Ausgabe 
(21.11.1896) 49
 
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sah den Unterschied zwischen seiner eigenen Musik, derenhimmelstürmenden, alles vergewaltigenden Tomnussen unddem schüchternen Lallen einer unentwickelten Kunst. Erübersah, daß die sinnliche Knust die geistige stets todtwacht und schon im einfachsten Liede eine herrliche Me-lodie die Blößen der Poesie zudeckt. Er war auch dererste, welcher in den Gedankenkreis der modernen Philo-sophie trat, in den Bann der Verherrlichung des Willensund der Heiligsprechung der Kraft. Unsere Gegenwartbeschäftigt sich ungcmein viel mit Sittenlchre, mit demGebiete der Ethik. Eine eigeneGesellschaft fürethische Cultur" hat sich gebildet. Die Fragen nachdem Werth, der Bestimmung, der Richtung des Lebens,den Gesetzen unserer Handlungen und Beziehungen, siestehen im Vordergründe des heutigen philosophischenDenkens, beinahe jede Nummer der philosophischen Zeit-schriften bringt eine einschlägige Abhandlung.Säkulari-sation " ist da ebenfalls das Losungswort. Wie man derKirche das irdische Vermögen genommen hat, so möchte manauch unser Denken und Empfinden dem Bereiche derKirche entziehen, so möchte man Moral und Religiontrennen. DaS Endziel aller Richtungen, mögen sie aufdem Grnndprincip des persönlichen Vortheils oder desallgemeinen Nutzens oder des universellen Fortschrittesberuhen, es ist die Befreiung von der religiösen Moral.Einmal, indem man die Weltanschauung des Realismusins sittliche Leben übersetzt und glaubt, es genüge denMenschen naturellcment seinen Leidenschaften zu über-essen und man werde die Sittlichkeit von selbst ent-stehen sehen. Dann aber auch, indem man die Sittlich-keit als solche überhaupt verwirft, weil sie schädlichseil AIs Hauptvertreter dieser Richtung kann der inBerlin 1856 verstorbene Philosoph Kaspar Schmidt mit dem Schriftstellernamcn Max Stirner gelten,dessen Lehre sich dahin zusammenfassen läßt:Alles, wasder Mensch denkt, begehrt und vollbringt, ist recht undgut. Absolute Freiheit ist das höchste Gesetz." Ueber denStandpunkt Stirners , wie ihn vor allem die Schrift,Der Einzige und sein Eigenthum* markirt, ist nochhinausgegangen jener gottlose Evangelist der Freigeisterei,der Modephilosoph der Gegenwart, dem Literatur, Kunstund Theater zu opfern pflegen: Fr. Nietzsche.^) Erist der Philosoph des Realismus und Na-turalismus, er ist der Philosoph des auf seine Beutegerichteten Willens. In seinen vielgclesenen Schriften feierter dieHerrenmoral", d. i. das Recht des Stärkeren aufrücksichtslose Ausbeutung der Schwachen. Der Staat istnach ihm durchein Nudel prachtvoller, nach Beute freischweifender, blonder Bestien" entstanden, welchein derUnschuld des NaubthiergewissenS" die Schwachen unter-jocht haben. Die Schwachen sind dazu da, daß sich ihrerdie Herren scrupelloS Zu ihrem eigenen Wähle bedienen.Die Tugenden der Uebermcnschcn sind Stolz, Muth,Freude, Todesverachtung, Härte und Grausamkeit. DieUnterworfenen machen aus ihrer Noth eine Tugend, ausKleinlichkeit, Acngstlichkeit und Feigheit machen sie Ent-sagung, Selbstzucht und Demuth. DieseSklavenmoral"wu.de vom Christenthum auf den Thron gehoben. Undseitdem krankt die Menschheit an tausend Moralgesetzen,das Individuum ist geknechtet durch Demuth und Liebeund Pflicht. DuS Christenthum ist weiter nichts als einefeige Ruche der jüdischen Sklavenfeelen an ihren heid-nischen Herren, und der Tod Jesu von Nazareth ist der

I. Popp bat in derBeilage" Nr. 28 30 eineünSfl'chtliche Sl-zze-von ihm gegeben.

Köder, um über den Sinn der Pflichtmoral zu tauschen.Mit der Moral des Christenthums, mit dem Autoritäts-glauben der Wissenschaft muß aufgeräumt werden: un-gezügelte Freiheit des großen Individuums, desHerren-menschen" ist zu erstreben: das Endziel der Entwicklungist nur das Ich, das alles nach feinem Willen aus sichheraus vollzieht. Und dieser Philosoph, dem es als un-anständig gilt, Christ zu sein, er ist der Prophet, aufdessen Worte die Modernen schwören, er ist ihnenderPrometheus , der das Feuerlicht einer neuen Welt-anschauung vom Himmel geholt". Citate und Mottosaus seinen Werken, Ideen aus seinem Anschammgskceisbegegnen uns auf Schritt und Tritt in dem Schriflthumder Jüngstdeutschen, und ihre Prosaisten widmen ihmEssay um Essay?') Nur noch Einer ist, der sich mitNietzsches Autorität in der Ethik der Modernen messenkann. Und das ist ihr literarischer Messias selbst,Henrik Ibsen, geb. 1828 zu Skien in Norwegen .

Im hohen Norden sind eine Reihe bemerkenswerthermoderner Schriftsteller entstanden: sie alle haben unsviel zu sagen, und sie wandeln alle ihre besonderen Wege.Sie rühren weniger unser Herz, als sie unsern V rstandanregen. Sie sind weniger impulsive Dichter, über dieeS kommt wie ein Flügelschlag, der sie empor- und mit-reißt, als grübelnde Denker, welche sich abquälen an derLösung der Menschen- und Lebensräthsel. Sie sind mehrinteressant als eigentlich gesund, und sie erwärmen unsnicht so sehr als sie uns interessiren. Zumeist sind sieAtheisten. Der Glaube ist ihnen der abzuschüttelndeStaub; darin herrscht eine beklagenswerthe Ueberein-stimmung zwischen ihnen, kein einzigez>geht einen andernWeg. Gemeinsam ist ihnen der Kamps gegen die Lüge,nur daß sie dabei auch den Glauben einbegreifen. DieFührer sind Björnstjerne Björnson und Henrik

Auf den 15. ds. fiel der 52. Geburtstag des Philosophen,der, geistig umnachtet, gepflegt von seiner greisen Mutter, derPastorswutwe Nietzscbe, in Naninburg lebt. Man berichtet überseinen Zustand: Halbe Tage lang sitzt er in seinem Lehnstuhlim Zimmer oder auf der mit wildem Wein dicht bewachsenenVeranda, den Blick unbeweglich nach einem Punkte gerichtet,unbekümmert um alles, was um ihn her vorgeht. Im vorigenJahre noch machte er oft Spazierfahrten mit seiner Mutter,jetzt sind auch diese unmöglich geworden, und die vier Wändeseines Zimmers sind seine Welt. Im großen und ganzendauert dieser Zustand nun schon Jahre lang an, nur unter-brochen durch Augenblicke, die man auch noch nicht einmallichte" Augenblicke nennen darf. Fast immer war es dieMusik, selbst in der primitivsten Form, die ihn aus seinemdumpfen Brüten riß. Charakteristisch in dieser Beziehung istein Vorfall, der sich vor etwa vier Jabren abspielte. EinesAbends im Dämmerschein war Nietzsche auS seiner Wohnungverschwunden, niemand wußte, wohin. Nach längerem Suchenfand man ihn zwei Häuser von seiner Wohnung entfernt aufder Straße sieben, wo er andächtig einem Arbciterquartettlauschte, das einem Geburtstag feiernden Kollegen ein Ständchenbrachte. Willenlos ließ er sich dann von seiner besorgten Mutternach Hanse führen. Es liegt etwas ungemein Rührendes unddoch wieder eins herbe Schickialöironie darin, den äußerlich fastnoch bleibend aussehenden kräftigen Mann von der Sorge einerFrau abhängig zu sehen, den Mann, der in dem Weib einmindenverthigcS Wesen, eine Art von HauSthier erblickt! Dieserfeindselige Zug gegen das Weib prägt sich ja in allen seinenSchritten aus, und als einmal seine Mutter, stolz auf denNubm ihres Sohnes, ihn fragte, welches seiner Werke er ihrzur Lektüre empfehlen könnte, antwortete er abweisend:Nichts,meine Mutter, meine Werke sind für ein anderes Publikumgeschrieben; höchstens .Schopenhauer als Erzieher' kann einWeib versieben". Acußerlich kräftig und fast blühend, wie ge-sagt, sieht Nietzsche auch heute noch aus, und doch empfindetder schwergeprüfte Mann zu Zeiten auch körperliche Schmerzen,die ihn laut auischrcien lassen; unzarte Naturen sagen;DasWetter ändert sich, der Prosissor schreit."