Ausgabe 
(15.11.1896) 48
 
Einzelbild herunterladen

372

blieb Stock! zeitlebens ein dcmüthiger Priester, ein. an-spruchsloser Mann, der am Abende seines arbeitsamenLebens all die Früchte seiner schriftstellerischen Thätig-keit jenem Hause hochherzig übergab, das sich zu einemzweiten, umfangreicheren Willibaldsstifte ausgestaltet hat nämlich dem bischöflichen Dtöcesanseminare in Eichstütt.

Zur Jahreswende des seligen Heimganges unseresStockt hat nunmehr einer seiner zahlreichen Schüler einenfrischen Kranz in Form einer kurzen Lebensbeschreibungauf sein Grab mit pietätsvoller Hand niedergelegt. Wirfreuen uns, daß dem verdienten Gelehrten ein solch tüchtigerBiograph erstanden ist, der durchaus keinen Grund hatte,seinen Namen mit ziemlich durchsichtiger Anonymität zuverschleiern. Warum sollen denn nicht auch Pfarrer dieliterarische Arena beschielten? Mit einer Lebendigkeit,mit einer Frische, mit einer Wahrheitsliebe wird unsdas Bild des verewigten Lehrers gezeichnet, daß wir amSchlüsse der fesselnden Lektüre gerne bekennen: Ja wahr-lich, das ist Stockt, wie er leibte und lebte mit all seinenVorzügen und Eigenthümlichkeiten, die ihn als Priesterund Mensch zierten, die ihn als Professor und Gelehrtenauszeichneten!

Stöckl verstand es, die lebendige, vor Einseitigkeitund Pedcmtismus schützende Verbindung mit dem Volkeaufrecht zu halten, er trat in Vereinen und Wahlver-sammlungen als Redner auf, schrieb neben streng wissen-schaftlichen Werken klar durchdachte, principienfeste Leit-artikel für Tagesblätter; trotz seiner Vorliebe für dieakademische Lehrtätigkeit verschmähte er es nicht, mitliebevoller Hingabe in der Seelsorge als Prediger, alsBeichtvater in Stadt und Land anszuhelfen; nach ernsterArbeit liebte er heiteren Frohsinn und schalkhaften Scherz;im Kreise von Mstbrüdcrn ahnte Niemand in Stöckl denMann der Gelehrsamkeit.

Nun ist er uns entrissen; aber sicherlich jeder Leserder angezeigten Lebenssktzze Stöckls wird sich an seinemBeispiele zu gleicher Berufstreue, zu ähnlicher unermüd-licher Thätigkeit angespornt und begeistert fühlen. DennStöckl glaubte nicht, daß durch nutzlose Klagen die Nothder Zeit gehoben werden könnte, sondern er arbeiteterastlos mit den Talenten, die Gott ihm anvertraut, umder christlichen Weltanschauung auf allen Gebieten eineBahn zu brechen. Möge die junge Garde dem Rufe desverewigten Führers freudig Folge leisten!

Ueber das Alter des babylonischen und desbiblischen Sintflntberichtes.

Von Joh. Bumüller, Stadt-Koplcm in Ncuburg a. D.

Die verschiedenen Flutberichte, welche sich unter denVölkern finden, geben seit einer Reihe von Jahren Stoffzu wissenschaftlichen Untersuchungen über die Art derFlut und die Entstehungsweise dieser Berichte. Man istdabei zu dem Resultat gekommen, daß Flutsagen zwarbei sehr vielen Völkern vorhanden sind, daß sie aber auchin weilen Gebieten gänzlich fehlen, so daß sich die Sint-flut wahrscheinlich nicht auf alle Menschen, sondern nurauf einen Theil derselben erstreckt hat eine Annahme,die noch durch verschiedene andere Gründe unterstützt wird.Auch ist kaum zu lnuguen, daß manche dieser Flutsagenaus biblischer Beeinflussung oder auf örtlichen Ereignissengründen und mit Unrecht mit dem eigentlichen Sintflut-bericht in Verbindung gebracht worden sind. Dagegenoffenbar zuweitgchend ist jene zur Zeit beliebte Ansicht,

als wären alle Flutsagen auf einzelne örtliche Ereignisse,wie Durchbruch von Flüssen, Ecdbebenfluten, Sturm-fluten, auf dem Festland sich vorfindende Versteinerungenvon Mccrcsthieren zurückzuführen, so daß also den Flut-sagen kein einzelnes historisches Ereigniß zu Grunde lägeund sie eines wirklichen Zusammenhanges entbehrten.Diese Ansicht hat in neuerer Zeit in Franz v. Schwarzmit Recht einen Gegner gefunden, welcher in seinemWerkeSintflut und Völkerwanderungen" unter anderemdie Anficht begründet, daß die Sintflut eine große Ka-tastrophe gewesen, auf welche die meisten Flutsagen zurück-zuführen sind. Schwarz weist dabei auch darauf hin,daß, wenn einzelne örtliche Ereignisse im Stande wären,eine so allgemeine Sage hervorzurufen, vor allem Erd-bebensagen hätten entstehen müssen, von welchen aberkeine Spur vorhanden ist.

Es ist nun für die positiv-christliche Anschauungund Bibelauslegung gewiß erfreulich, daß in weiteren nicht bloß in theologischen Kreisen die Auffassungder Sintflut als einer einen großen Theil des Menschen-geschlechtes heimsuchenden Katastrophe anerkannt und soin den Flutbcrichten der Völker eine Bestätigung desbiblischen Berichtes erblickt wird. Allein es wird jetztversucht, den biblischen Bericht seiner Originalität zu ent-kleiden und die babylonische Flutsage als die älteste undursprüngliche hinzustellen, aus welcher der biblische Berichtentlehnt wäre. Zweck und Konsequenz dieser Behauptungsind klar. So lesen wir z. B. im genannten Werke vonSchwarz Seite 5:. . . . ganz abgesehen davon, daßman in diesem Falle (nämlich bei der Ansicht von derInspiration deS gesammten Inhaltes der Bibel) auch an-nehmen wüßte, daß auch die Keilinschriften vom heiligenGeiste diktirt worden seien, weil der biblische Berichtganz offenbar nur eine Nachbildung des viel älterenkeilinschriftlichen Sintflutberichtes ist. Allen aufgezähltenSchwierigkeiten geht man aus dem Wege, wenn man,wie es wohl für jeden logisch Denkenden ausgemacht ist,annimmt, daß der biblische Bericht eben nichts weiter ist,als einer von den vielen über die Sintflut erhaltenenlokal gefärbten Sintflutberichten, dessen Einzelheiten ebensowenig vernünftig zu erklären sind . . . ." Allein wiesteht es denn mit dem Beweise für die Behauptungvon der Priorität des babylonischen Berichtes. Andrerführt uns denselben in seinenFlutsagen" S. 9 mitfolgenden Worten an:Eine Erzählung ist aus derandern geflossen. Nun ist durch das hohe Alter derbabylonischen Erzählung, die mindestens schon 2000 Jahrev. Chr. schriftlich vorhanden war, eine Entlehnung vonden Hebräern ausgeschlossen. Es bleibt also nur dieMöglichkeit, baß die Hebräer die Sage schon bei ihrerAuswanderung von Ur in Chaldäa mitgenommen odererst während des Exils in Babylon kennen gelernt haben."Ich glaube, es ist nicht schwer, die ganze Willkürlich-keit und unwissenschaftliche Oberflächlichkeit eines solchenBeweises" darzuthun. Der Kern der beiden Berichteist übereinstimmend. Damit ist aber nicht die einzigeMöglichkeit gegeben, daß der babylonische Bericht direktaus dem jüdischen oder umgekehrt hervorgegangenist. Beide Flutsagen können ja auch von einem gemein-schaftlichen Punkte ausgegangen sein, und es fragt sichnur, welcher Bericht mit der wirklichen Thatsache derFlut übereinstimmt und welcher die ursprüngliche Formdurch Ausschmückungen und Zuthaten erweitert hat. Dererstere ist dann identisch mit dem Originalbericht, derzweite aber in seiner sich jetzt darbietenden Form der