sturmesund DrangesDie Gesellschaft".

") Außer den älteren Dichtern E. v. Wildenbruch, W-Kirchbach, H. u. I. Hart und den oben schon genannten

Dr. Albert Stöckl , Domr«pii»lar und Lyccal-Professor in Eichstätt ?)

IN Das kleine Pfarrdorf Möhren bei Treuchilingengab im Mittelalter der Diöcese Eichstätt einen kraftvollenBischof in der Person des Hildebrand von Mern 1261bis 1279. Er nahm Theil an der 14. allgemeinenSynode, welche Papst Gregor X . im Jahre 1274 nachLyon berufen hatte. Auch der hl. Thomas von Aquin war neben dem seraphischen Lehrmeister Bonaventura ge-laden, doch ereilte den Engel der Schule, wie die Nach-welt den Fürsten der Scholastiker mit Recht nannte,ein allzusrüher Tod auf dem Wege zu« Concile inFossannova 1274.

Um den Gründer und ersten Bischof seines Sprengelszu ehren, erbaute Hildebrand in Eichstätt im Anschlüssean den Dom eine Grabkapelle, in welche er am 7. Juli1269 in feierlicher Weise die Gebeine des hl. Willibaldübertrug und späterhin zwei Präbenden für zwei Kapläneam St. Willibaldschore, wie die Grabkapelle benanntwurde, stiftete 1276.

Die Kanoniker, deren Zahl allmählig auf acht ge-stiegen war, sind der Säkularisation zu« Opfer gefallen,aber das imposante Bauwerk deS Westchores erinnert inverjüngter Fassung heute noch an den hochverdientenHtldebrand von Mern.

Im 19. Jahrhunderte nun ist aus eben diesemWeltverlornen Dorfe als Sohn des dortigen Lehrers Stöcklein Mann hervorgegangen, welcher den Faden philosoph-ischer Forschung da wieder anknüpfen sollte, wo daSzweite Concil von Lyon ihn fallen gelassen, welcher diegroßen Summen des hl. Thomas dem Verständnisseeiner durch Kant und Hegel, Schopenhauer und Hart-wann irregeleiteten Welt wieder nahebringen sollte. WarAlbert Stöckl auch nicht Bischof von Eichstätt füreine andere Diöcese war er einmal ernstlich in Aussichtgenommen, hat er auch kein Monumentalwerk auSStein zu« ehrenden Gedächtnisse freudigen Schaffensaufgeführt, so hat er doch einen Wissensdom der solidestenBauweise mit unsäglicher Mühe und unverdrossenem Eiferwieder ausgegraben aus dem berghohen Schutthaufen,den eine undankbare Nachwelt seit der Glaubensspaltungüber dieses Meisterwerk philosophischen und theologischenDenkens des dreizehnten Jahrhunderts aufgethürmt hatte.Im Anschlüsse an den hl. Thomas ist Stöckl zum Re-staurator einer principienfesten Philosophie geworden,wenn er auch in seinen zahlreichen Werken das historischeMoment etwas vernachlässigte. Bei aller Anerkennung

Münchnern waren dabei: K. Vleibtreu, der eine Programm-schrift herausgab; A. Holz u. I. Schlaf, die Begründer deSextremen deutschen Naturalismus, die Revolutionäre K. Henckcll,

M. R. v. Stern und I. H. Mackay (die 5 sind das, waö inder Malerei die Kohl-, Schweine- und Armclcnt-Maler sind);die beiden Juden K. Alberti (eigentlich Sittcnfeld) und H.Bahr , der die BezeichnungDie Moderne" (nachDie Antike"gebildet) erfand und in seinerGut. Schule" ein Muster vonDekadcntenthum gab; der Schildcrer des Berliner (jnartierlutiu, O. E. Hartlcben; ferner: C. Flaischlen (der neuePan-Nedacteur), G. Falke. W. Weigernd, G. Schaum-berg, I. Schaumberger, E. v. Wolzogen , O. Ernst,F. Dörmann, A. Sckinitzler. H. Tovote, K. Busse(geb. 1372), G. Hirschseld (geb. 1873). Von Frauen:

N. Croissant-Rust; M. E. Delle Grazie; W- Jani-tschek; K. Schirmacker: B. v. Suttner; E.Noömcr(Frau Dr. Bernstein-München ) u. And.. Mit Recht machtBartels a. a. O- 461 aus das starke ostdeutsche bezw. ostelbischeContingetit unter den .Modernen" aufmerksam.

*) Eine Lebensskizze, verfaßt von einem seiner Schüler.Mainz , Kirchbcim 1896 72 S.