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Ibsen. Beide sehen wie der Nüsse Tolstoj in derSinneulust die Quelle socialer Entartung, ohne deßhalbaber mit diesem zu einem überspannten Urmenschendaseinzurückzuschreiten. Bei beiden ist das Weib der that-kräfüge Theil, die Triebfeder zum neuen, veredelten Zu-stand, der Mann ist der feige Träger und Vertheidigerverrotteter Gesellschastsinstitutionen. Der Mann ist ihnender Urheber aller Entartung,^nicht das Weib, wie dasdie Franzosen lehren.
Ibsen hat als wahrer Dichter begonnen. Dannwarf er den Idealismus von sich und brachte in nackterProsa der Menschheit ganzen Jammer auf die Bühne.Mit Nachdruck führte er das naturwissenschaftliche Elementdes Darwinismus in die Bühnendichtung ein. SeinStandpunkt ist akkurat der, welchen der 1893 in Romverstorbene Professor Jak. Moleschott einnahm, daßder Mensch einfach das Additionsexempel sei von Elternund Amme, von Art und Zeit, Luft und Wetter, Schallund Licht, Kost und Kleidung. Ibsens Stücke sind fastalle sogenannte Thesen stücke, d. h. sie sind componirt,um gewisse sittliche Anschauungen des Dichters zur Er-örterung zu bringen, sie umkleiden irgend ein ethischesProblem. Er denkt dabei an einen bestimmten, einzelnenMenschen und richtet an die Gesellschaft die Frage, in-wieweit dieser einzelne Mensch fein persönliches sittlichesIdeal in der Gesellschaft verwirklichen könne. Demgemäßist seine sittliche Forderung: Selbstständigteitl Dasführt dazu, daß in der Ehe — und mit der Ehe be-schäftigen sich „Nora", „Die Gespenster ", „Die Frauvom Meere", „Hedda Gabler ", „Klein Eyolf" — nachIbsen die Frau nicht zurückgehalten werden darf durcheinen Zwang, sei es vom Gesetze, sei eS von der Gesell-schaft, sondern daß sie die Freiheit haben soll, von Gattenund Kindern wegzulaufen, sobald sie ihre Eigenart be-droht glaubt. Gerade in diesem ersten Bezirk desMenschcnreicheS, in der Ehe, da untersucht Ibsen mitVorliebe den Niedergang der modernen Gesellschaft. Undda klagt er die Männer härter an als die Frauen. An-zuerkennen ist immerhin, daß Ibsen die Ehe geistiger auf-faßt als Luther , dem sie nur als „weltliche Han-tirung" gilt. Auch führt er uns keine Ehebruchsscenenvor, dergleichen ist in die Vorgeschichte gelegt. Gewißzeigt es von einer ernsten Auffassung, wenn er fordert,daß die Erschließenden sich kein Wort über ihr Vor-leben verhehlen sollen. Er hält ein unsittliches Vorlebendes Mannes durchaus nicht für etwas Erlaubtes odergar Selbstverständliches. Freilich, die christlichen An-schauungen von der Unlösbarkeit der Ehe, der VergeltungGottes u. dgl. sind ihm „Gespenster ". Er ist zweifels-ohne ein Freund der immerwährenden ehelichen Ver-bindung, eines cdeln Gedankenlebens. Ein Leben aberohne Einvernehmen in der Ehe ist ein Leben der Un-wahrheit, und die rückhaltlose Wahrh eit ist daS Centrumder Jbsen'schen Ethik, in ihr beruht die Erlösung derMenschheit, wie sie Zola in der Arbeit sucht. „Frei-heit und Wahrheit", sagt Ibsen , „sind die Stützender Gesellschaft!"
Entsprechend der naturwissenschaftlichen Grundlage,m welcher Ibsens Weltanschauung wurzelt, sind seinePersonen nicht bloß mit einer cowplicirten Vorgeschichte,sondern auch mit ererbten, angestammten Krankheiten be-lastet, die ihre Willensfreiheit aufheben und ihnendie sittliche Verantwortung für ihre Handlungen abnehmen.Besonders in den Dramen „Rosmersholm", den„Gespenstern", „Hedda Gabler ", „Baumeister
Solneß" hat man nicht selten das Gefühl, als befändeman sich in einer Nervenheilanstalt. Eine Person er-scheint bis in die Mitte des Stückes ganz vernünftig,plötzlich jedoch grinst uns aus allen ihren Zügen derblanke Wahnsinn an; auch die Gesunden schleichen zwischenihnen umher in einer nervösen Gespanntheit, die jedenAugenblick überschnappen kann. Die Personen kämpfennickt mehr gegen ihr Schicksal, sie lassen sich einfach zer-malmen. In den „Gespenstern" brütet der Ton dumpferVerzweiflung: Frau Alving kann thun was sie will, ihrSohn wird zur bestimmten Zeit wahnsinnig. Um dieöde Trostlosigkeit dieses Totaleindrnckes noch zu steigern,gibt Ibsen noch gewisse scenische Vorschriften, wiez. B. in den „Gespenstern", wo es heißt: „Durch dieGlaswände unterscheidet man eine düstere Fjordlandschaf!,welche durch gleichförmigen Regen verschleiert erscheint".Diesen Regen läßt Ibsen durch 2 Akte andauern, um im3. Akte der Nacht Platz zu machen. Notabene ist eskein lebenswarwer Lenzregen, sondern ein todkaltsrNovewberregen, unter dem Mensch und Natur erschauern.Es ist freilich nicht immer leicht, aus einer Dichtung ge-rade das herauszusuchen, was sich mit Sicherheit alsAnsicht des Dichters bezeichnen läßt, und nicht vielmehrals subjective Aeußerung der jeweils redenden, vomDichter rein psychologisch aufgefaßten Personen. Wennman aber aus allen Stücken Ibsens das Facit zieht, soerkennt man, daß er die Fähigkeit, noch mit unver-grübelten, hoffnungsvollen Sinnen Menschen und Dingeaufzufassen, einfach verloren hat. Es ist, als gösse erallen seinen Personen das Blei seines Pessimismus indie Glieder, und gerade durch ihn ist die trübselige, ver-bitterte Weltanschauung des Darwinismus und Pes-simismus in die moderne deutsche Literatur autoritativhineingetragen worden. Auch die Gottesidee, wenn anderswir in Ibsens Gedicht „Brand" eine Art Glaubens-bekenntniß überhaupt suchen dürfen, steht bei Ibsen mehrund mehr mit der Vererbungslheorie in Zusammenhang:Gott ist ihm einzig nur der Gott der unbeugsamen Ver-geltung und Rache, der noch die Kindeskinder heimsucht.
„Eins ford're ich nur als mein:
Platz, um ganz ich selbst zu sein.
Dies zu heischen, ist gesetzlich,
Daß mein Selbst sei unverletzlich, —
Ganz ich selbst? Doch wie verbellt sich'sZum Ererbten? Und wie stellt sich'S,
Denk' ick deS Geschlechtes Sünden?"
(Fortsetzung folgt.)
Ueber das Alter des babylonische» und desbiblischen Sintflutberichtes.
Von Joh. Bumüller, Stadt-Kaplan in Nenburg a. D.
(Schluß.)
Ist nun diese Ansicht von der Zusammensetzung deSbiblischen Flutbcrichtes richtig, so beweist dieses, daß dieschriftliche Fixirung des Berichtes mit dessen Entstehungnicht zusammenfällt, daß er sich vielmehr aus Ueber-lieferungen zusammensetzt, welche den babylonischen Berichtan Alter weit übertreffen können. Ob sie ihn aberan Alter wirklich übertreffen, das können wir vorerstnur durch kritische Vergleich,ing dieser Berichte eruiren.Es folgt daher eine Gegenüberstellung der Hauptpunkteihres Inhaltes.
Art der Ueberlieferung der Berichte. Nachder babylonischen Erzählung, welche einen Theil einesHeldenepos ausmacht, kommt Gisdubar, um von einer