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21. Ul>v. 1896.
Henrik Ibsen , Gerhart Hanptmann, HermannSud ermann
im Zusammenhalte mit der „modernen"Poesie und Ethik.
(Vortrug, gehalten im katholischen Kasino zu München .)
(Fortsetzung.)
— 2 . Die wenigsten von den „Modernen" waren vongeklärtem Wesen, ihre Leidenschaften schäumten noch. Siesahen, welche Erfolge der Großmeister des Naturalismus,E. Zola , ^) errang, dem die Welt nicht viel mehr alsein unendliches Spital ist, worüber er in seinen Ex-perimental- und Dtrnenromanen — „Nana" hat jetztdie 100. Auflage — gewissermaßen ein Protokoll auf-nimmt. Getreu dem Darwinismus und feiner Lehrevon der Vererbung und von der thierischen Herkunft desMenscken, stellte Zola es sich zur Aufgabe, in einemRomancyklus von 20 Bänden die thierischen Gräßlich-keiten, die im Menschen schlummern, die Verbrechen-vererbung in einer Familie zu enthüllen. Für ihn gibtes nicht gut und bös, sondern nur nützlich und schäd-lich; alle Erscheinungen der Verthierung führt er aufeinen einzigen Instinkt, den erotischen Mord- oder Zer-storungsinstinkt, zurück. Das Weib ist für Zola eineverderbliche, elementare Naturmacht, die dem Manne dieEnergie aus dem Willen zieht. Nur in der Arbeit findetdie sieche Menschheit ihr Heilmittel, so erlöst auch Dr.Pascal die Familie Nougon-Marqnardt aus ihrerVerthierung; strenge Arbeit ist das einzige Mittel znmneuen Leben. Als ob nicht schon oft die größten Schurkendie unverdrossensten Arbeiter gewesen wären! Als obdie blutigsten Tyrannen und Despoten sich nicht durcheine unermüdliche Arbeitskraft auszeichnen könnten, wiez. B. Navoleon I.!
Unsere Jungdeutschen verkannten von vornherein denUnterschied zwischen dem germanischen und gallischen Volks-gemüthe, als sie die Poesie ausschickten auf die Forschungs-reise in die dumpfen Niederungen des Einzelnen und derGesellschaft, in die Gaffen und Baracken, zu Dirnen undVerbrechern. Dem Germanen fehlt im normalen Zu-stande der Gefallen am Nervenkitzel, nicht umsonst habendie Deutschen die Worte Decadence , Hautgout und „Fri-volität" erst entlehnen müssen aus dem Französischen!Die Meisten der Jüngstdeutschen meinten aber am bestenzu thun, wenn sie mit lüsternem Behagen allerleischmutzige und perverse Instinkte behandelten, mit denenwohl Arzt und Strafrichter, die Literatur jedoch nichtszu schaffen hat, wenn sie mit brutaler Offenheit das mitden Thieren Gemeinsame im menschlichen Liebesleben alsdas Wesentliche betonten und fast als das der Dichtung
") Wie die Beil. z. Allg. Ztg. 1898 Nr. 257 meldet,hat der Irrenarzt E. Toulouse , Chef der Klinik an dermediz. Fakuliät in Paris, es unternommen, an E. Zola einemedizinisch-psychologische Untersuchung über dasVerhältniß zwischen geistiger Supenorirät und Neuropathie an-zustellen. Zola ist darnach ein wirklicher Neuropath, der aneinem auffallenden Mangel von Gedächtniß und literarischemSpürsinn leidet: ein Bruchstück einer eigenen Kritik v. I.1876 schrieb er Sarcey oder Lemaitre zu, eines seiner Jugcnd-gedickste hielt er zuerst für ein Werk Musscts, ein Fragmentvon Pascal schrieb er Voltaire oder Diderot und einFragment aus Moliöre s „Geizigem" dem — Abbs Prob oftzu!! „ES geht hieraus jedenfalls daS eine hervor, daß Zola's literar. Bildung sehr unvollständig gewesen ist, was man ausseinen Werken schon oft vermuthet hatte."
allein Würdige hinstellten. Sie litten an ihrer Ver-gangenheit, sie waren Dekadenten, „Verfallzeitler", vondenen W. Weigand eine so treffliche Schilderung gibt:„Die historische Kritik hatte ihren Glauben an die Ewig-keit jener Denkmäler, denen ganze Geschlechter gesteigerteVerehrung weihten, zerstört oder geschwächt; so ward derEinzelne allmählig geneigt, jene schillernden Ereignisse deSTages, die seine eigenen Neigungen rechtfertigen und seineLeiden beschönigen, als Werke von Bedeutung anzusehenund anzupreisen. . . . Der Verfallzeitler versteht es, seineWillensschwäche auf die geistreichste Weise zu verhüllen;er versucht es nicht einmal zu wollen; er ist im höchstenGrade wählerisch in seinen Geistesgenüssen und genießtzuletzt nur solche Werke, die schon Erzeugnisse eines Aus-nahmezustandes sind, einer herbstlich-reifen Weltanschau-ung, eines Blickes für die Scheidegrenze zwischen Füulnißund strotzender Gesundheit. Er liebt die Werke, in denendie mannigfaltigsten Säfte und Düfte vermengt sind, diedas Nahe und Ferne verschmelzen; er liebt vor allem dieKontraste gewaltsamer Art. ... Es liegt etwas Teuf-lisches in seinem Verneinen des Schaffens, in seinemironischen Einsamkeitsgefühl des Verbannten, der auf keinVerständniß hoffen kann, noch hoffen will." Und geradediese Leute haben den berechtigten Kern, den für mancher-lei die neue Bewegung zweifellos enthielt, gar bald ingründlichen Verruf gebracht. Bezeichnend ist, daß daS1. Sammelbnch der Münchner Modernen 1891 unterdem Titel „Modernes Leben" eröffnet wurde mitVierbaums künstlerisch und sittlich gleich ordinärer„Waschermadlhistorie" in Briefenl!
So wallte denn auch zu München der Modernenstreitbare Schaar auf und ab, „in Lebensfluthen, imThatcnsturm". Mein Gott, was haben sie sich alles ge-träumt! Durch Vortragsabende, durch Errichtung einerfreien Bühne, durch Sonderausstellung moderner Kunst-werke und Herausgabe einer Zeitschrift sollte der moderneGeist im Volke verbreitet werden. Und heute? Als ein-mal der Frühling über's Land kam, als der EnglischeGarten sein junges Grün anlegte und am Gasteig dirAmseln ihre Kehlen zu üben begannen, da sprach keinMensch mehr von „Freier Bühne" und „Freier Aus-stellung", einzig den „Modernen Musenalmanach" undein windiges Kunst- und Literatmblatt hatte die abge-laufene Hochfluth am Strande in München angeschwemmt.Doch nein! Die „Freie Bühne " lebt jetzt erst auf im„Deutschen Theater" ^), das als Titelvignette seinerTextbücher bezeichnenderweise den Faun sich erkoren hat,die grinsende Verkörperung sinnlicher Nohheit und lüsternerBegehrlichkeit; die „Freie Ausstellung" wird gepflegt vonder Secession, und dem Evangelium des modernenGeistes suchen in Wort und Bild Verbreitung zu ver-schaffen „Die Jugend" und der „Simplictssirnus".Und auch die Jerichomauern der Repertoires der k. Theater,sie sind gefallen vor den Posannenstößen der sie um-drängenden Schwarmgeister. Auf der Bühne kamen dieModernen zu Wort, ihre führenden Geister wurden da-selbst seßhaft und literarische Tagesgötzen.
Richard Wagner , der Erfinder des musikalischenDramas, wollte den Deutschen eine nationale Tragödiein Aussicht stellen, ein zweiter Aeschylus. Allein er nber-
>°) Man vergleich- nur die obige Zusammenstellung der„Mcdermn" mit den Nomen, die im Repertoire des DeutschenTheaters vertreten sindt